Märchen-Holzbilder von A–Z
ÄRA: Die Ära der Märchen-Holzbilder dauerte von den 1920er- bis zu den 1980er-Jahren. Vor allem in Deutschland wurden Millionen dieser Kinder-Wandfiguren hergestellt, aber auch im Ausland – besonders in den Niederlanden (viele mit dem Stempel „Holland“). Zu den großen deutschen Manufakturen gehörten vor allem Hellerkunst, Mertens-Kunst, Ravi-Kunst, Grossmann Reit im Winkl, Original Bergischer Engel, die Münchner-Kunst und viele mehr. Insgesamt – inklusive der vielen kleinen, inzwischen vergessenen Manufakturen – gab es in Deutschland wohl mehrere Hundert. Und natürlich entstanden auch zahlreiche Laubsägearbeiten, die zu Hause als Hobbyarbeit gefertigt wurden. Meist griff man dabei auf Vorlagen zurück, von denen es im letzten Jahrhundert eine große Auswahl gab.
ALSA: Ich habe einmal eine große Sammlung von Märchen-Holzbildern aus den Niederlanden erworben – darunter 27 Wandfiguren von Alsa und Kleur & Profiel. Das Holz der Alsa-Figuren ist häufig außergewöhnlich dick (fast 1 cm), und die Farben sind kräftig und leuchtend. Das Alsa-Logo ist rund und enthält die vier stilisierten Alsa-Buchstaben. Ich kenne es sowohl als glänzenden goldenen Aufkleber als auch als Stempel. Bei den allermeisten Alsa-Holzbildern fehlen allerdings beide dieser Kennzeichnungen – dennoch ist ihr Stil eindeutig: Das riesige Rotkäppchen (32 cm) mit der großen Biene im Blumenbouquet hat die gleichen filigran gezeichneten blauen Augen wie der ebenso große kleine Wanderer (33 cm), der glücklicherweise den Stempel trägt! Märchen-Holzbild-Forschung hat tatsächlich viel mit genauem Hinschauen und Vergleichen zu tun. Weitere typische von Alsa sind Häuser, Fliegenpilze, Fliegenpilzhäuser, Gänse, Bäume, eine Wolke und der große Wolf – passend zum Rotkäppchen. Ich würde gerne mehr über Alsa erfahren – kann jemand helfen?
ANDERSEN: Das ist der große Unterschied zwischen den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Andersen, dass die Andersen-Märchen zum Genre der „Kunstmärchen“ gehören, ausgedacht von Hans Christian Andersen aus Dänemark (1805–1875), während die Brüder-Grimm-Märchen sehr alte Märchen sind; nach neueren Theorien teilweise nicht nur Hunderte, sondern sogar mehrere tausend Jahre alt. Die meisten Märchen-Holzbilder zu Andersen-Märchen stammen von der Manufaktur Asti-Kunst aus Dänemark (letzte Jahrhundertmitte). Einige Beispiele: Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, Die kleine Meerjungfrau, Des Kaisers neue Kleider, Das Feuerzeug, Die Hirtin und der Schornsteinfeger und Die wilden Schwäne. Andersen-Märchen-Holzbilder von anderen Herstellern: Die Prinzessin auf der Erbse (Mertens und Ravi), Die Prinzessin und der Schweinehirt (Heller, Hilla, Erika Bartels), Däumelinchen (Mertens, Ravi, Eifelkunst) und Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern (Ravi, Hilla).
ARGUMA: Arguma zählt zu den vielen kleinen Herstellern von Märchen-Holzbildern aus dem vergangenen Jahrhundert. Von Arguma stammt zum Beispiel ein kleiner roter Zwerg, der über eine bunt gepunktete Wiese läuft – vermutlich aus den 1930er- oder 1940er-Jahren. Der Rückseiten-Stempel ist aufwändig gestaltet: Über einem großen Kreis mit den Buchstaben „MHB“ steht halbkreisförmig das Wort „Arguma“, darunter das Wort „Handarbeit“. Ich stelle mir gerne vor, dass „MHB“ für „Märchen-Holzbild“ steht – den Genrebegriff, den ich der Ära der Wandfiguren gegeben habe –, aber vermutlich handelt es sich einfach um Namensinitialen. Aufgrund des aufwändigen Stempels kann man jedoch davon ausgehen, dass Arguma im letzten Jahrhundert viele verschiedene Kinder-Wandfiguren hergestellt hat.
ARNHEIM-SAMMLUNG: Es gibt eine kleine Sammlung von Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert, die ich die „Arnheim-Sammlung“ nenne. Sie besteht aus verschiedenen Kinder-Wandfiguren, die ein Soldat während des Zweiten Weltkriegs an seine Familie in Deutschland geschickt hat. Auf einigen der Rückseiten steht „Arnheim 1942“, zum Beispiel bei einem Mädchen mit hellblauem Kleid und knielangem Zopf: Sie rupft Blumenblätter von einer weißen Blume; es ist offenbar das Abzählspiel „Er liebt mich, er liebt mich nicht“. Das Arnheim-Blumenmädchen trägt das Datum 10. April 1942. Auf einer anderen Figur sieht man ein zauberhaftes gelbes Mantelkleid-Schneewittchen mit tanzenden Zwergen. Der Soldatenvater hatte die Rückseite mit Füller folgendermaßen beschrieben: „So umtanzen wir armen Männer-Zwerge euch Frauen. Arnheim 10.1.42.“ Beide Figuren sind vermutlich von Manufakturen aus den Niederlanden hergestellt worden. Weitere Märchen-Holzbilder aus der Arnheim-Sammlung stammen von Mertens und von Heller.
ASTI-KUNST: Die „Spezialität“ der dänischen Asti-Kunst-Manufaktur waren die Märchen von Hans Christian Andersen (1805–1875), die literarisch gesehen sogenannte „Kunstmärchen“ sind, da sie von ihm selbst geschrieben wurden und nicht bereits durch die Tradition überliefert worden waren. Beispiele von Asti-Märchen-Holzbildern mit Andersen-Motiven: Ole Luk-Oie / Ole Lukoie (Ole Augenschließer), der dänische Sandmann mit Schirm und Spritze, und das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Ich vermute, dass Asti von den 1930er- bis zu den 1950er-Jahren produziert hat – anfangs noch mit kompletter Handbemalung, später in einer Art Siebdruckverfahren mit handbemalten Rändern. Auch der runde Rückseiten-Stempel änderte sich im Laufe der Zeit: Erst wurde er eingeprägt, später aufgestempelt. Das Motiv blieb gleich: der Name „Asti-Kunst“ mit einem reizenden kleinen Kerzenmädchen. Weiß jemand mehr über Asti-Kunst aus Dänemark? Bitte schreiben Sie mir!
AUFHÄNGUNG, MANUFAKTUREN: Die meisten Hersteller von Märchen-Holzbildern aus dem 20. Jahrhundert haben ihre Wandfiguren damals mit einem Aufhänger versehen. In den Dreißigerjahren wurde häufig ein gelochtes Lederstück verwendet: als Dreieck (besonders bei Heller), als Kreis (manchmal bei Mertens) oder als Streifen. Später gingen fast alle Hersteller zu runden, am Rand leicht verzierten Bildaufhängern mit einem kleinen Metalldreieck über. Die originellste serienmäßige Aufhängung kam aus der ehemaligen DDR: ein kleines rechteckiges, gelochtes Stück Wachstuch, offenbar aus Küchentischdecken ausgeschnitten. Das hing damit zusammen, dass die Kunsthandwerksbetriebe in der DDR in der Regel nur äußerst unzureichend mit Materialien ausgestattet waren und improvisieren mussten. Ich habe in einer Dokumentation davon gehört, dass bei der Herstellung von Glaswaren einmal plötzlich alle Produkte in einer anderen Größe gefertigt werden mussten – nur weil es keine passenden Verpackungsschachteln mehr für die alten Maße gab.
AUFHÄNGUNG, NACHTRÄGLICH: Bei vielen der alten Märchen-Holzbildern fehlt inzwischen der Aufhänger. Ich habe schon viele nachträglich verwendete Aufhänge-Methoden gesehen, zum Beispiel ein Lederstreifen mit Loch, kleine Metallplatten mit zwei Nägelchen und einem Metalldreieck, ein einfaches Nagelloch im Holz, mit Pflaster oder sogar Briefmarken aufgeklebte Wolle, Klebemasse von einer Heißklebepistole mit Draht, breite Streifen von doppelseitigem Klebeband oder wiederverwendbare dicke Klebepunkte. Ich selbst benutze den Klassiker – die runden, gummierten Stoffaufhänger mit Metalldreieck von Herma. Nach dem Trocknen stellt man allerdings häufig fest: Das Bild hängt schief. Also präpariere ich die Aufhänger, indem ich sie auf besonders stark klebendes doppelseitiges Klebeband klebe („Tesa, extra strong“) und dann außen das überstehende Klebeband abschneide. Dann hat man einen Aufhänger, den man vorsichtig an einem Nagel testen kann, bis die Figur gerade hängt. Erst dann drücke ich den Aufhänger ganz fest an.
AUGENWEISS: Die allermeisten Hersteller von Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert haben ihre Figuren ohne Augenweiß gezeichnet. Magda Heller hat die Gesichter ihrer Märchenkinder immer nur mit einem braunen Stift gezeichnet, und auch die späteren Siebdruckfiguren von Heller bekamen braune Gesichtszüge. Es gibt nur wenige Ausnahmen, zum Beispiel den kleinen „Mohr“-Hampelmann von Magda Heller: Da kann man das Augenweiß deutlich sehen, sogar in zwei verschiedenen Weiß-Schattierungen. Bei Mertens kommt das Augenweiß schon etwas häufiger vor, ist aber immer noch sehr selten; das Gleiche trifft auf Grossmann und die Münchner Hersteller zu. Ich kenne nur einen alten Hersteller mit dem Namen „Kunsttruhe“, bei dem alle Figuren das Augenweiß zeigen.
AXTZWERG-SAMMLUNG: Ich kenne eine Sammlung von fünf Laubsägearbeiten, die eine Urenkelin von ihrem Urgroßvater bekommen hatte – alles ungewöhnliche Figuren: Sandmann, Schneewittchen, Rotkäppchen mit Wolf und ein Tannenbaum-Zwerg mit Axt. Die Urenkelin erzählte, dass ihr Urgroßvater sehr gerne Grafiker geworden wäre, es aber nicht durfte. Er lebte in Sachsen; dass er damals dort in der DDR „eingesperrt“ war (die Menschen durften das Land seinerzeit nicht verlassen), war keine Ausnahme, da der kommunistische Staat vielen Menschen ihren Wunschberuf verwehrt hatte, selbst wenn eine große Begabung vorlag. So stellte er handwerkliche Dinge für den Eigenbedarf her – zunächst für die Tochter, dann für die Enkelin; schließlich bekam die Urenkelin die Figuren. Es ist ein großes Glück, wenn Menschen ihre eigenen Talente sehr gut kennen und einen entsprechenden Berufswunsch haben – und umso trauriger, wenn sie diesen Beruf dann nicht ausüben dürfen.
BESCHÄDIGT, ABER DA! Manchmal findet man Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert, die beschädigt, aber selten und interessant sind. Dann ist eine Beschädigung kein großes Problem – man ist einfach froh, die Wandfigur überhaupt in den Händen halten zu können. Das trifft natürlich ganz besonders auf sehr seltene und außergewöhnlich schöne Figuren zu. Beispiel: die Bienen-Elfe von Heller.
BLICKRICHTUNG: Ich wurde einmal gefragt, ob die meisten Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert eher nach rechts oder nach links schauen. Beim Scrollen durch meine umfangreiche Holzbilder-Fotobücherei (rund 20 000 Fotos) kam ich zu folgendem Ergebnis: Beide Blickrichtungen sind etwa gleich häufig vertreten. Was mir beim Scrollen außerdem auffiel: Die allermeisten Wandfiguren wurden im Profil gezeichnet. Es gibt verhältnismäßig wenige Figuren, die einen mit beiden Augen anschauen. Umgekehrt ist es bei den Hampelmännern, die von den meisten Herstellern von Märchen-Holzbildern ebenfalls produziert wurden: Dort sind in der Regel beide Augen sichtbar, und die Profilansicht ist eher die Ausnahme.
BRÜDER GRIMM ZUM ANFASSEN: Es waren vor allem die Helden der Brüder Grimm, die damals auf den Märchen-Holzbildern verewigt wurden. So ein Geschenk gab einem Kind etwas Solides in die Hand – eine hölzerne Verkörperung seiner Gutenachtgeschichten. Jetzt, im neuen Jahrtausend, gibt es viele Erwachsene, die diese Figuren (wieder) sammeln. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass im heutigen digitalen Zeitalter etwas Festes, etwas Solides, etwas aus dem Natur- und Urmaterial Holz wieder neu geschätzt wird; besonders, wenn es auch noch Kindheitserinnerungen weckt. Erstaunlich ist, dass das selbst bei jenen der Fall ist, die damals gar keine Märchen-Holzbilder von hochwertigen Manufakturen wie Heller, Mertens oder Ravi kannten oder besaßen. Zu Letzteren gehöre ich selbst: Ich habe 2014 zum ersten Mal eine solche Figur in den Händen gehalten, obwohl ich 1963 geboren wurde.
BRÜNHILD SCHLÖTTER: Es könnte sein, dass die berühmte Kinderbuch-Illustratorin Brünhild Schlötter in den 1930er-Jahren einige Entwürfe für Alfred Mertens gemacht hat. Die Ähnlichkeit einiger Märchen-Holzbilder von Alfred Mertens mit den wunderschönen ätherischen Figuren aus Brünhild Schlötters Märchenbüchern ist frappierend – die zarten Linien, das lange Wasserfall-Haar. Weiß jemand mehr darüber? Von Brünhild Schlötter weiß ich bisher nur, dass sie wohl 1911 in München geboren wurde und in den 1930er-Jahren Malerei studiert hat.
BURKERT: Viele Märchen-Holzbilder dieser Manufaktur entstanden im letzten Jahrhundert in den kommunistischen DDR-Jahre (1949–1990), mit einem EVP-Preis in der inzwischen nicht mehr gültigen Währung „DDR-Mark“ auf der Rückseite. Die Herstellung fand in der Stadt Olbernhau statt, die zum sogenannten „Spielzeugland“ gehört – mitten im Erzgebirge. Das Besondere an den Wandfiguren von Burkert ist ihre 3D-Optik: Sie sind aus deutlich dickerem Holz gefertigt als andere Wandfiguren, und ihre Oberseite weist geschnitzte Elemente auf.
