1940er „MA-Sammlung“ USA: Rosa Goldmarie auf Riesenwolke, 17 cm, Brünhild-Schlötter-Stil, Märchen-Holzbild 🇬🇧 1940s “MA Collection” USA: Pink Golden Mary on Giant Cloud, 17 cm, Brünhild Schlötter Style, German Wall Figure

IN DIE USA UND ZURÜCK: Besonders kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele Märchen-Holzbilder den Weg von Deutschland in die USA. Vor allem die alliierten Soldaten aus den Vereinigten Staaten kauften sie gerne als Mitbringsel für die Heimreise oder sie schickten sie nach Hause, für ihre Kinder, Nichten und Neffen. Es waren eben sehr ungewöhnliche, typisch deutsche und oft besonders schöne Mitbringsel. Auch nach der Besatzungszeit wurden viele Wandfiguren in die USA geschickt, viele der großen Manufakturen bekamen Bestellungen aus „Übersee“. Von einigen Figuren weiß ich ganz genau, dass sie in der USA gewesen waren, weil ich sie selbst von dort erworben habe und sie nun wieder in Deutschland sind – vielleicht auch nur vorläufig?

🇬🇧 TO THE USA AND BACK: American soldiers bought many German Wall Figures when they were stationed in Germany after the Second World War. Those beautiful wood plaques made perfect gifts for their kids, nieces and nephews back home, always very special–very often very beautiful. Also in the decades following the 1940s they remained popular in the United States of America. Many German arts and crafts manufacturers got large orders from “Übersee” (overseas). There are several figures of which I definitely know they made the journey to the USA and back: those that I bought from the USA myself. (Buch/25)

1940er Unbekannt Niederlande: Schmale gelbe Jugendstil-Frau, 25 cm (Dornröschen?), Laubsägearbeit 🇬🇧 1940s Unknown, Dutch: Slim Yellow Art Nouveau Woman, 25 cm (Sleeping Beauty?), Hobby Craft

KLEINER BASTLER, GROSSER MEISTER: Viele Eltern haben damals das Laubsäge-Hobby ihrer Kinder gerne unterstützt. Die Kinder (oft, aber nicht immer Jungen) schulten ihr handwerkliches und künstlerisches Geschick und schufen etwas Nützliches, oft ein Geschenk für Mama, Opa oder die kleine Schwester. Eine kluge Werbung hat dies in den 1940er Jahren auf einem Laubsäge-Werkzeug-Set mit 4 Wörtern unübertrefflich formuliert: „Kleiner Bastler – großer Meister.“

🇬🇧 YOUNG CRAFTER, OLD MASTER: Many parents back then liked their children making hobby craft items with their fretsaw tools. Most of the time, but not always, it was boys, honing their arts and crafts talent. They also created something useful, often a birthday or Christmas present for Mum, Grandpa or the little sister. A clever 1940s advertisement for a children’s fretsaw tool set put it perfectly in four words: “Young Crafter–Old Master” (translated). (9/5)

1940er Münchner-Kunst-Kopie: Rattenfänger von Hameln mit Backenbart, 26 cm, Laubsägearbeit 🇬🇧 1940s Münchner-Kunst Copy: Pied Piper of Hamelin with Sideburns, 26 cm, Hobby Craft

ZWEITER WELTKRIEG, NOTKOPIEN: Die Jahre im und nach dem Zweiten Weltkrieg waren für viele Menschen hart. In Deutschland entstanden damals tausende von Märchen-Holzbild-Hobbyarbeiten, die für den Verkauf hergestellt wurden. Aber nicht jede 1940er Hobby-Laubsägearbeit wurde aus der Not heraus gefertigt. Woran also erkennt die Verkaufsabsicht? Am deutlichsten daran, dass viele Motive mehrfach herstellt wurden. Ich kenne Sammlungen, denen nicht nur zum Beispiel das gleiche Rotkäppchen dreimal beilag, sondern auch die Vorlagen, von denen kopiert wurde: Ein Faltblatt mit Ilse Schneider-Motiven aus der Eifel oder Pauspapier mit Motiven von Heller. „Nachahmungen werden verfolgt“ stand auf einigen Mertens-Rückseiten aus dieser Zeit.