BÜROBEDARF-SERIE: Dieser mir unbekannte Hersteller von Märchen-Holzbildern scheint aus dem Ruhrgebiet zu stammen. Von ihm stammt zum Beispiel das kleine Mädchen mit der riesigen roten Haarschleife, das einen Plüschesel am Ohr festhält – vermutlich aus den 1940er-Jahren. Einige Figuren stammen aus einem „Bürobedarf“-Geschäft, und im Laufe der Jahre habe ich sie deshalb unter „Bürobedarf-Serie“ abgespeichert. Falls jemand den tatsächlichen Namen des Herstellers kennt, würde ich mich sehr über eine Rückmeldung freuen! Auf den Rückseiten habe ich folgende Stempel/Aufkleber gefunden: „Pferdekämper Bürobedarf Dortmund“, „Paul Hildebrand Dortmund“, „Josef Oettgen Köln, Am Hof 1“ und „Franz Hammen(?), Augsburg“. Die Holzbilder haben einen sehr markanten Stil: weiche Linien, sehr niedlich und äußerst filigran gezeichnet. Weitere Beispiele: das liebevolle kleine Mädchen auf dem roten Stuhl mit ihrer Petticoat-Puppe, ein großes Hexenhaus und ein noch größeres Rotkäppchen, das gerade von der Mutter verabschiedet und ermahnt wird.
CHRIJO MÜLLER: Dieser alte Hersteller erinnert mit seinem bunten und humorvollen Stil ein wenig an Comic-Zeichnungen – zum Beispiel bei der Frau Holle mit der Dirndl-Goldmarie, die sich gegenseitig anschauen. Der Rückseiten-Stempel lautet: „Kunstgewerbl. Werkstätten Chrijo Müller Hann. Münden“ (Niedersachsen). Ich vermute, dass Chrijo Müller in den 1930er-Jahren produziert hat, aber eventuell besteht auch ein Zusammenhang mit Ruth Müller, die die Mini-Stadtansichten „Münden in der Schachtel“ aus Holz hergestellt hat. Allerdings kam Ruth Müller erst 1945 (als Ostflüchtling) nach Hann. Münden. Datiert kenne ich bisher nur eine Kopie des Chrijo-Müller-Nachtwächters mit der Widmung „Weihnachten 1945“. Alle Chrijo-Müller-Motive sind einzigartig, originell und aus besonders dickem Holz gefertigt. Einige weitere Beispiele: Das Schneewittchen, das auf sieben Herzen steht und der Zwerg, der mit seiner Zipfelmütze in der Hand winkt. Weiß jemand mehr über Chrijo Müller? Bitte schreiben Sie mir!
CLARA STEIGER: Es gibt wunderschöne Märchen-Holzbilder aus den 1930er-Jahren, auf deren Rückseite der Stempel „Clara Steiger“ steht – leider nur schwer entzifferbar. Die Wandfiguren sind sehr zart und weich gezeichnet und immer handbemalt, mit Motiven, die ich bisher nur von dieser Künstlerin kenne. Es gibt zum Beispiel ein weißes „Kajol-Schneewittchen“, das ich so nenne, weil es mit dem langen schwarzen Zopf und dem freundlich-offenen Blick an die berühmte indische Schauspielerin in jungen Jahren erinnert. Eine weitere Clara-Steiger-Figur zeigt zwei (fast) küssende Kinder: der hellblaue Junge in einer wamsähnlichen kurzen Jacke mit Schößchen, das Mädchen in einem roten Trägerkleid mit weit ausgestelltem Rock – beide mit farblich passenden Schuhen. Leider ist auch der Rest des Stempels kaum lesbar; insgesamt könnte er wie folgt lauten: „Clara Steiger, Radebeul, Hindenburgstraße“. Es könnte sich um einen Manufakturenstempel oder einen Besitzerstempel handeln. Ich würde sehr gerne mehr über diese schönen alten Figuren erfahren!
COPYCAT-MANUFAKTUREN: Besonders in den 1940er-Jahren gab es einige kleine Hersteller von Märchen-Holzbildern, die auf der Rückseite einen eigenen Stempel trugen (häufig allerdings nur mit dem Vermerk „Handarbeit“) und somit eigentlich als offizielle Manufakturen galten – die jedoch in erster Linie Motive anderer Firmen kopierten. Zu diesen „Copycats“ gehörten zum Beispiel Rosma, die „Frankenkunst“ von Karl Klier und auch Oltmanns; wobei Oltmanns es immerhin geschafft hatte, den Kopien (meist Heller-Motive) einen sehr schönen, ja sogar hochwertigen eigenen Stil zu verleihen. Die meisten dieser „Copycat-Manufakturen“ jedoch entstanden aus der Not während des Zweiten Weltkriegs und gehören klar zur Kategorie der „Küchentisch-Manufakturen“ ohne eigene Werkstatt. Manche Figuren basierten auch auf legalen Hobby-Vorlagen, zum Beispiel von Vobach oder Hartmann/Hartmanns. Heller hat das Kopieren nie beanstandet – das erzählte mir im neuen Jahrtausend Klaus Heller, ein Sohn von Magda und Georg Heller. Mertens hingegen untersagte das Kopieren ausdrücklich.
DDR, BRIGITTES PROTEST: Meine Freundin Brigitte aus Dresden, die in der DDR aufgewachsen ist, protestierte zu Beginn meiner Märchen-Holzbild-Forschung in den 2010er-Jahren immer dann, wenn ich Hersteller aus der ehemaligen DDR ausschließlich unter dem Stichwort „DDR“ aufführte. Auch die eigenen Namen dieser Hersteller sollten gewürdigt werden – genau wie bei den Wandfiguren aus dem Westen, die ja ebenfalls nicht nur unter „BRD“ gelistet werden, zumal einige der ostdeutschen Manufakturen bereits deutlich vor der Gründung der DDR existiert hatten. In meinen Märchen-Holzbilder-Kurzinfos beginnen die Einträge zu Herstellern wie Edelholz Freiberg und Kurt Süß daher inzwischen mit den Buchstaben E und K – und nicht mehr nur unter D für „DDR“. Unter dem Stichwort „DDR“ werden sie allerdings zusätzlich genannt, denn viele Menschen mit einer DDR-Kindheit suchen gezielt nach Figuren, die sie noch von damals kennen.
DDR, EVP-PREISE: Ein Stempel wie „EVP: 7.00 M“ auf der Rückseite einer alten Kinder-Wandfigur verrät viel über ihre Herkunft: Die Figur wurde in der DDR (1949–1990) hergestellt, und der EVP – der Einzelhandelsverkaufspreis – betrug 7 DDR-Mark. Die DDR verwendete damals die Abkürzung „M“ für ihre Währung, während in der BRD (Bundesrepublik Deutschland) die Abkürzung „DM“ für die Deutsche Mark gebräuchlich war. Heute, im vereinigten Deutschland, gibt es nur noch eine Währung: den Euro.
DDR, VEBs: Die Deutsche Demokratische Republik (1949–1990) hat einige, aber nicht alle Hersteller von Märchen-Holzbildern in VEBs (Volkseigene Betriebe) umgewandelt oder ihnen einen solchen zugeordnet. Besonders betroffen waren die beiden großen Hersteller Edelholz Freiberg und Kurt Süß: Aus ihnen wurden der „VEB Kunstgewerbe Werkstätten Olbernhau“ und der „VEB Kunstgewerbliche Holzverarbeitung Meißen“, letzterer später umbenannt in „VEB Holzkunst Dresden BT. III Meißen“. Die Abkürzung BT steht dabei für Betriebsteil.
DER KLEINE DÄUMLING: Weil der kleine Däumling von Charles Perrault ein sehr grausames Märchen ist, wurde es im Laufe des letzten Jahrhunderts immer seltener vorgelesen. Auf den Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert blieb jedoch eine Szene bis in die 1980er-Jahre präsent – wie der kleine Däumling in den Siebenmeilenstiefeln des bösen Ogers (Menschenfressers) reist. Dabei wurde der Titel geändert: Die Figuren hießen nun nicht mehr „Kleiner Däumling“, sondern „Siebenmeilenstiefel“. Nur Ravi behielt den Namen „Däumling“ konsequent bei. Bei Heller trug die Christbaumschmuck-Figur aus den 1930er-Jahren noch ausdrücklich den alten Namen „Däumling“, aber auf der fröhlichen Version aus den 1960er-Jahren (mit dem hübscher Jungen im grauem Cape) steht auf der Rückseite „Siebenmeilenstiefel“. Also: Immer wenn auf einem Märchen-Holzbild ein kleiner Junge in Siebenmeilenstiefeln zu sehen ist, ist eigentlich der kleine Däumling aus der klassischen Märchensammlung von Charles Perrault gemeint.
DER WOLF UND DIE 7 GEISSLEIN: Ilse Schneider aus der Eifel hat gleich mehrere Märchen-Holzbilder zu diesem Brüder-Grimm-Märchen entworfen – etwa die Mutter Geiß mit einer Kiepe und einer Sichel in der Hand, mit der sie dem Wolf an den Kragen ging. Weha aus dem Erzgebirge gab dem kleinsten Geißlein eine riesige Schere in die Hand – mehr als halb so groß wie das Geißlein selbst – und bei einer Figur aus den 1930er-Jahren von Wrangell (Karin von Wrangel) blöken sich die Mutter und das kleinste Geißlein auf reizende Weise gegenseitig an. Auch im Hobbybereich wurde dieses Märchen vielfach umgesetzt: Der Vorlagen-Hersteller Johannes Graupner/Graubele schuf mehrere Laubsägearbeiten dazu, darunter eine große Figur mit der ganzen Familie zusammen, bei der die kleinen Geißlein wunderschöne Schürzenkleider und Anzüge mit weißen Kragen tragen.
DIE GROSSEN FÜNF: Es gab damals sehr viele Hersteller von Märchen-Holzbildern – sicherlich mehrere Hundert. Aber nur eine Handvoll von ihnen produzierte über viele Jahrzehnte hinweg Kinder-Wandfiguren in sehr hohen Auflagen. Zu diesen großen Manufakturen gehören: Hellerkunst (1920er–2020er), Mertens-Kunst (1930er–1990er), Ravi-Kunst (1940er–1970er), Münchner-Kunst (1930er–1970er) und Grossmann Reit im Winkl (1940er bis zur vermutlich letzten Märchen-Holzbild-Produktion in den 1980er-Jahren).
DIE SIEBEN SCHWABEN: Das Brüder-Grimm-Märchen über die sieben Schwaben findet man gelegentlich auf Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert – tatsächlich meist als Hobbyarbeit, die nach einer Laubsägevorlage von Johannes Graupner/Graubele entstanden ist. Der erste Nachweis für diese Graupner-Laubsägearbeit findet sich in einem Katalog aus den 1930er-Jahren. Im Grunde ist es eine Geschichte über Angst und Dummheit, die diese Schwaben in den Tod treiben. In einem Satz könnte die Moral der Geschichte lauten: Keine Angst vorm Hasen haben!
DORLE ZAUCHE: Von Dorle Zauche stammt zum Beispiel ein Märchen-Holzbilder vom Hans im Glück in sehr ungewöhnlichen roten Hackenschuhen. Auf dem Rückseiten-Stempel steht: „Dorle Zauche, Kunstgewerbliche Werkstätte“. Die einzige mir bisher bekannte Figur von dieser Manufaktur zeigt den Brüder-Grimm-Hans mit der Gans, einem roten Punktetuch, einem grünen Hut und den bereits genannten roten Hackenschuhen. Es könnte sich um eine der vielen „Küchentisch-Manufakturen“ handeln, die damals durch den Zweiten Weltkrieg entstanden, weil viele Menschen in Not waren und dringend eine Einnahmequelle suchten. Dafür spricht auch der sehr einfach gestaltete Stempel. Allerdings könnte diese Kinder-Wandfigur auch aus den 1930er-Jahren stammen – oft ist das schwer zu unterschieden.
DULLIEN: Dullien stellte um die Mitte des letzten Jahrhunderts herum viele verschiedene, oft sehr originelle Laubsägevorlagen für Hobbyarbeiten her – als fertig bedruckte Holzbrettchen zum Aussägen. Die Spezialität von Dullien waren die wunderschön bunten Beilagezettel mit Farbbeispielen, meist auf leuchtend gelbem Hintergrund. So gab es zum Beispiel ein niedliches, fröhliches Mädchen mit einem riesigen Marienkäfer auf dem Arm – so groß wie ihre Hand. Dazu passend gab es den kleinen Limonaden-Cowboy. Der Nachfolger von Dullien war MK-Hobby (Michael Kramer), der wiederum Laubsägevorlagen für Pebaro (Peter Bausch Ronsdorf) entworfen hat.
EBRO: Von Ebro aus Den Haag (Niederlande) kenne ich bisher etwa zehn Figuren. Drei davon sind sehr groß (bis 30 cm), detailliert gezeichnet und stets in Bewegung dargestellt: ein tänzelnder Aladdin mit einer großen, runden Wunderlampe in den Händen, ein begeistert tanzendes Rumpelstilzchen, dessen rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in den Himmel zeigt, und ein Lesezwerg, der auf einem Stapel großer Bücher sitzt. Von den kleineren Figuren liebe ich am meisten den Zwerg, der auf einer goldenen Harfe spielt. Die aufwändigen Ebro-Stempel sind zweiteilig und meist verschmiert, daher schwer zu entziffern. Bisher lese ich: „Ebro Holland Den Haag“ auf einem runden Stempel, der mit einer Krone und Flügeln wie ein altmodischer Poststempel aussieht. Der zweite Stempel ist rechteckig gestaltet, mit Platz für eine handschriftliche Modellnummer. Weiß jemand mehr über Ebro? Bitte schreiben Sie mir!
EDELHOLZ FREIBERG, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Diese Manufaktur aus dem Erzgebirge stellte von den 1940er- bis vermutlich in die 1960er-Jahre Märchen-Holzbilder unter eigenem Namen her. Die Inhaberin – und vermutlich auch die Künstlerin – war Margarethe Edel. Daher stammt wohl auch der Firmenname „Edelholz“, der zudem noch gut zur hohen Qualität der Figuren passt. Im Jahr 1942 wurde „Edelholz Freiberg“ ins Handelsregister von Freiberg eingetragen – mitten im Zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich in den 1960er-Jahren kam es zur Enteignung durch die DDR, so dass die Manufaktur fortan zum „VEB Kunstgewerbe-Werkstätten Olbernhau“ gehörte und unter diesem Namen mindestens ein weiteres Jahrzehnt Wandfiguren herstellte.
EDELHOLZ FREIBERG, ANNONCE: Edelholz Freiberg stellte damals Tausende von Märchen-Holzbildern her. In einer Freiberger Zeitungsannonce von 1952 wird der Name der Inhaberin genannt: Margarethe Edel. In der Anzeige wird die Bezeichnung „Edelholz-Werkstätte“ für diese Manufaktur verwendet – ein Name, der sich auch auf der Rückseite einiger Märchen-Holzbilder von Edelholz Freiberg findet. Hier der genaue Wortlaut der damaligen Annonce: „Edelholz-Werkstätte, Margarethe Edel, Inhaber des Gütezeichens. Advents- und Weihnachtsartikel, Osterartikel, Schmuckdosen, Teller, Leuchten für Kindertagesstätten. Freiberg in Sachsen, Kirchgasse 15. Zur Messe in Leipzig: Grassi-Museum, Stand 15 und Petershof, I. Stock, Stand 107 b.“
EDELHOLZ FREIBERG, KINDER: Dieser historische Hersteller aus dem Erzgebirge hat viele Märchen-Holzbilder hergestellt, aber auch Wandfiguren mit reinem Kindermotiv. Das Design der meisten Holzbilder stammt von Edelholz Freiberg selbst. Nur einige wenige Figuren sind Kopien anderer Firmen, zum Beispiel der frierende kleine Schneeball-Junge, den Heller bereits in den 1930er-Jahren produzierte. Ansonsten zeigen die Kinderfiguren von Edelholz Freiberg typische Kindermode der Jahrhundertmitte. Sehr beliebt waren etwa die reizenden Notenblatt-Mädchen in hübschen hellblauen und rosa Kleidern.
EDELHOLZ FREIBERG, STEMPEL: Edelholz Freiberg wurde 1942 gegründet. Auf den Rückseiten der ersten Märchen-Holzbilder stand meistens noch der Firmenname “Edelholz Freiberg” in sehr kleinen Buchstaben geschrieben. In dieser Phase gab es zwei verschiedene Stempel: zunächst einen sehr kleinen runden Stempel (manchmal mit einem zusätzlichen Papieretikett mit dem Namen „Edelholz-Werkstätte“) und später einen rechteckigen Stempel. Vermutlich in den 1960er-Jahren kam es schließlich zur Enteignung durch die DDR. Der neue Rückseiten-Stempel lautete: „VEB Kunstgewerbe-Werkstätten Olbernhau“ – häufig zusätzlich mit der Ergänzung „EVP“ (Einzelhandelsverkaufspreis). Die Währung war damals die DDR-Mark. Viele der Bilder kosteten 4,95 M oder auch 5,40 M.
EICHHORN: Von diesem Hersteller kenne ich bisher sechs Märchen-Holzbilder, vermutlich aus den 1940er Jahren. Der Rückseiten-Stempel lautet „Eichhorn-Produkt” und es gibt zusätzlich einen schmalen Papierstreifen mit dem Motiv, zum Beispiel „Aschenbrödel“. Es wurden oft Pastellfarben verwendet und die Motive sind sehr ungewöhnlich, beispielsweise zwei Einzelfiguren von Max und Moritz in Frontalansicht, jeder mit einer großen Maikäfer-Papiertüte vor dem Bauch. Zeitlich könnten die Figuren zu der Spielzeug-Firma Eichhorn passen, die 1949 in Bayern gegründet wurde (laut Eichhorn-Website, Stand 2025) und deren erste Produkte Märchenpuzzle aus Holz gewesen waren.
EIFELKUNST, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Eifelkunst, manchmal auch Eifel-Kunst geschrieben, existierte von den 1930er- bis etwa zu den 1970er-Jahren. Die Gründerin und Künstlerin war Ilse Schneider (1910–2009). Ende der (alten) Zwanzigerjahre hatte Ilse Schneider zunächst für Hellerkunst gearbeitet. Bald jedoch gründete sie ihre eigene Werkstatt für Märchen-Holzbilder – vermutlich Anfang der 1930er-Jahre. So entstanden reizende Ilse-Schneider-Motive wie beispielsweise das Tapfere Schneiderlein mit Bügeleisen oder Däumelinchen in der roten Tulpe. Auch die Zwerge, die eine Riesen-Erdbeere tragen, gehören zu den besonders reizvollen Motiven von Eifelkunst.
EIFELKUNST, ANTIQUARIAT: Im Oktober 2021 war ich zu Besuch in der Eifel, wo einst die inzwischen verstorbene Ilse Schneider lebte und ihre Märchen-Holzbild-Manufaktur Eifel-Kunst betrieb – in der kleinen Stadt Daun (Vulkaneifel), Lindenstraße 11. Dort fand ich ein kleines Antiquariat, in dem ich verschiedene Eifelkunst-Figuren aus der Mitte des letzten Jahrhunderts erwerben konnte – darunter auch einige unvollendete Holzbilder, beispielsweise eine kleine Sammlung von Engeln, denen teilweise noch die darauf vorgesehenen Kerzen fehlten. Der Inhaber des Ladens erzählte mir viel über Eifelkunst und Ilse Schneider, denn er hatte sie noch persönlich gekannt, über viele Jahre hinweg.
EIFELKUNST, BÜCHER: Ilse Schneider war die Gründerin und Designerin von Eifelkunst. Neben der Herstellung von Märchen-Holzbildern schrieb und illustrierte Ilse Schneider auch noch Märchenbücher, die auf Deutsch und Englisch erschienen. Beispiele: „Wer will mit ins Märchenland?“, „Im Zwergenland ist Hausmusik“ und „Eine wunderbare Reise zu den Riesen und den Zwergen“. Eines dieser Bücher wurde von einer Tante mit der Widmung „Zu Weihnachten 1941“ verschenkt – also mitten im Zweiten Weltkrieg. Die ersten Eifelkunst-Bücher erschienen vermutlich Anfang der 1930er-Jahre. Interessanterweise gibt es viele Zeichnungen aus diesen Büchern, die von Eifelkunst auch als Märchen-Holzbilder erschienen und die teilweise sogar von anderen Herstellern – beispielsweise von Edelholz Freiberg – kopiert wurden.
EIFELKUNST, ÖLGEMÄLDE: Es gibt eine Reihe von Märchen-Holzbildern von Eifelkunst, die immer noch stark nach Ölfarbe riechen – obwohl sie während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach entstanden sind. In diesen Jahren malte Ilse Schneider ihre Motive (überwiegend ernste und traurige Kinder) häufig mit Ölfarbe auf kleine, rechteckige Holzbrettchen, anstatt ausgesägte Figuren zu verwenden – auch deshalb, weil sie „ausgebombt“ worden war. Viele dieser winzigen Ölgemälde waren so klein wie Postkarten, aber deutlich dicker als die üblichen Wandfiguren.
EIFELKUNST, POSTKARTEN: Ilse Schneider von Eifelkunst hat um die Mitte des letzten Jahrhunderts auch Postkarten entworfen. Teilweise zeigen sie Motive aus ihren Büchern, wie zum Beispiel den Zwerg-Dirigenten mit singenden Vögeln, die auf Margeriten sitzen, oder eine hübsche Goldmarie (Frau Holle), die Schnee aus ihrem Kissen schüttelt. Es gibt außerdem eine Sammlung von acht verschiedenen „Eifelkunst Bild-Postkarten“, zusammengehalten von einer Banderole, auf der die folgenden Namen der Motive stehen: „Gänseliesel, Trachtenmädchen, Blumenkind, Eisläuferin, Frühling, Sommer, Herbst, Winter“. Das kleine Kinder-Set besteht aus sehr dünnem, leicht grauem Papier – vermutlich ein Notbehelf während des Zweiten Weltkriegs. Das Set enthält auch drei Zeichnungen, die ich inzwischen sogar als Holzbilder von Eifelkunst kenne: Die Gänsemagd, das Schlittschuh-Mädchen und der Ski-Junge.
EIFELKUNST, PROSPEKTE: Ich kenne bisher insgesamt drei Broschüren aus den 1930er-Jahren von Ilse Schneider, der Besitzerin und Künstlerin von Eifelkunst. Es handelt sich um zwei einfarbige Faltblätter und eines mit einer bunten Gänseliesel. Die beiden frühen Prospekte enthalten noch keine Telefonnummer. Im dritten Faltblatt, etwa von 1938, steht: „Eifelkunst-Werkstatt Schneider, Daun/Eifel, Inh. Ilse Schneider, Postschließfach 25, Telefon 209.“ In den Prospekten sind insgesamt etwa 20 verschiedene Motive von Märchen-Holzbildern zu sehen. Zu den frühen Wandfiguren gehören zum Beispiel Peterchens Mondfahrt auf der umgedrehten Mondsichel, Hänsel und Gretel im Teenageralter und das Rumpelstilzchen im zweifarbigen Cape.
EIFELKUNST, STEMPEL: Ilse Schneider hat drei Arten von Logos beziehungsweise Stempeln auf den Rückseiten ihrer Märchen-Holzbilder verwendet. Anfang der 1930er-Jahre waren es drei kaum lesbare, stilisierte Buchstaben: Zwei schräg eingeritzte Buchstaben „E“ und „K“ (für Eifelkunst), dazwischen ein „S“ für Schneider, das fast wie ein „Z“ aussah. Später folgte ein gut lesbares, eingeprägtes „Eifelkunst“ – und schließlich ein einfacher Farbstempel, der nicht mehr ins Holz eingeprägt wurde.
ENGEL UND RELIGIÖSES: Religiöse Themen sind auf den historischen Märchen-Holzbildern kaum zu finden. Es gibt jedoch zwei Ausnahmen: Zum einen das Weihnachtsmotiv, insbesondere die Krippenszene von Bethlehem mit Maria, Josef und dem Jesuskind. Die zweite Ausnahme sind Engel – sie werden von vielen Menschen nicht zwingend mit Religion verbunden: Selbst viele Nicht-Religiöse schätzen Engel als geliebte Schutzsymbole.
ENTWÜRFE UND ROHLINGE: Es ist immer sehr spannend, ein Märchen-Holzbild in den Händen zu halten, an dem man etwas über die Herstellungstechnik erkennen kann. Ich kenne halb vollendete Manufaktur-Arbeiten, bei denen nur die Vorzeichnung zu sehen ist – oder lediglich eine Grundfarbe des Rohlings. Auf der Rückseite erkennt man in der Regel die Holzfarbe des unbehandelten Materials. Manche Manufakturen haben die Figuren auf der Vorderseite zunächst weiß grundiert und erst danach farbig bemalt. Ich habe auch schon Märchen-Holzbilder gesehen, auf deren Rückseite sich ein erster Entwurf abzeichnete – auch das ist immer sehr interessant. Warum aber wurden manche schönen Arbeiten nicht vollendet? Vermutlich kam das Leben dazwischen: In den Jahren 1939–1945 könnte es durchaus der Zweite Weltkrieg gewesen sein. Ich weiß zum Beispiel, dass die Manufaktur von Karin von Wrangell damals „ausgebombt“ wurde.
EP: Dieser Hersteller hat um die letzte Jahrhundertmitte herum großartige Märchen-Holzbilder hergestellt. Ich kenne bisher eine Sammlung von sieben wunderschönen Kinder-Wandfiguren; am allerbesten gefällt mir die weiße Froschkönig-Prinzessin mit dem transparenten Schleier. Weitere Motive sind Aschenputtel, Gänsemagd, ein rosa Wiegenkind, ein hellblaues Wiegenkind, ein sehr niedlicher Mondengel und eine Maria mit dem Jesuskind. Die meisten dieser Figuren haben einen oder zwei Stempel auf der Rückseite: Die beiden sich überlappenden Buchstaben E und P (Reihenfolge vermutlich EP) sowie den zweiten Stempel mit drei Wörtern, die alle das Gleiche bedeuten : „Hecho a Mano, Hand-made, Handgemacht“. Da der spanische Text an erster Stelle steht, vermute ich vorläufig Spanien als Herstellungsland; es könnte aber auch anders sein. Weiß jemand mehr über diesen wunderbaren Hersteller? Bitte schreiben Sie mir!
ERIKA BARTELS: Von dieser Künstlerin stammen unter anderem die großformatigen Märchen-Holzbilder „Die Prinzessin und der Schweinehirt“ (Andersen) und „König Drosselbart“ (Brüder Grimm). Sie sind besonders kunstfertig ausgeführt: Der äußerst filigran gezeichnete „König Drosselbart“ zeigt ein Prinzessinnenkleid mit einem Saum aus weißen Rosen, irisierenden Perlenschmuck als Kette und Ohrringe sowie besonders schön gemalte Augen; selbst die Hutfeder des Königs wirkt wie aus einem alten Gemälde. Auf der Rückseite des Schweinehirten steht eine mit Füller geschriebene Widmung: „Meiner lieben, fleißigen Lisa. Weihnachten 1946.“ Die Unterschrift ist schwer lesbar, könnte aber tatsächlich „Erika Bartels“ heißen also von der Künstlerin selbst stammen. Auf beiden Rückseiten findet man jeweils gleich zwei Stempel: „Eigener Entwurf, gesetzlich geschützt, Nachahmungen werden strafrechtlich verfolgt“ sowie „Erika Bartels, Knesebeck/Hann. Junkernholz.“
ERZGEBIRGE-RUNDREISE 2017: Zu meiner Erzgebirge-Reise gehörte damals auch ein Besuch des schönen „Museums für Sächsische Volkskunst mit Puppentheatersammlung“ in Dresden. Ich hatte grundsätzlich die Frage, ob Märchen-Holzbilder auch zur Volkskunst gehören. Von dem Kurator des Museums, Karsten Jahnke, erhielt ich freundlicherweise eine ausführliche Antwort: „Ihre Frage, ob denn Märchen-Wandbilder auch zur Volkskunst zählen, ist nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. Im Grunde genommen sind solche Bilder schlicht kunsthandwerkliche Erzeugnisse. Dass sie heute oft noch als Volkskunst bezeichnet werden, liegt (auch) an Oskar Seyffert, der diesen Begriff der Volkskunst insbesondere hier in Sachsen ungemein populär gemacht hat. Seyffert ‚adelte‘ die damals arg gebeutelte Spielwarenindustrie des Erzgebirges zur Volkskunst und verhalf diesem Wirtschaftszweig zu neuem Schwung.“
EVA GOEDE: Diese Manufaktur hat vermutlich in den 1930er Jahren Märchen-Holzbilder produziert. Der Rückseiten-Stempel ist in alter deutscher Schrift (Frakturschrift) gehalten: „Eva Goede, Kunstgewerbe-Atelier?, Uslar-Solling (Niedersachsen), Lange Straße 37“. Zu den bekannten Motiven gehören ein Dornröschen auf dem Thron mit Prinz, ein Rotkäppchen mit angedeuteten Schleifenschuhen sowie ein ungewöhnlicher Hans im Glück mit Goldbeutel und Gans.