🇬🇧 SECOND WORLD WAR, HARD TIMES COPIES: The years in and after the Second World War were hard for many people. In Germany, many tried crafting fairy tale fretsaw figures to sell them. But not every 1940s fretsaw item was made to sell and survive: How can you tell the difference? The easiest telltale sign would be that someone had made many copies of the same motif. I’ve known of collections that contained not only something like three times the same Little Red Riding Hood but also the templates that were used: real figures from the prewar nursery or paper templates, copied from Heller or Ilse Schneider (Eifel). Back then, there were stamps on some backs of Mertens figures: “Copying will be prosecuted” (translated). (Buch25)

1960er Dullien: Hoher Kalenderhalter mit Eichhörnchen, 30 cm, Brettchen-Vorlage, Laubsägearbeit 🇬🇧 Vintage Dullien: Tall Calendar Holder with Squirrel, 30 cm, Board Template, Hobby Craft

HOBBYARBEITEN, KALENDERHALTER: Flachfiguren als Kalenderhalter waren im letzten Jahrhundert sehr beliebt, besonders um die Jahrhundertmitte herum. Oft waren die Motive Kinder, aber es gab auch Figuren mit Erwachsenen, zum Beispiel den zeitungslesenden Schornsteinfeger von Graupner/Graubele als Laubsägearbeit. Diese Kalenderhalter waren immer ein schönes Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten: Die kleine Schwester bekam sie, Papa bekam sie und Oma bekam sie. Man brauchte nur noch einen aktuellen kleinen dicken Kalenderblock dazu: Auf den Vorlage-Brettchen waren für die Anbringung extra kleine Aussparungen eingezeichnet.

🇬🇧 HOBBY CRAFTS, CALENDAR HOLDERS: Wood figures as calendar holders were very popular around the middle of the last century. Many of the motifs were children, but also adults, for example the very popular newspaper reading sweep by Johannes Graupner/Graubele. Those hobby craft figures were great birthday or Christmas presents: The little sister got them, daddy got them and granny got them. You just needed a current small thick calendar block to attach to your fretsaw craft: The wooden templates even had little holes to fit the calendar block into. (Buch/25)

Graupner mit Jahresangabe 1940: Spaß-Zwerge mit Banjo und auf Fliegenpilz sitzend, 18 + 19 cm, Laubsägearbeiten 🇬🇧 Graubele Dated 1940: Fun Gnomes with Banjo and Sitting on Fly Agaric, 18 + 19 cm, Hobby Crafts

GRAUPNER, SPASSZWERGE: Johannes Graupner/Graubele hat im letzten Jahrhundert eine Serie von Zwergen als Laubsägevorlagen herausgebracht, die ich „Spaßzwerge“ nenne, denn sie sind alle fröhlich und ein wenig albern. Sie tauchten erstmals zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im Graupner-Katalog von 1939 auf und finden sich auch noch in den Katalogen der 1950er Jahre. Zu den Motiven der „Spaßzwerge“ gehören: Zwerg mit Banjo, Zwerg auf einem Fliegenpilz mit Liederbuch, Zwerg auf einem Steinpilz mit einer Flöte, Zwerg mit Blumenhemd, Zwerg mit Sonnenblumen und ein besonders schöner Zwerg mit einem Erdbeerkorb.

🇬🇧 GRAUPNER, FUN DWARFS: Johannes Graupner/Graubele made a series of gnomes as fretsaw templates in the last century, which I call the “fun dwarfs” because they are all cheerful and a bit silly. They actually first appeared at the beginning of the Second World War, in the Graupner catalog from 1939. These fun dwarfs can still be found in the Graupner catalogs from the 1950s. There are the following motifs in the “Fun Dwarfs” series: with banjo, on a toadstool with songbook, on a porcini mushroom with flute, wearing a flower shirt, with sunflowers, and with a strawberry basket. (Buch/25)