EVA GÜNTHER, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Zehn Jahre lang kannte ich nur den Rückseiten-Stempel dieser Märchen-Holzbilder – drei Tannen und der Buchstabe G. Im Dezember 2024 erhielt ich dankenswerterweise eine E-Mail von Herrn Schmidt aus Radeberg bei Dresden, der die Künstlerin noch persönlich gekannt hatte. Er schrieb mir: „Es handelt sich um Eva Günther (1932–1997). Sie war Malerin und Grafikerin, ausgebildet an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bei Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt, und lebte seit den 1950er-Jahren mit ihrem Ehemann Horst Günther (1928–1993) in Erfurt in einem neu gebauten Eigenheim, in dem sich auch Atelier und Werkstatt befanden. Es war also zu DDR-Zeiten ein kleiner selbstständiger Kunstgewerbe-Familienbetrieb, in dem diese Märchenfiguren und die Lieblinge der DDR-Sandmännchen-Fernsehsendung entworfen und einzeln in Handarbeit hergestellt wurden … In späteren Jahren war Eva Günther als Zeichenlehrerin und Kunsterzieherin am Gymnasium des Erfurter Ursulinen-Klosters tätig.“
EVA GÜNTHER, MOTIVE: Die Märchen-Holzbilder von Eva Günther aus den 1950er bis 1980er Jahren waren bunt und originell. Die Linien wurden häufig mit einem schwarzen Stift nachgezogen (ähnlich wie in Comics), manchmal bestanden sie auch aus vielen kleinen Punkten. Die älteste Figur ist vermutlich ein lustiges, ausschreitendes Rotkäppchen, das noch keine Kennzeichnung auf der Rückseite trägt – ich kenne es jedoch in zwei weiteren, etwas weniger detaillierten Varianten, die beide den Eva-Günther-Stempel zeigen. Zu den letzten Figuren dieser Künstlerin gehörten vermutlich die Fliegenpilzhäuser, die stets gemeinsam mit einem Märchenkind dargestellt wurden. Auch das „Sandmännchen“ aus dem DDR-Abendgruß wurde von Eva Günther auf vielen Wandfiguren verewigt. Beispiele: das Sandmännchen mit Schlitten, Fliegenpilz und „Sputnik-Schock“-Rakete sowie seine Freunde Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herr Fuchs und Frau Elster.
EVA GÜNTHER, OLBERNHAU-IRRTUM: Die Märchen-Holzbilder von Eva Günther trugen auf der Rückseite fast immer das Logo mit den drei Tannen und dem Buchstaben G darunter. Deshalb nenne ich die Manufaktur auch „Drei Tannen G“. Es gibt zwei verschiedene Varianten dieses Stempels. Die häufigere ist sehr detailliert: Die Tannen sind klar erkennbar, und der Waldboden ist durch Schraffur angedeutet. Der zweite Stempel zeigt die drei Tannen stark vereinfacht und stilisiert. Wie ich seit 2024 weiß, steht das „G“ im Stempel für den Nachnamen der Künstlerin, also Günther. Früher hatte ich vermutet, dass die Figuren aus Olbernhau stammen könnten, denn drei Tannen erscheinen im Stadtwappen der Stadt Olbernhau im Erzgebirge (Sachsen). Tatsächlich aber lebte die inzwischen verstorbene Künstlerin in Erfurt, im Bundesland Thüringen.
EVA GÜNTHER, PREISE: Auf den Rückseiten der Märchen-Holzbilder von Eva Günther aus den 1950er bis 1980er Jahren finden sich oft mit Bleistift aufgeschriebene Preise – häufig in ungewöhnlichen Beträgen, etwa mit 5 oder 10 Pfennig am Ende. So kenne ich unter anderem eine aufwändig gezeichnete Froschkönig-Prinzessin für 3,95 DDR-Mark und ein schreitendes Rotkäppchen ebenfalls für 3,95 Mark – später in einer vereinfachten Version für 4,05 Mark. Ich vermute, dass die Figuren mit Preisen um die 4 Mark aus den 1950er Jahren stammen. Die Sandmännchen- beziehungsweise die Abendgruß-Figuren lassen sich gut datieren, da das DDR-Sandmännchen erst ab 1959 existierte. Auch hier scheint die Inflationstheorie zu passen: Ich kenne ein Sandmännchen, ein Schnatterinchen und einen Pittiplatsch – jeweils zu 5,45 Mark –, die ich den 1960er Jahren zuordnen würde.
EW-FIGUREN: Typisch für diesen Hersteller von Märchen-Holzbildern aus der Mitte des letzten Jahrhunderts sind die wunderschönen großen Augen und der Comic-Stil. Die Entwürfe sind äußerst originell, vermutlich einzigartig, denn ich kenne sie bisher von keiner anderen Manufaktur. Häufig werden Kinder aus Brüder-Grimm-Märchen dargestellt, aber es gibt zum Beispiel auch ein großes Kerzenkind mit einem kleinen Sack-Zwerg, der vermutlich den Sandmann darstellen soll. Besonders ungewöhnlich und sehr auffallend ist der Struwwelpeter mit schwarzen Fingernägeln. Einige Figuren tragen einen DDR-Preisaufkleber, was auf eine Herkunft aus Ostdeutschland hinweist. Wofür steht das Kürzel „EW“? Weiß jemand mehr über diese fast vergessene Manufaktur? Bitte schreiben Sie mir!
EXPERTIC: Ich kenne ein Märchen-Holzbild von Brüderchen und Schwesterchen, das ursprünglich vom Hersteller Edelholz Freiberg stammt (es ist die Variante mit dem Tannenwald) und auf dessen Rückseite ein kleiner roter „expertic“-Aufkleber klebt. Der vollständige Text lautet: „expertic®, Original Erzgebirge, Made in German Democratic Republic.“ Das ®-Zeichen steht für „registrierte Marke“ und bezieht sich hier auf den geschützten Markennamen „expertic“ (meist kleingeschrieben), den die DDR ab 1968 für Kunsthandwerksbetriebe – insbesondere aus dem Erzgebirge – verwendet hat. Die „expertic“-Wandfigur vom Brüderchen und Schwesterchen könnte aber durchaus älteren Datums sein, da neue Aufkleber oder Stempel damals häufig auch auf alte Lagerware angebracht wurden.
FARBSCHICHTEN FÜHLEN: Besonders schön ist es, wenn ein Märchen-Holzbild aus der Mitte des letzten Jahrhunderts eine dicke und satte Farbschicht besitzt. Fährt man mit dem Finger darüber, spürt man die unterschiedlichen Ebenen – etwa die aufgemalten Punkte auf einem Kleid: eine wunderbare Haptik, zusätzlich zu dem besonderen Werkstoff, aus dem die Figur ohnehin besteht: Holz.
FELICITAS KUHN: Es gibt Laubsägevorlagen von Graupner, die von der berühmten österreichischen Kinderbuch-Illustratorin Felicitas Kuhn (1926–2022) entworfen wurden. Johannes Graupner investierte damals viel Geld, um die Motive talentierter Zeichnerinnen und Zeichner nutzen zu dürfen – das war ein wesentlicher Teil seines Erfolgsgeheimnisses. So entstanden besonders schöne Laubsägearbeiten mit besonders reizvollen Motiven!
FEUERHOLZ: Wo sind all die alten Märchen-Holzbilder geblieben, wenn sie doch millionenfach hergestellt wurden? Viele wurden natürlich „verspielt“, denn die Figuren waren in erster Linie als Spielzeug gedacht – und wenn sie von Kindern zu sehr beschädigt waren, wurden sie weggeworfen, zum Beispiel beim Aussortieren vor einem Umzug. Und dann war da der eisige Hungerwinter 1946/47 (nach dem Zweiten Weltkrieg), mit Temperaturen bis zu minus 20 Grad: Es ging ums nackte Überleben, und alles, was brennbar war, wurde als Feuerholz genutzt – auch die schönen Märchen-Holzbilder.
FLIEGENPILZE: Fliegenpilze waren beliebte Motive auf den Märchen-Holzbildern im letzten Jahrhundert. Sie sehen einfach reizend aus – obwohl es sich eigentlich um Giftpilze handelt. Der Zauber liegt wohl auch im Farbschema: ein kräftiges Rot als Kontrast zu den weißen Punkten. Das macht sie oft zu echten Hinguckern! Eine der schönsten Figuren mit diesem Motiv ist wohl der wunderbare „Glückspilz“ von Mertens – die kleine zarte Elfe mit dem großen Fliegenpilz-Hut aus den 1930er- und 1940er-Jahren.
FRAMA: Von Frama kenne ich bisher nur ein einziges Märchen-Holzbild – aber es ist eine riesige Figur, sehr ungewöhnlich und kunstfertig gearbeitet, komplett von Hand bemalt und vermutlich aus den 1930er-Jahren. Auf der Rückseite befindet sich der Stempel: „Frama, Kunstwerkstätte“. Die Figur zeigt einen Riesen (Menschenfresser), der auf einem Hocker sitzt. In seinen großen Pranken hält er den entsetzten kleinen Däumling hoch, den er offenbar anbrüllt. Das Bild ist 35 cm breit – für die Ära der Märchen-Holzbilder ungewöhnlich groß. Weiß jemand mehr über „Frama“? Bitte schreiben Sie mir!
FRANKENKUNST, KARL KLIER: Ich kenne zwei Stempel von Karl Klier, beide stammen aus Erlangen. Auf einem steht: „Frankenkunst, Karl Klier, Erlangen“, auf dem anderen: „Kunstgewerbe K. Klier, Erlangen“. Dieser Hersteller gehörte vermutlich zu den vielen „Küchentisch-Manufakturen“, die in den 1940er-Jahren aus der Not des Zweiten Weltkriegs heraus entstanden waren. Und es war auch eine „Copycat-Manufaktur“: Karl Klier kopierte zum Beispiel den „Gnom mit Ziehharmonika“, den Mertens schon in den 1930er-Jahren in hohen Auflagen produziert hatte. „Harmonika-Gnom“ war der Name, den Karl Klier seiner Figur gab – eins zu eins vom Original übernommen, nur weniger kunstfertig. Die häufigen Notkopien waren auch der Grund, warum Alfred Mertens auf viele seiner Märchen-Holzbilder der 1940er-Jahre folgenden Zusatz stempeln ließ: „Nachahmungen werden verfolgt.“ Es gibt auch ein Nachttopf-Rotkäppchen „von Karl Klier“ – eine Rahmen-Arbeit mit dem Wolf im Bett der Großmutter und dem Nachttopf darunter.
FRANKENWALDKUNST: Von dem historischen Hersteller „Frankenwaldkunst“ kenne ich bisher nur wenige Märchen-Holzbilder, aber sie sind sehr originell. Eines ist ein Bücherzwerg in einer Art Zipfelmützen-Kostüm; er hält nicht nur drei dicke Bücher in der Hand, sondern er steht auch auf einem großen Buch als Sockel. Die zweite Figur ist ein Seifenblasen-Mädchen, das unter einem Baum steht. Der Rückseiten-Stempel ist schön gestaltet – ein Oval mit einer großen Tanne darin und dem Wort „Frankenwaldkunst“ darum herum. Die Holzbilder stammen vermutlich aus den 1930er Jahren. Weiß jemand mehr über die schöne alte Frankenwaldkunst? Bitte schreiben Sie mir!
FRAU HOLLE: Es gibt zwei unterschiedliche Versionen von diesem Märchen. Bei den Brüdern Grimm hat Frau Holle erschreckend große Zähne, und die Mädchen bleiben namenlos. Bei Ludwig Bechstein hingegen ist „Frau Holle“ ein Mann, und die Mädchen heißen Goldmarie und Pechmarie. Trotzdem scheint es jeder zu verstehen, wenn von „Frau Holles Goldmarie“ die Rede ist. Frau Holle, Goldmarie und Pechmarie sind sehr beliebte Motive auf den alten Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert. Ich kenne sie zum Beispiel von Mertens, Ravi und Original Bergischer Engel.
FRISCHE EXEMPLARE: Manchmal halte ich ein altes Märchen-Holzbild in der Hand, das so aussieht, als wäre es erst gestern hergestellt worden. Dabei wurden die letzten Kinder-Wandfiguren dieser Art in den Achtzigerjahren produziert, und zwar von Alfred Mertens. Ein „frisch“ wirkendes Märchen-Holzbild entspricht in etwa dem weißen Schnitt bei einem Buch: wunderbar! Und wenn eine solche Figur dann ein oder zwei Macken hat, verschmerzt man das auch viel leichter als bei anderen Figuren – besonders, wenn sie vielleicht sogar aus den 1940er-Jahren stammt.
GARDEROBEN, MESSLATTEN, DIORAMEN: Die meisten Hersteller von Märchen-Holzbildern haben damals auch größere Zusatzprodukte angefertigt. Kindergarderoben kamen zum Beispiel von Mertens, Heller, Kleur & Profiel (Niederlande) und von Grossmann Reit im Winkl in Bayern. Viele Manufakturen stellten außerdem Kindermesslatten her. Eine der schönsten Messlatten von Mertens-Kunst zeigt Kinder aus verschiedenen Nationen und Epochen – heute politisch unkorrekt, etwa Indianer, Maya-Junge, Eskimo, Japan-Mädchen im Kimono, Griechenland-Mädchen in antiker Kleidung, Holland-Mädchen, Afrika-Mädchen im Bastrock und ein Mexiko-Junge. Dioramen ohne Garderobenfunktion wurden etwa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts produziert; die größte Vielfalt stammt von den Münchner Herstellern, zum Beispiel mit dem gestiefelten Kater und einer Märchenkutsche. Mertens stellte auch sehr kleine Dioramen mit Mini-Figuren her, etwa Schneewittchen mit den sieben Zwergen auf einer schmalen Holzleiste.
GERHEINA: Die reizenden Märchen-Holzbilder der „Gerheina-Werkstätten“ stammen vermutlich aus den 1930er und 1940er Jahren. Alle Figuren sind sehr originell und zeichnen sich durch einen grünen Sockel mit kunstvoller schwarzer Verzierung an der Unterseite aus. Auf einem der Holzbilder wurde die Widmung „Weihnachten 1944“ auf der Rückseite von Hand vermerkt. Der Name „Gerheina“ ist ungewöhnlich; möglicherweise – ähnlich wie bei „Ravi“ – handelt es sich um eine Kombination aus zwei Vornamen, etwa „Gerhard Heinrich“. Auf den Rückseiten befindet sich neben dem Namensstempel stets auch ein Titelstempel der jeweiligen Figur. Zu den bekannten Motiven gehören der „Zwergen-Beschützer“ mit Schwert und Schild, der „Zwergen-König“, „Zwerg Fliegenpilz“, „Sterngucker“, das „Schusterlein“, ein Rumpelstilzchen und der „Nimmersatt“ mit Bierfass und Krug. Weiß jemand mehr über die Gerheina-Werkstätten? Bitte schreiben Sie mir!
GESICHTER UND HÄNDE: Bei den Märchen-Holzbildern, die im letzten Jahrhundert noch handbemalt wurden, war es immer am schwierigsten, die Gesichter und Hände zu gestalten. Diese anspruchsvolle Aufgabe war in der Regel den besonders begabten Zeichnerinnen der Manufakturen vorbehalten: Bei Heller war es Magda Heller, bei Ravi meist Lisa Viertel (oder auch Erna Rath), beim Bergischen Engel Johanna Gruner-Witkop und bei der Manufaktur Grossmann war es Martha Grossmann.
GLÜCKSFALL DATUM: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine Jahreszahl auf einem alten Märchen-Holzbild finde. Meist sind die Daten zuverlässig und sie sagen mir, dass diese Kinder-Wandfigur mindestens so alt ist wie das Jahr, das auf die Rückseite geschrieben wurde. Es ist immer wieder spannend zu beobachten, wie verschiedene Daten verschiedene Gefühle wachrufen: Vergleichen Sie zum Beispiel „Weihnachten 1942“ mit „Sommerferien 1972“!
GOLD ODER GELB? Die Goldfarbe wurde vor allem in den frühen Märchen-Holzbild-Jahrzehnten eingesetzt. Später wurde Gold häufig durch Gelb ersetzt: Da waren die goldenen Kronen plötzlich gelb geworden. Das fällt unter anderem beim Heller-Froschprinzesschen mit dem angehobenen Rock auf: Die erste Version um 1960 herum hatte noch die goldene Krone und die goldene Kugel. In den späteren Jahrzehnten (vor allem im späten Siebdruckverfahren) war beides gelb geworden.
GOLDKLUMPEN-HANS: Das Brüder-Grimm-Märchen „Hans im Glück“ erzählt davon, dass Hans nach sieben Jahren Dienstzeit als Bezahlung einen Goldklumpen bekam, der so groß war wie sein Kopf und den er in ein Tuch wickelte. Auf dem Heimweg zu seiner Mutter tauschte er das Gold gegen ein Pferd, das er später ebenfalls eintauschte. So besaß er nach und nach eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, einen Schleifstein – und zum Schluss gar nichts mehr, das er schleppen musste. Er war über jede Änderung außerordentlich froh; daher auch der Name „Hans im Glück“, der auf den alten Märchen-Holzbildern ein sehr häufiges Motiv war. Meistens wird er mit der Gans abgebildet, manchmal auch mit dem Schwein. Der Goldklumpen-Hans ist eher selten. Ich kenne ihn vor allem als DDR-Figur von Edelholz Freiberg aus dem Erzgebirge, wo der Goldklumpen auch immer mit schöner Goldfarbe angemalt wurde.
GOLDMARIE UND PECHMARIE: Die Märchen-Holzbilder von Goldmarie und Pechmarie traten meist als Einzelfiguren auf. Goldmarie ist das gute und hilfsbereite Mädchen, das später mit berühmten Goldregen unter dem Goldtor belohnt wird. Es gibt einige Wandfiguren, auf denen die Goldmarie zusammen mit Frau Holle zu sehen ist, aber kaum eine, auf der Frau Holle mit der Pechmarie gemeinsam abgebildet ist. Typische Attribute der Goldmarie: ein goldenes Tor, Goldmünzen, ein Hahn, ein Brunnen, eine Spindel oder auch eine Wolke, auf der sie ein Kissen ausschüttelt, aus dem es schneit. Die Pechmarie ist häufig weinend dargestellt, meist auch mit dem schwarzen Pech auf ihrem Kleid.
GOLDTOR-SAMMLUNG: Ich kenne eine Sammlung von Laubsägearbeiten, bei der mehrere Figuren die Jahreszahl 1947 tragen und eine Figur das Jahr 1950 trägt. Es handelt sich um ungewöhnliche Motive, wie etwa eine Goldmarie mit ihrem Goldtor, an dem beidseitig Fäden angebracht wurden. Die Sammlung enthält weitere berühmte Klassiker wie Hänsel und Gretel mit der Hexe, ein Rotkäppchen sowie ein Brüderchen und Schwesterchen. Das seltsamste Motiv zeigt eine rosa Prinzessin mit einem vierköpfigen Drachen. Die Vorlagen dieser Motive sind mir gänzlich unbekannt – möglicherweise stammen sie aus einem alten Märchenbuch, dessen Zeichnungen hier kopiert worden sind.
GRAUPNER, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Johannes Graupner war ein bedeutender Hersteller von Laubsägevorlagen, die von 1930er- bis zu den 1990er Jahren hergestellt wurden. Er gründete seine Firma, indem er Anfang der 1930er Jahre ein in Cannstatt (Stuttgart) ansässiges Unternehmen übernahm, das Vorlagen für Laubsägearbeiten herstellte. Der neue Betrieb entwickelte sich zu einem Familienunternehmen und brachte wunderschöne Vorlagen hervor – nach und nach unter drei verschiedenen Namen: Cannstatter Laubsäge-Arbeiten, Graupner und Graubele. Der älteste mir bekannte Graupner-Katalog stammt aus den 1930er Jahren. Später erschienen die meisten Vorlagen unter dem Namen „Graubele“. Ab etwa 1959 wurde wieder der Name „Graupner“ verwendet, bis in die 1990er Jahre hinein.
GRAUPNER, COMICS: Johannes Graupner/Graubele war der erfolgreichste Hersteller von Vorlagen für Laubsägearbeiten im letzten Jahrhundert. Er scheute sich nicht, viel Geld in talentierte Zeichnerinnen und Zeichner zu investieren und auch für lizenzierte Motive zu zahlen. So erschienen unter anderem Walt-Disney-Figuren wie Bambi, Donald Duck, Tick, Trick und Track, Goofy, Micky Maus, Pluto und viele weitere auf den bedruckten Laubsäge-Brettchen. Darüber hinaus gab es auch Tom und Jerry, die Biene Maja, Asterix, Pünkelchen, die Karl-May-Helden und das BRD-Sandmännchen von Graupner sowie viele andere Motive, die man damals aus dem Fernsehen, aus Büchern, Comicheften oder Cartoons kannte.
GRAUPNER, SPASSZWERGE: Johannes Graupner/Graubele hat im letzten Jahrhundert eine Serie von Zwergen als Laubsägevorlagen herausgebracht, die ich „Spaßzwerge“ nenne, denn sie sind alle fröhlich und ein wenig albern. Sie tauchten erstmals zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im Graupner-Katalog von 1939 auf und finden sich auch noch in den Katalogen der 1950er Jahre. Zu den Motiven der „Spaßzwerge“ gehören: Zwerg mit Banjo, Zwerg auf einem Fliegenpilz mit Liederbuch, Zwerg auf einem Steinpilz mit einer Flöte, Zwerg mit Blumenhemd, Zwerg mit Sonnenblumen und ein besonders schöner Zwerg mit einem Erdbeerkorb.
GRAUPNER, ZWERG PURZEL: Der niedliche Zwerg Purzel war eine erfolgreiche Jahrhundertmitte-Serie von Johannes Graupner/Graubele. Es gab viele verschiedene Motive von Zwerg Purzel als Laubsägevorlage-Brettchen: Zwerg Purzel mit Flöte, Zwerg Purzel mit Weintraube, Zwerg Purzel mit Pilz und Laterne, Zwerg Purzel mit Winterkerze, Zwerg Purzel mit Schnecke, Zwerg Purzel mit Äpfeln, Zwerg Purzel mit Ziege und Zwerg Purzel mit Frosch. Alle Figuren von Zwerg Purzel sind also Hobbyarbeiten und fallen in ihrer Qualität sehr unterschiedlich aus.
GRIAH-KUNST: Von Griah-Kunst kenne ich bisher nur ein Holzbild: einen kleinen Jungen in niederländischer Tracht mit schwarzen Pluderhosen und schwarzem Fez-Hut; er hält ein großes Ei und mehrere Geschenkpakete in den Händen. Der Stempel auf der Rückseite lautet: „Griah-Kunst, Kleur en Profiel, Namaak verboden (Nachahmung verboten)“. Die Figur scheint aus den 1930er Jahren zu stammen. Ich vermute, dass es weitere Wandfiguren von Griah-Kunst gab, denn der Stempel ist aufwändig gestaltet – mit einer Art Schriftrolle – und wurde sicherlich nicht nur für ein einziges Motiv gefertigt. Griah-Kunst könnte ein Vorläufer des Herstellers „Kleur en Profiel“ sein, der in Tiel (Holland) sein Atelier hatte. Dagegen spricht allerdings der deutlich andere Stil: Das hübsche Griah-Kind hat sehr große Augen, und das Augenweiß ist gut erkennbar. Weiß jemand mehr über Griah-Kunst oder Kleur & Profiel? Bitte schreiben Sie mir!
GROSSMANN, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Grossmann Reit im Winkl entstand 1948 aus der Not heraus – zunächst in Gudensberg bei Kassel. Das Zeichentalent der Mutter Martha Grossmann erwies sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Segen für das aufblühende Familienunternehmen. 1956 erfolgte der Umzug nach Reit im Winkl in Oberbayern. Selbst in den 1990er Jahren waren dort noch 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt: Es wurden weltweit Märchen-Holzbilder, Kindergarderoben und Hampelmänner verkauft und verschickt. Aussprache: Grossmann spricht man mit einem kurzen „O“ aus, wie das „o“ in Frosch.
GROSSMANN, BERGWERK-ZWERGE: Die Spezialität von Grossmann aus Bayern waren die Zwerge – und darunter ganz besonders die vielen verschiedenen Bergwerk-Zwerge. In dieser Variantenvielfalt kenne ich sie von keinem anderen der alten Kunstgewerbefirmen. Grossmann produzierte diese Wichtel im letzten Jahrhundert in sehr großen Stückzahlen, jeweils mit unterschiedlichen Attributen: Es gab sie zum Beispiel mit Spitzhacke, Hammer, Spaten, Sack, Laterne oder mit dicker Lederschürze. Besonders mag ich die sehr frühen, kompakten und noch ganz handbemalten Versionen mit grauem Sockel – er sollte wohl für das steinerne Bergwerksfundament stehen. Diese sehr frühen Zwerge hatten auch meistens einen sehr langen und spitzen Hut, was überaus reizend aussah.
GROSSMANN, E-MAILS: Ich bin sehr dankbar für die freundlichen E-Mail-Antworten von der Grossmann-Tochter Hannelore Grossmann vom Oktober 2016. „Hallo Frau Dietz, unsere Firma gibt es seit dem 01.08.1948. Ich finde es super, daß Sie die alten Holzbilder gesammelt haben. Viele Grüße aus Reit im Winkl, Hannelore Grossmann.“ Weitere E-Mails enthielten wertvolle Informationen: „Grossmann spricht man wie das kurze o in Frosch. Meine Eltern haben 1948 den Betrieb aus der Not heraus gegründet in Gudensberg bei Kassel. Dank der Malkunst und Fantasie meiner Mutter wurden u.a. die Holzbilder entwickelt und ca. 10 Jahre mit der Hand bemalt und danach im Siebdruck gefertigt. 1956 übersiedelten meine Eltern nach Reit im Winkl. In den 90er Jahren hatten wir 26 Mitarbeiter und haben weltweit geliefert. Heute produzieren wir nur noch Geburtstagszahlen und -Herzen in ganz kleinem Rahmen. Der Name meiner Mutter ist Martha Grossmann. Möglich, daß sie das Rotkäppchen (Anmerkung: Ich hatte ihr ein Foto gesendet) selbst bemalt hat, aber auf jeden Fall vorgezeichnet.“
GROSSMANN, ERKENNUNGSZEICHEN: Grossmann Reit im Winkl war ein großer Hersteller von Märchen-Holzbildern im letzten Jahrhundert. Die meisten Figuren haben leider keinen Firmennamen auf der Rückseite. Es gibt aber häufig ein Erkennungszeichen unten auf den Rückseiten: Es sind mit Kugelschreiber geschriebene Zahlen, die die verschiedenen Motive, manchmal vielleicht auch Auflagenzahlen bedeuteten. Das ist besonders häufig bei den frühen Figuren der Fall, oft mit Schrägstrich. Beispiel: 8/39c.
GROSSMANN, HAMPELMÄNNER: Wie sehr viele andere Hersteller von Märchen-Holzbildern im letzten Jahrhundert hat auch Grossmann Reit im Winkl Hampelmänner hergestellt. Häufig waren die Motive Kasperle und Teddies, aber es gab auch Max und Moritz, einen witzigen Pinguin im Winterkostüm, Zwerge, Kinder und Weihnachtsmänner, die letzteren oft als Mini-Figuren. Diese Mini-Figuren waren sehr beliebt und typisch für Grossmann: Es gab den Osterhasen auf Skiern, aber auch mit Pinsel und Farbtopf. Die lustigste Figur ist wohl der Mini-Weihnachtsmann, der nicht nur Skier trägt, sondern aus dessen Jackentaschen sogar Spielzeug herausschaut, ein Schaukelpferd-Teddy und ein Zwerg mit winzigem Tannenbaum in der Hand. Auffällig sind auch die mit einem Papiermotiv beklebten Hampelmänner, auf deren Rückseite kein Name steht, die aber von Grossmann sein sollen.