1950er Graupner: Aschenputtel am Grab der Mutter mit Baum (Katalog Nr. 5122), Laubsägearbeit 🇬🇧 1950s Graubele: Tall Format Cinderella her Mother’s Grave with Tree (Catalog No. 5122), Hobby Craft

ASCHENPUTTEL AM GRAB DER MUTTER: Von Hellerkunst stammt das kniende Aschenputtel mit dem Kreuz-Grabstein und dem Zauberbaum, von dem leuchtend gelber Stoff herunterfällt – das Ballkleid. Graupner hat eine Laubsägevorlage dazu entworfen, bei der das traurige Aschenputtel mit großen breiten Steinen zu sehen ist, wie Grabsteine eines Monuments, mit einem hohen Baum dahinter, einer Birke. Bei Hellerkunst hingegen ist der Baum eine Tanne.

🇬🇧 CINDERELLA AT HER MOTHER’S GRAVE: Hellerkunst created the beautiful kneeling Cinderella with the cross-shaped gravestone and the magic tree from which bright yellow fabric falls – the ball gown. Graupner designed a hobby craft template showing a sorrowful Cinderella with large, wide stones resembling monument gravestones, with a large tree behind it, a birch. In the Hellerkunst version, the tree is a pine. (9/5)

1940er Nacktknie-Zwerg mit Glockenblume und filigranem Goldsaum, 25 cm, Laubsägearbeit 🇬🇧 1940s Naked Knees Gnome with Bellflower and Delicate Gold Trim, 25 cm, Hobby Craft

ZWERGE, ÜBERSICHT: Zwerge, Gnome und Wichtel waren in der Märchen-Holzbild-Ära (1920er bis 1980er Jahre) überaus beliebt. Alle großen Manufakturen produzierten große Mengen von den Zwergen als flache Wandfiguren: Heller, Mertens, Ravi, Bergischer Engel, Ilse Schneider aus der Eifel, die Münchner-Hersteller, Edelholz Freiberg (Erzgebirge), Kurt Süß (DDR) und viele mehr. Sehr viele Wichtel kamen damals von Grossmann in Oberbayern. Die süßen Bayern-Zwerge waren quasi die Spezialität von Grossmann: Die Manufaktur hat damals tausende ihrer liebenswerten Zwerge aus Deutschland ins Ausland verschickt. Aber auch die Vorlagen-Hersteller von Hobbyarbeiten, allen voran Johannes Graupner, schufen viele Motive mit Zwergen. Am ungewöhnlichsten ist wohl der Chefkoch-Zwerg mit dem Fliegenpilz-Gericht und der Katze.

🇬🇧 DWARFS, OVERVIEW: Dwarfs or gnomes were very popular in the era of German Wall Figures (1920s to 1980s). Many professional wood art manufacturers made those beautiful wood plaques: Heller, Mertens, Ravi, Bergischer Engel, Ilse Schneider of the Eifel region, the Munich producers, Edelholz Freiberg from the Ore Mountains, Kurt Süß (GDR), and many more. Many dwarfs were produced by Grossmann in Upper Bavaria. Loveable little gnomes were Grossmann’s specialty, and they shipped thousands of them to the USA and other countries. But also the producers of hobby craft templates offered many different dwarf motifs, especially Johannes Graupner. He also provided one of the most unique fretsaw figures: The Chef Dwarf with a poisonous mushroom dish and a cat. (Buch/25)

1940er Graupner: Fröhlicher Schusterjunge mit Zigarette beim Stiefel-Ausliefern, 25 cm (Katalog: 5032), Laubsägearbeit 🇬🇧 Midcentury Graubele: Cheerful Shoemaker Boy with Cigarette Delivering Boots, 25 cm (Catalog: 5032), Hobby Craft

GRAUPNER, ÜBERSICHT: Johannes Graupner war ein bedeutender Hersteller von Laubsägevorlagen, die von 1930er- bis zu den 1990er Jahren hergestellt wurden. Er gründete seine Firma, indem er Anfang der 1930er Jahre ein in Cannstatt (Stuttgart) ansässiges Unternehmen übernahm, das Vorlagen für Laubsägearbeiten herstellte. Der neue Betrieb entwickelte sich zu einem Familienunternehmen und brachte wunderschöne Vorlagen hervor – nach und nach unter drei verschiedenen Namen: Cannstatter Laubsäge-Arbeiten, Graupner und Graubele. Der älteste mir bekannte Graupner-Katalog stammt aus den 1930er Jahren. Später erschienen die meisten Vorlagen unter dem Namen „Graubele“. Ab etwa 1959 wurde wieder der Name „Graupner“ verwendet, bis in die 1990er Jahre hinein.