GROSSMANN, MÄRCHEN: Obwohl Grossmann Reit im Winkl eigentlich der Spezialist für Zwergen-Holzbilder war, gibt es auch einige Märchenmotive. Am Sterntaler-Märchen lässt sich besonders gut verdeutlichen, wie sich die Figuren über die Jahrzehnte verändert haben: Das 1940er-Sterntaler war ernst, weiß, schmal und noch komplett handbemalt, wohingegen die 1970er-Figur niedlich, hellblau und eine Siebdruck-Figur war. Interessant ist, dass es das Sterntaler in den frühen Jahren auch mit schwarzen Haaren gab, mit einem Sternenkranz. Das häufigste Grossmann-Märchen war wohl das Schneewittchen, was wiederum gut zum Zwergen-Schwerpunkt von Grossmann passt. Weitere Märchen, die ich als Grossmann-Figuren kenne: Dornröschen, Rotkäppchen, Hans im Glück, Froschkönig, Aschenputtel, Brüderchen und Schwesterchen sowie die Gänsemagd, meist als niedliche Gänseliesel dargestellt.
GROSSMANN, ZWERGE: Niedliche Wichtel waren quasi die Spezialität von Grossmann Reit im Winkl in Oberbayern. Die Grossmann-Zwerge entwickelten sich über fast ein halbes Jahrhundert hinweg. In den 1940er und 1950er Jahren wurden die Figuren noch komplett handbemalt, später folgte der Siebdruck. Auch die Gesichter der Wichtel veränderten sich im Laufe der Zeit: Die Köpfe wurden gemäß dem Kindchenschema größer und (noch) niedlicher, was bei den meisten anderen Herstellern von Märchen-Holzbildern damals auch der Fall war. Besonders schöne Beispiele: Der Schuhmacher-Zwerg mit seiner Werkstatt, der Nachtwächter-Zwerg mit langem Cape und der glückliche Zwerg mit Huckepack-Kind.
HAHA HAMBURG, GESCHÜTZTES SYSTEM: Der Hersteller „Haha“ aus Hamburg (auch “HH” geschrieben) hat vermutlich in den 1950er und 1960er Jahren seine Holzwaren hergestellt. Die Spezialität von Haha war „Der schreitende Hampelmann“; ein geschütztes System, das ich bisher auch nur von den Figuren dieses Herstellers kenne. Die Arme und Beine sind jeweils in drei Holzschichten mit dem Rumpf verbunden, mit insgesamt nur zwei Metallnieten in der Mitte, so dass man eine Art Gehbewegung sehen kann, wenn am Band gezogen wird. Die „Schreitenden Hampelmänner“ waren in der Regel aus Holz, es gab jedoch auch Pappe-Figuren, zum Beispiel der filigrane Gießkannen-Junge, der offenbar speziell für die Internationale Gartenschau Hamburg 1963 (damals IGA) als Werbung hergestellt wurde und den man vermutlich auch als Andenken kaufen konnte.
HAHA HAMBURG, NAME: Der Hersteller Haha hat vermutlich in den 1950er und 1960er Jahren seine Holzwaren hergestellt, zum Beispiel Kindermesslatten und Schlüsselbretter, vor allem aber Hampelmänner, allen voran „Der schreitende Hampelmann.“ Der häufigste Rückseiten-Stempel zeigt einen lustigen Clown, der rechts und links neben ihm jeweils den Buchstaben „H“ stehen hat. Um den Clown herum steht kreisförmig Folgendes geschrieben: „Spielwaren Marke Haha“. Der Firmenname „Haha“ bezieht sich offenbar einerseits auf den Herstellungsort Hamburg (deshalb auch das „HH“ neben dem Clown, das für „Hansestadt Hamburg“ steht). Andererseits könnte das „Haha“ zusätzlich für „Hamburger Hampelmänner“ stehen und sollte wohl außerdem andeuten, dass es sich um sehr lustige Motive handelt.
HAHA HAMBURG, RAVI-DESIGN: Es gibt deutliche Hinweise auf den Zusammenhang der beiden Hamburger Firmen Haha (HH) und Ravi-Kunst aus dem letzten Jahrhundert. Zum einen hatte Lisa Viertel bis zu ihrem Tod mehrere Dutzend Ravi-Figuren aufbewahrt, also Erinnerungen an ihre eigenen Ravi-Kunst-Jahre; wieso aber auch einige Hampelmänner von Haha, die dem Ravi-Stil sehr ähneln? Hatte sie sie selbst entworfen, noch zusammen mit Erna Rath? Zudem kenne ich ein Hampelmann-Mädchen „Mady“ von Haha, das ich zunächst eindeutig für eine Ravi-Figur hielt, bis ich den Haha-Stempel auf der Rückseite sah. Aber auch einige einzelne kleine Siebdruck-Figuren von den Haha-Schlüsselbrettern hatte Lisa Viertel aufbewahrt, die ebenfalls von Ravi entworfen sein könnten. Ravi selbst hat jedoch niemals Siebdruck angewandt; das hat mir die geliebte Nichte von Erna Rath, Ingeborg Wigger, ab dem Jahr 2020 immer wieder vehement versichert. Weiß jemand mehr über den Hersteller Haha? Bitte schreiben Sie mir!
HAMPELMÄNNER, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Alle großen Märchen-Holzbild-Manufakturen haben damals auch Hampelmänner hergestellt. Sehr originelle Motive kamen zum Beispiel vom Original Bergischer Engel und von Ravi. Alfred Mertens jedoch erzielte mit mehreren Hundert verschiedenen Motiven die höchsten Hampelmann-Verkaufszahlen. Andere Namen, unter denen diese Figuren angeboten wurden: Hampel-Figuren, Zugfiguren oder Ziehfiguren.
HAMPELMÄNNER MIT 3-D-AUGEN: Ein historischer Hersteller von Hampelmännern fällt besonders durch die 3D-Augen seiner Figuren auf. Sie sind auffällig dick mit Farbe überzogen, so dass die Augen etwas vorstehen. Die Motive sind oft besonders originell, etwa ein verschlagen dreinschauender Moritz (von Max und Moritz). Vor allem aber gab es Zwerge und Sandmänner von diesem Hersteller. Die Farben der Figuren sind meist wunderschön satt und leuchtend aufgetragen. Weiß jemand den Namen dieser Manufaktur? Bitte schreiben Sie mir!
HANDARBEID/HANDBEMAHLT, HOLLAND: Es gibt schöne, sich sehr ähnelnde Wandfiguren aus den Niederlanden, vermutlich aus den 1930er und 1940er Jahren. Manchmal steht „Handarbeid Holland“ (häufig in rot) oder „Handbemahlt“ auf der Rückseite. „Handarbeid“-Beispiele: Pelikan-Reiter, Zaun-Kinder, Waschzuber-Mädchen und ein Angler-Zwerg, an dem man die Technik der Motivaufbringung erkennt, denn auf der Rückseite ist das gleiche Motiv aufgedruckt, nur unbemalt. „Handbemahlt“-Beispiele: ein Junge mit einem Fußball, ein Junge mit einer Kerze und ein Mädchen mit einer riesigen Tasche. Manchmal findet man nur (oder zusätzlich) die Zahl 1, 2, 3 oder 4 und teilweise einen dreieckigen Papieraufhänger. Es könnte sein, dass es sich immer um den gleichen Hersteller handelt. Vermutlich von einem anderen Produzenten stammen die Niederlande-Figuren mit den dicken braunen gedruckten Umrissen, zum Beispiel ein erschöpfter Fliegenpilz-Zwerg. Weiß jemand mehr darüber? Bitte schreiben Sie mir!
HANDBEMALT, VERGLEICHE: In der frühen Periode der Märchen-Holzbilder (bis zur letzten Jahrhundertmitte hin) waren die meisten Figuren noch handbemalt. Da ist es interessant, zwei Holzbilder einer solchen Auflage zu vergleichen. Besonders der Ausdruck der Gesichter ist oft sehr unterschiedlich: Bei dem schwangeren Ravi-Schneewittchen mit der hellblauen oder rosa Tunika lächelt das Schneewittchen manchmal mehr und manchmal weniger, aber immer ein wenig geheimnisvoll.
HANDI: Dieser Hersteller hat vermutlich in den 1930er Jahren seine Märchen-Holzbilder produziert. Im Deutschen ist der Name inzwischen, fast hundert Jahre später, sehr lustig, denn er sieht fast aus wie das deutsche Wort „Handy“, also Mobiltelefon. Im Englischen merkt man das nicht, denn „handy“ bedeutet im Englischen einfach nur „praktisch“. Mobiltelefone hingegen heißen im Englischen „cell phone“ oder „mobile phone“; in der Kurzversion einfach nur „cell“ oder „mobile“. Die Holzbilder von Handi findet man nur selten, ich kenne bisher lediglich eine Handvoll Zwerge. Der schönste ist ein grimmiger Nikolaus mit einem großen Sack und einem Apfel in der Hand.
HANNS HEUER: Ein kleiner Zwerg mit einem Schlüssel und einem Brief in den Händen stammt von Hanns [sic] Heuer aus Lüneburg. Auf dem Rückseiten-Stempel steht folgender Text: „Hanns Heuer, Lüneburg, Handarbeit, Kunstgewerbliches Atelier.“ Hanns Heuer gehört zu den vielen sehr kleinen und fast völlig vergessenen Kunstgewerbeherstellern aus dem letzten Jahrhundert, die Märchen-Holzbilder angefertigt haben. Beim Googeln (Stand 2025) findet man jedenfalls keinen einzigen Eintrag über diese alte Manufaktur. Demnächst wird man wohl den Eintrag finden, den ich in meinem Online-Museum für Märchen-Holzbilder (maerchenholzbilder.de) machen werde, sobald ich dazu komme, den Zwerg zu fotografieren und ins Museum einzupflegen. Die Figur ist übrigens recht hochwertig gefertigt und bemalt; außerdem ist es ein ungewöhnliches Motiv, wegen der zwei Attribute Schlüssel und Brief. Es ist zu vermuten, dass Hanns Heuer damals noch viele andere Motive hergestellt hat.
HAPTIK: Das hervorstechendste Merkmal der vergangenen Ära der Märchen-Holzbilder ist die Tatsache, dass die Figuren zwar dünn (meist 3 mm), aber dennoch kompakt und solide waren. Auf Holz gemalt oder auf Holz gedruckt, aber in jedem Fall so, dass man etwas Festes in den Händen hielt. Das ist der große Unterschied zu einer Kinderbuch-Illustration, die nur aus Papier besteht. Es ist auch etwas ganz anderes als die modernen Merchandise-Produkte für Kinder, die in der Regel aus Kunststoff bestehen.
HARTMANN/HARTMANNS: Hartmann war ein Hersteller von Papiervorlagen für Laubsägearbeiten, vermutlich in den 1930er Jahren. Auf einer Anzeige in alter deutscher Schrift steht Folgendes: „Hartmanns patentierte Laubsäge-Vorlagen ergeben saubere und genaue Vorzeichnungen ohne Verschmutzen des Holzes, ohne Kleben oder Pausen. Verlangen Sie diese von Ihrem Händler! Auskunft erhalten Sie bei Signograph, Leipzig C I.“ Die Motive waren zum Aufbügeln gedacht und es erschienen thematische Hefte zum Beispiel zu „Deutschen Märchen“, „Grimms Märchen“ und „Gestalten aus dem Volke“. Später wurden in der DDR viele der ehemaligen Hartmann-Vorlagen unter dem Namen „Signo“ wieder herausgegeben.
HEDI DÜLL: Hedi Düll (1904–1982) gehörte zu den vielen Frauen, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg unter schwierigen Umständen allein für ihre Familie sorgen mussten. Ihr Sohn Horst Düll erinnerte sich im neuen Jahrtausend: „Als kurz nach dem Krieg meine Mutter allein für meinen Bruder und mich den Unterhalt verdienen musste, kam sie auf die Idee mit diesen Märchenfiguren … Ich war damals zehn Jahre alt und habe noch immer den Duft des Sperrholzes und der Farben in Erinnerung, und ich durfte höchstens die Späne wegschleifen. Mein drei Jahre älterer Bruder Willi sägte die Sperrholzfiguren mit einer einfachen Laubsäge aus und trug die Hauptfarben auf. Meine Mutter behielt sich vor, mit feinen Pinselstrichen die Nuancen auf den Gesichtern, den Gewändern und den Händen zu malen. Nur durch eine Freundin, die mit einem Sägewerkbesitzer verheiratet war, kam meine Mutter wohl an das Sperrholz, und eine andere Freundin hatte ein Farbengeschäft. Die Vorlagen entlehnte sie wohl mehr oder weniger den Aussägefiguren aus unserem Kinderzimmer. Der Verkauf erfolgte über ein Woll- und Kleidergeschäft in Rothenburg ob der Tauber. Und die Abnehmer? Das waren ganz überwiegend amerikanische Soldaten. Wenn ich mich richtig erinnere, bekam sie etwa sechs oder sieben Reichsmark dafür.“
HEDWIG DEUTSCHMANN: Von Hedwig Deutschmann kenne ich bisher nur ein ungewöhnliches Hexenhaus mit einem Kurze-Hosen-Hänsel, das vermutlich um 1940 herum entstanden ist. Die Figur ist recht groß und aufwändig gearbeitet: Neben Hänsel, Gretel und der Hexe sieht man eine hübsche schwarze Katze, den rauchenden Schornstein, eine gelbe Blumenranke, einen seitlichen Wasserabfluss mit einem Hahnenkopf als Verzierung und ein Dach voll mit vielen verschiedenen filigran gezeichneten Lebkuchen. Der Rückseiten-Stempel enthält nur drei Wörter: „Hedwig Deutschmann“, und darüber steht der Anfang des Wortes „Kunst“. Es könnte sich natürlich durchaus um ein Kunstgewerbe-Geschäft handeln, aber die Figur scheint eine Manufakturen-Arbeit zu sein, und vermutlich hat dieser Hersteller im letzten Jahrhundert mehr als nur dieses eine Motiv hergestellt: In jedem Fall ist es die schöne Figur mit dem Hedwig-Deutschmann-Stempel. Weiß jemand mehr darüber? Bitte schreiben Sie mir!
HELLER, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Hellerkunst wurde von Magda und Georg Heller 1927 gegründet. In den frühen 1930er Jahren erfolgte der Umzug von Wuppertal nach Dreis in der Eifel. Ab 1966 übernahm der Sohn Ralf Heller die Leitung der Firma. Inzwischen wird die Manufaktur, jetzt „Heller“ genannt, in dritter Generation von Jan Heller geführt, einem Enkel des Gründerpaares. So spannt sich die Hellerkunst-Ära inzwischen über rund hundert Jahre, so lange wie bei keinem anderen Hersteller von Märchen-Holzbildern. Heller war quasi der Erfinder der professionell hergestellten Märchen-Holzbilder: Es wurde eine Ära begründet, die viele Jahrzehnte anhalten sollte.
HELLER, AUFLAGENVERGLEICHE: Man sollte meinen, dass doch die älteren Märchen-Holzbilder von Hellerkunst automatisch seltener sind, aber das ist nicht immer der Fall. In den 1930er Jahren hatte Heller die höchsten Auflagen: Das hat mir Klaus Heller, ein Sohn von Magda Heller, im neuen Jahrtausend erzählt. Es gibt daher späte Motive, die sehr selten sind, weil die Auflage nicht sehr hoch war. Oft sind das Varianten von alten Figuren oder auch neue Motive, meist von Ralf Heller entworfen. Ebenfalls selten sind einige der Plastik-Wandfiguren aus den Sechzigerjahren, mit denen Hellerkunst eine Weile experimentiert hatte.
HELLER, BÜCHER: Magda Heller von Hellerkunst hat um die letzte Jahrhundertmitte herum auch Bücher und Postkarten illustriert. Einige davon erschienen als Leporello-Bücher, also als gefaltete Bücher, auch als Ziehharmonika-Bücher bekannt. Eines davon hatte speziell entworfene Märchenfiguren, die von Heller dann auch als Kunststoff-Figuren hergestellt wurden. Auf dem Cover steht Folgendes: „Märchenkinder, Bilder von Magda Heller, Jos. Scholz-Mainz, Verlag, Wiesbaden.“
HELLER, DECKENLAMPEN: Ich kenne verschiedene große Lampen von Hellerkunst. Sie haben stets einen hölzernen Ring, auf den mehrere Wandfiguren aufgesteckt sind. Eine der Lampen zeigt sechs Figuren aus den 1930er Jahren, wobei die Rückseiten nicht bemalt sind, also genauso aussehen wie immer. Eine andere Lampe stammt aus den 1950er Jahren, und da hat jede Figur auch eine bemalte Rückseite. Diese Rückseiten zeigen wunderbarerweise nicht die gleiche Ansicht wie die Vorderseite, sondern tatsächlich die Rückansicht der Figur. Besonders schön ist, dass einige dieser Figuren sehr bekannte Motive sind, von denen man sonst eigentlich nur die Vorderansicht kennt: Bei dem liebevoll zugeneigten Schneewittchen zum Beispiel sieht man sonst immer nur einen dünnen Teil von einem einzigen Zopf, aber auf der Rückseite kann man jetzt zwei schöne dicke schwarze Zöpfe erkennen.
HELLER, DER BRAUNE STIFT: Ich habe Klaus Heller, einen Sohn von Magda Heller, im neuen Jahrtausend zu seinen Hellerkunst-Erinnerungen befragen dürfen. Dabei ging es häufig darum, ob eine mir unbekannte Figur von seiner Mutter sein könnte, weil der Zeichenstil ähnlich war. Bei einem Holzbild war sich Klaus Heller einmal sehr schnell sicher, dass es keine Magda-Heller-Figur sein konnte, weil die Konturen mit einem schwarzen Stift gezeichnet waren: „Meine Mutter hat immer einen braunen Stift benutzt“, sagte er vehement. Leider wusste er nicht mehr, was für ein Stift es genau gewesen war. Es wäre schön zu wissen, dass es vielleicht ein Faber-Castell-Stift war, in einem bestimmten Braunton, den es auch heute noch gibt. Dann könnte ich den Stift kaufen und darüber meditieren, wie Magda Heller damals mit solch einem Stift die zarten Gesichtszüge von Kindern auf das Holz gezaubert hat.
HELLER, DIE SIEBEN RABEN: Ich kenne bisher genau vier verschiedene Hellerkunst-Wandfiguren zu diesem Märchen. Eines der Holzbilder ist blau, die drei anderen sind rot. Die blaue Figur findet sich im ersten Heller-Katalog aus den 1920er Jahren und zeigt das kniende Schwesterchen. Im Katalog sind alle Motive in schwarz-weiß abgebildet, aber ich habe bisher zwei Exemplare dieser frühen Auflage in den Händen gehalten, und sie sind beide hellblau. Die zweite Sieben-Raben-Schwester aus den 1930er Jahren ist stehend und rot, eine sehr schmale Figur. Um 1950 herum wurde diese Figur überarbeitet: Das Mädchen bekam dickere Zöpfe, der Sockel wurde weiß und die Augen der Raben grün. Etwa in den 1970er Jahren gab es eine neu bearbeitete Version, vermutlich von Ralf Heller entworfen, wo das Schwesterchen wieder kniet wie bei der allerersten Figur, aber weiterhin ein rot-oranges Kleid trägt und zwei ihrer Rabenbrüder auf Hand und Schulter hält, wie es auch bei der zweiten und dritten Variante der Fall war.
HELLER, DORFMUSIKANTEN: Es gab nicht nur Märchen-Holzbilder mit Kindermotiven von Hellerkunst, sondern auch einige Figuren mit Erwachsenen. Dazu gehören vor allem die Dorfmusikanten, die um die frühe Jahrhundertmitte herum entstanden. Es gab sie als Einzelfiguren oder zu dritt auf einem großen Holzbild. Ihre Instrumente waren Geige, Flöte und Kontrabass. Ich nenne sie Dorfmusikanten, weil sie oft einen Mantel tragen, also wohl draußen im Kalten spielen. Der schönste Mantel ist eine Art langer, ausgestellter Gehrock, wie zu Goethes Zeiten: Er wird von der Einzelfigur des Flötisten getragen.
HELLERKUNST, EPOCHEN: Man kann die Hellerkunst-Figuren in drei Epochen unterteilen; Antik, Jahrhundertmitte und Vintage. Antike Hellerkunst stammt aus den 1920er und 1930er Jahren. Die ganz frühen Bilder hatten meist einen Sockel mit geraden Seiten und spitzen Kanten. Die Heller-Märchen-Holzbilder der Jahrhundertmitte hatten den abgerundeten Sockel und waren bis um 1960 herum noch komplett handbemalt. Dann folgte eine Übergangszeit von Siebdruck plus Handbemalung. Zur Vintage Hellerkunst gehören die späten Siebdruckfiguren Ende des letzten Jahrhunderts: Sie weisen gar keine Handbemalung mehr auf.
HELLER, ERFINDER DER MÄRCHEN-HOLZBILDER: Es war Georg Heller, der in den 1920er Jahren als erster auf diese Idee gekommen war, so wird es auf der Heller-Website (Stand 2025) beschrieben. Ja, es hatte auch vorher schon viele Vorlagen für Laubsägearbeiten gegeben, aber diese Motive zeigten kaum Personen und es waren in der Regel auch keine flachen Wandfiguren. Außerdem ging es bei den alten Laubsägevorlagen meist um Hobbyarbeiten, während Hellerkunst durchweg nur großartige kunstgewerbliche Produkte herstellte. So hat das Ehepaar Georg und Magda Heller aus der Eifel etwas ins Leben gerufen, das ein Jahrhundertphänomen werden sollte: Die Ära der Märchen-Holzbilder, die von den 1920er bis zu den 1980er Jahren andauerte.
HELLER, FARBABSTUFUNGEN: Gerade in den frühen Jahrzehnten hat Hellerkunst überaus gerne mit verschiedenen Schattierungen von einer Grundfarbe gespielt. Ein sehr schönes Beispiel für ein Brüder-Grimm-Märchenmotiv mit dieser Technik ist die Art Deco-Wandfigur von Hänsel und Gretel aus den 1930er Jahren: Das Holzbild hat die Grundfarbe Blau, aber dieses Blau erscheint in fünf verschiedenen Schattierungen. Der Effekt ist elegant und wirkungsvoll, so dass man die Figur sehr gerne anschaut: Sie ist eine der schönsten Magda-Heller-Holzbilder.
HELLER, FIRMENNAMEN-ERFINDER: Magda und Georg Heller als Hersteller der allerersten Märchen-Holzbilder haben auch den ersten Namen für eine solche Manufaktur erdacht, mit dem Wort „Kunst“ am Ende: Hellerkunst! Wer das später im 20. Jahrhundert alles nachgemacht hat? Sehr viele Hersteller, der berühmteste unter ihnen Alfred Mertens mit Mertens-Kunst. Welche Manufakturen noch das Wort „Kunst“ an ihren Namen gehängt haben? Hier jeweils der Anfang der jeweiligen Namen: Münchner, Eifel, Niedersachsen, Holsten, Ravi, Weha, Asti, Wrangel, Noah und noch viele andere.
HELLER, HANDBEMALUNGSKOSTEN: Etwa bis zur alten Jahrhundertmitte wurden alle Wandfiguren von Hellerkunst noch komplett handbemalt. Jan Heller, der die Manufaktur „Heller“ von seinem Vater Ralf Heller übernommen hatte, erzählte mir im neuen Jahrtausend, dass man heute diese Art von Handarbeit kaum noch bezahlen könnte. Wenn man die hohen Lohnkosten in unserer Zeit bedenkt, müsste solch eine aufwändig handbemalte Wandfigur heute im Verkauf sicherlich 150 Euro kosten! Die Manufaktur Heller stellt immer noch einige Märchenfiguren her, aber diese werden inzwischen alle im Siebdruckverfahren hergestellt, das allerdings immer noch mit viel Handarbeit verbunden ist, da Heller immer noch viele der alten Maschinen verwendet. (Stand 2025)
HELLER, HERBSTBLATT-ELFE: Eines der allerschönsten Märchen-Holzbilder von Magda Heller ist die auf einem Herbstblatt schwebende kleine Elfe im kurzen Hoodiekleid. Sie taucht erstmalig im 1930er Hellerkunst-Katalog auf, wo sie den Namen „Gilbhard“ trägt; eine altdeutsche Bezeichnung für den Monat Oktober. Normalerweise hat das kurze Kapuzenkleid der Elfe ein kräftiges Blau, ein Royalblau, aber ich kenne auch eine Variante mit einem helleren Blau. Außerdem gibt es eine winzige Miniversion als Christbaumschmuck, mit roten Wangen und beidseitig bemalt. Die wunderschöne Hellerkunst-Herbstblatt-Elfe wurde häufig kopiert; man sieht die Kopien manchmal mit einem roten Kleidchen.
HELLER, HUMPERDINCK-ENGEL: „Vierzehn Engel um mich stehn“ heißt es in dem berühmten „Abendsegen“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck (1854–1921). Magda Heller von Hellerkunst schuf dazu eine wunderbare Zusammenstellung, die ich in verschiedenen Ausführungen kenne: Sie besteht jeweils aus einem großen Holzbild mit einer Wiege und vier Engeln darauf. Zusätzlich gibt es fünf kleinere Wandfiguren, auf denen jeweils zwei Engel, also fünf verschiedene Engelpaare zu sehen sind. Somit sind sie alle erfasst, die 14 Schutzengel aus dem Abendsegen-Lied: „Abends will ich schlafen gehn, vierzehn Englein um mich stehn: zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner Linken, zwei die mich decken, zwei die mich wecken, zwei die mich weisen zu Himmels Paradeisen.“
HELLER, KATALOGE: Der erste Hellerkunst-Katalog erschien Ende der 1920er Jahre. Er enthält neben den ersten Märchen-Holzbildern, Kindern und Zwergen noch drei fantastische Wandfiguren mit Goethes Faust, Gretchen und dem Teufel Mephisto. Der zweite Katalog zeigt schon bekanntere Motive, darunter auch das große Schneeweißchen und Rosenrot mit dem Bären. Der dritte Katalog ist kein gedruckter Papierkatalog wie die ersten beiden, sondern er besteht aus vielen dünnen Sperrholz-Seiten, die man umblättern kann. Er entstand wohl um 1950 herum und hat noch eine weitere Besonderheit: Die Motive darin sind alle handgemalt, direkt auf die Holzseiten gezeichnet, sicherlich noch von Magda Heller selbst. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es nur zwei Exemplare davon. Einen der Kataloge konnte ich jedenfalls durchblättern und fotografieren, als ich die Firma Heller vor einigen Jahren, am 6. Oktober 2021, in der Eifel besuchen durfte.
HELLER, KÖNIGIN DER MÄRCHEN-HOLZBILDER: Magda Heller von Hellerkunst war sozusagen die Königin der Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert. Johanna Gruner-Witkop, die 2023 verstorbene Gründerin des Original Bergischer Engel, hatte einmal zu mir gesagt: „Die aus der Eifel, das war eine wirkliche Künstlerin!“ Sie hatte Magda Heller gemeint. Was spricht noch dafür, dass Magda Heller die breite goldene Krone verdient? Weltweit ist das Wort „Hellerkunst“ zum Synonym für die Märchen-Holzbilder des 20. Jahrhunderts geworden. Man findet das Wort „Hellerkunst“ oft im Internet, wenn alte Kinder-Wandfiguren zum Kauf angeboten werden, selbst wenn diese gar nicht von Hellerkunst sind!
HELLER, LASURMALEREI: Es gibt einige Holz-Wandbilder von Hellerkunst aus den 1930er Jahren, die tatsächlich nur Bilder sind und keine ausgesägten Figuren. Diese Bilder haben einen dicken Holzrahmen, und das Format beträgt rund 26 x 26 cm. Die Motive sind direkt auf Holz gemalt in einer Farbe, die ein wenig transparent wirkt, eben Lasurmalerei. Ich kenne bisher die folgenden Motive: Tanzmädchen mit Flötenspieler („Kleine Tanzweise“), Zwergen-Mädchen mit Buch („Frühlingslied“), Peter-Pan-Junge mit Holzschwert und Zwergen („Die Mutigen“), Mutter mit Baby („Die Rast“), Zwerge mit Bollerwagen-Baby, Die sieben Schwaben und eine Maria/Madonna in einem anderen, länglichen Format.