🇬🇧 GRAUPNER, OVERVIEW: Johannes Graupner was a major producer of fretsaw figure templates from the 1930s to the 1990s. He founded his company by taking over a Cannstatt (Stuttgart) business that had been producing fretsaw templates in the early 1930s. The new business developed into a family-run company that produced beautiful templates under three different names over time: Cannstatter Laubsäge-Arbeiten, Graupner, and Graubele. The oldest Graupner catalog I know dates back to the 1930s. Later, most templates were published under the name “Graubele.” From around 1959 onward, the name “Graupner” was used again until the 1990s. (Buch/25)

1950er Graupner: Kleiner Schornsteinfeger, auf dem Dach frühstückend, 14×13 cm, Laubsägearbeit 🇬🇧 1950s Graubele: Little Chimney Sweep Having Breakfast on the Roof, 14×13 cm, Hobby Craft

HOBBYARBEITEN, QUALITÄTS-UNTERSCHIEDE: Manchmal findet man alte Laubsägefiguren aus dem letzten Jahrhundert, die einfach großartig ausgeführt worden sind. Deren Hersteller hätten im letzten Jahrhundert sicher kein Problem gehabt, bei einer der großen Märchen-Holzbild-Manufakturen eine Anstellung zu finden. Vielen Hobbyarbeiten sieht man die Hobbyarbeit deutlich an, aber auch das hat seinen Charme. Oder es ist sehr anrührend – wie zum Beispiel bei einer Figur mit der Widmung „Für Mama zum Geburtstag 1948.“

🇬🇧 HOBBY CRAFTS, DIFFERENT QUALITIES: In the last century there was the very popular German hobby of making your own fretsaw wood plaques. Templates came from many producers, and some motifs were extremely popular. Some of those hobby items are so beautifully done that the crafter would easily have found a job with one of the professional manufacturers of German Wall Figures. With most homemade figures you can tell a hobby craft is a hobby craft—but still, that can be very charming. Or it can be touching, for example if a child had written “Mommy’s birthday 1948” (translated) on the back. (Buch/25)

1940er Unbekannt: Glückliche kleine Bayernkinder auf einem Zaun, 10×15 cm, Laubsägearbeit 🇬🇧 Midcentury Unknown: Happy Little Bavarian Children on a Fence, 10×15 cm, Hobby Craft

MÄRCHEN ODER KEIN MÄRCHEN? Das ist die wichtigste Grundfrage zu den Motiven der Kinder-Wandfiguren aus dem letzten Jahrhundert. Die Holzbilder-Ära hatte im Grunde nur zwei Themenbereiche: Eine Figur war entweder ein Märchen oder kein Märchen. Dann war es oft ein reines Kindermotiv, zum Beispiel ein Frühlingskind mit Blumen oder ein frierender kleiner Junge mit Schneeball – wie die berühmte Heller-Figur aus den 1930er-Jahren. Die häufigsten Motive waren allerdings die klassischen Brüder-Grimm-Märchen, daher auch der Genre-Name: Märchen-Holzbilder.

🇬🇧 FAIRY TALE OR NOT A FAIRY TALE? That is the most important basic question concerning the motifs of last century’s German Wall Figures. You can divide the wood figure era into two main types: The figure either showed a fairy tale—or not. In the latter case, it was often a simple child motif, for example a spring girl with flowers or a freezing little boy with a snowball, like the famous Heller figure from the 1930s. Most of the motifs, however, were classic Brothers Grimm fairy tales—that’s why the German genre name is “Märchen-Holzbild,” meaning fairy tale wood picture. (Buch/25)