HELLER, LEUCHTMÄNNLEIN: Das „Leuchtmännlein“ war eines der langlebigsten und bekanntesten Hellerkunst-Motive. Es wurde noch bis Ende des letzten Jahrhunderts hergestellt, da war allerdings aus dem ehemaligen Nacktknie-Zwerg inzwischen ein Hosenzwerg geworden. Somit umspannt die Lebensdauer des roten Heller-Wichtels rund siebzig Jahre. Typisch für diese (tausendfach von späteren Manufakturen und Hobbykünstlern kopierte) Figur ist die erhobene entzündete Laterne. Man findet dieses Märchen-Holzbild schon im allerersten Heller-Katalog aus den 1920er Jahren, da hatte der Sockel unten noch ganz gerade Linien. Später gab es zwei Varianten: Die Augen waren entweder sichtbar oder verdeckt. Die späte Siebdruck-Version hatte keinen Sockel mehr, die Augen waren größer und der Bart war länger geworden.
HELLER, LOGOS: Bei einigen Hellerkunst-Holzbildern aus den 1920er Jahren sind auf der Rückseite die stilisierten Initialen „GH“ eingraviert. Sie stehen für Georg Heller, den Mann von Magda Heller, der ebenfalls ein ausgebildeter Künstler gewesen war. Klaus Heller, ein Sohn von Georg und Magda Heller hat mir bestätigt, dass sein Vater bei seinen sehr frühen Arbeiten diese Signatur mit seinen Initialen GH verwendet hat. Danach kam der silberne Aufkleber mit dem winzigen Schriftzug „Heller-Kunst“. In den 1930er Jahren ging man dann zu dem gebogenen Wort „Hellerkunst“ über und es kamen die berühmten beiden sich überlappenden Tannen dazu, zunächst eingebrannt, später nur noch eingeprägt. Später wurde der Name auf „Heller“ verkürzt und zeitweise ein Papieraufkleber verwendet, mit dem Namen und nur noch einer Tanne darauf. Um die Jahrtausendwende herum kam noch eine Änderung, denn seitdem verzichtet Heller komplett auf eine Kennzeichnung auf den Rückseiten der Märchenfiguren.
HELLER, MAGDA-HELLER-AUGEN: Das Zeichnen der Gesichter auf den Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert, besonders das Zeichnen der Augen, war immer das Schwierigste. Magda Heller, die unübertroffene Hellerkunst-Künstlerin, hat diesen Teil der Arbeit meist selbst übernommen. Das Anmalen der Figuren hingegen konnte von den (oft ungefähr dreißig) „Malmädchen“ ausgeführt werden. Selbst in der frühen Siebdruckzeit wurden die Augen (und auch die Hände) bei Hellerkunst noch handbemalt, meist auch noch von Magda Heller persönlich, wie mir ihr Sohn Klaus Heller im neuen Jahrtausend erzählte.
HELLER, MARGARINEFIGUREN: Ich kenne eine kleine Sammlung von drei goldenen Plastikfiguren, die im letzten Jahrhundert als Christbaumschmuck hergestellt worden sind. Es sind eine Glocke und zwei Motive von Hellerkunst-Holzbildern: Der Blumenstrauß-Zwerg und das „kleine Barfußprinzesschen“ stammen ursprünglich aus den 1930er Jahren. Klaus Heller, ein Sohn von Magda Heller, ist sicher, dass Heller diese Figuren nie selbst hergestellt hat, zumal sie nicht den Qualitätsansprüchen von Hellerkunst genügen. Auch mir fiel an der winzigen Mädchenfigur auf, dass die Augen an der falschen Stelle sitzen, viel zu hoch oben, so dass sie fast in die Stirn hineinreichen. Die Manufaktur Heller hat allerdings nie rechtliche Schritte gegen derartige Kopien ergriffen, obwohl vermutlich kein Hersteller damals so kopiert worden ist wie Hellerkunst aus der Eifel.
HELLER, MIT SOCKEL: Die frühen Märchen-Holzbilder endeten nicht mit den Füßen, sondern die Füße standen auf einem breiten Teil, das in der Regel nach unten hin spitz zulief. Als ich im neuen Jahrhundert einmal mit Klaus Heller, einem Sohn von Magda Heller telefonierte, fragte ich ihn, wie ich diesen unteren Teil nennen soll, und er sagte, das ist der Sockel. Ich denke, dass auch diese Idee, speziell für die Märchen-Holzbilder angewandt, eine Erfindung von Georg und Magda Heller war, denn sie hatten ja auch die allerersten Kinder-Wandfiguren überhaupt produziert. Bei Heller entwickelte sich der Sockel so: Es war fast immer ein Dreieck, aber in den 1920er Jahren waren die Seiten dieses Dreiecks meist noch ganz gerade, nicht gewölbt wie in den 1930er Jahren und später. Die Farbe des Sockels war in der Regel braun, aber ich kenne auch Ausnahmen mit zum Beispiel blauem Sockel (1930er Dornröschen mit Dornensockel) oder mit weißem Sockel (Heller-Regenkinder).
HELLER, MUSIKZWERGE: Magda Hellers Musikzwerge entwickelten sich über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg. Es begann mit den Art Deco Zwergen, die noch alle nackte Beine hatten, mit reizenden knubbeligen Knien. Die Figuren waren meist einfarbig, wobei diese Farbe in mindestens zwei Schattierungen aufgetragen wurde. Dann kam noch eine zusätzliche Kontrastfarbe für ein kleineres Detail dazu. Das klassische Beispiel ist der frühe „Baßgeiger“-Zwerg: Meistens war sein kurzes Hoodie-Kleid mittelblau, die Ärmel aber hatten ein leuchtendes Royalblau und die Kontrastfarbe bildeten die mal orangen, mal roten Stiefel. Später bekamen die musikalischen Gnome Hosen angezogen und in einer Hellerkunst-Versuchsreihe sogar ein anderes Material: Plastik statt Holz. Die Instrumente waren Flöte/Schalmei, Laute, Fiedel/Geige und Kontrabass.
HELLER, OHNE SOCKEL: Etwa ein halbes Jahrhundert lang hatten die allermeisten Märchen-Holzbilder von Hellerkunst einen Sockel gehabt, also einen farblich abgesetzten unteren Teil der Figur, der in der Regel braun gewesen war. Ungefähr ab den 1970er Jahren begann Hellerkunst, diesen Sockel wegzulassen. Ein ganz neuer Entwurf dafür war zum Beispiel das Dutt-Aschenputtel, das ich auch „Kopfweh-Aschenputtel“ nenne, weil das Mädchen ganz erschöpft die Hand an die Stirn hält. Dieses Holzbild endet also am unteren Ende nicht mehr mit einem Sockel, sondern mit den Füßen – und in diesem speziellen Fall mit den gelben Clogs der Figur.
HELLER, PLASTIKFIGUREN: In den Sechzigerjahren hat Hellerkunst mit einem neuen Material experimentiert, denn eine Zeitlang gab es Wandfiguren aus Plastik. Das waren vor allem Brüder-Grimm-Märchen und Zwerge, aber ich kenne auch ein Kindermotiv aus Kunststoff: Der inzwischen sehr seltene kleine Junge in Jägerkleidung mit Dackel. Zu den Märchenmotiven der Plastikserie erschien auch ein Magda-Heller-Buch mit dem Titel „Märchenkinder“. Das neue Material setzte sich jedoch nicht durch, so dass Hellerkunst bald wieder zum Sperrholz überging.
HELLER, SCHNEEWITTCHEN: Es ist interessant, alle Schneewittchen einer Manufaktur miteinander zu vergleichen. Bei Hellerkunst sieht man eine Entwicklung über mehr als fünfzig Jahre hinweg, bei rund zehn verschieden Versionen: In den 1920er Jahren gab es das ernste Art Deco Schneewittchen mit Pagenschnitt, hinterher bekam das Schneewittchen Zöpfe und wurde immer niedlicher. Besonders schön ist auch die seltene Plastik-Variante aus den Sechzigerjahren, wo einer der Zwerge dem Schneewittchen eine Krone reicht.
HELLER, TITELSTEMPEL: Bald nach der Jahrhundertmitte bekamen die Märchen-Holzbilder von Hellerkunst einen zusätzlichen Stempel, der den Titel der Figur nannte. Etwa zu diesem Zeitpunkt erfolgte auch der Übergang zum Siebdruck. Aber die naheliegende Gleichung Titelstempel = Siebdruck geht nicht immer auf. Wie auch bei anderen Manufakturen wurden die neusten Stempel immer auch gerne auf alte, in diesem Fall noch ganz handbemalte, Lagerware gestempelt: Ich kenne zum Beispiel eine reizende von Küken gezogene Bollerwagen-Elfe mit dem Heller-Titelstempel „B/33 Frühlingsfahrt“, die jedoch noch komplett handbemalt ist. Nach meiner Schätzung sind aber rund 90% der Figuren mit Titelstempel tatsächlich schon mit der Siebdrucktechnik hergestellt worden, anfangs noch mit zusätzlicher Handbemalung.
HELLER, TRACHTENKINDER: Die ersten Trachtenkinder von Magda Heller stammen aus den späten 1920er Jahren. Anfangs waren es Einzelfiguren mit individuellem Charakter: Das frühe Schwarzwaldmädel spielt mit seinem Schleifenband und der erste Hessenjunge hat die Hände in die Seiten gestemmt. In den 1930er Jahren entstanden schließlich die tanzenden Kinderpaare in verschiedenen Landestrachten. Es gab auch einen großen Maibaum mit bunten Bändern. In den Hellerkunst-Katalogen findet man unter anderem folgende Namen für die Trachtenkinder: Schwarzwald-Mädel, Tiroler Paar, Friesen, Niedersachsen, Rheinländer, Hessen und Oberbayern.
HELLER, VOGELNAMEN-ZWERGE: Hellerkunst hat um die letzte Jahrhundertmitte herum eine Serie von Holzbildern entworfen, die jeweils einen Zwerg mit einem Vogel zeigen. Das Originelle dabei war die Tatsache, dass die Vogelarten zusätzlich illustriert wurden: Der Distelfink wurde mit einer Distel abgebildet, der Buchfink mit einem Buch und die Nachtigall mit einem schlafenden Zwerg in der Nacht, beide auf einem wunderschönen Blütenzweig.
HELLER, WANDUHREN: Von Hellerkunst gibt es auch Kinder-Wanduhren. Ich kenne eine große Uhr aus den 1930er Jahren, mit der Hunderte von Kindern jahrzehntelang die Uhrzeit gelernt haben: Das war in einem Kindergarten in Köln/Ehrenfeld. Die Mini-Figuren auf der Uhr illustrieren den Tagesablauf von glücklichen, gut versorgten Kindern. Die Wanduhren von Heller werden in ähnlicher Form immer noch hergestellt, von Jan Heller, der die Manufaktur seines Vaters und seiner Großeltern inzwischen in dritter Generation führt.
HELLER, WOLKENFAHRT: Es gibt ein sehr ungewöhnliches Holzbild von Magda Heller, das Hellerkunst „Die Wolkenfahrt“ genannt hat. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, sitzen in einer großen Wolke. Der Junge hält ein improvisiertes Segel in der Hand. Ich kenne drei Versionen, eine mit gelbem Segel und zwei mit blauem Segel. Die Kinder mit dem blauen Segel haben weiße Kragen und die Variante zeigt das Mädchen mit etwas längeren Haaren. Die Version mit dem gelben Segel findet sich im 1930er Heller-Katalog. Auf allen Wolkenfahrt-Bildern halten die Kinder ein wenig ängstlich Ausschau: vielleicht in die Zukunft?
HEXENHAUS-DIORAMA-MANUFAKTUR: Ich kenne zwei Dioramen und eine Einzelfigur, die wohl aus den 1940er-Jahren stammen und die außerordentlich kunstfertig und sehr originell ausgeführt wurden – leider ganz ohne ein Herstellerzeichen. Das Hexenhaus-Diorama zeigt eine Buckelhexe mit Spitzenhaube und einem aufgerissenen Mund – sie scheint den Kindern etwas zuzurufen, die als weitere Einzelfiguren auf einer langen roten Leiste angebracht sind. Weiterhin sieht man eine schwarze Buckelkatze und drei Tannen, eine davon mit einem schwarzen Raben und insgesamt 21 kleine Steinpilze. Das zweite ist ein Dornröschen-Diorama, ebenfalls vollständig handbemalt. Man sieht links das Dornröschen mit einer Rosenranke, die durch den oberen Teil ihres Throns ragt, und ganz links den Prinzen auf einem weißen Pferd. Dazwischen stehen als Einzelfiguren der Koch und der berühmte geohrfeigte Küchenjunge. Das dritte Motiv ist eine Einzelfigur: eine niedliche kleine Gänsemagd, ebenfalls mit zwei Steinpilzen.
HEYE: Das markanteste Holzbild von Heye ist wohl der begeisterte, weit ausschreitende Marschmusikant mit zwei Becken, die aus riesigen Sonnenblumen bestehen. Wie alle Heye-Figuren, die vermutlich aus den 1930er Jahren stammen, ist die Figur nicht nur sehr originell inmitten einer Bewegung gezeichnet, sondern auch eine äußerst schöne und filigrane Arbeit. Ich kenne bisher zwei weitere Marschmusikanten sowie einen Hase und Igel und einen Hans im Glück mit sehr langem Gans-Hals. Der äußerst ausführliche Rückseiten-Stempel lautet folgendermaßen: „Heye Kunstgewerbe – Lampen, Friedrich Wilhelm Heye, (24) Niendorf/Ostsee, Rodenbergstraße 24“. Das könnte auch ein reines Verkaufsgeschäft gewesen sein, wenn nicht der zweite Stempel wäre, auf dem die vier stilisierten Buchstaben „Heye“ (oder „Heve“?) stehen – ein typisches Logo der Märchen-Holzbilder-Ära. Weiß jemand mehr über diese Manufaktur? Bitte schreiben Sie mir!
HEYMENTL: Ich kenne neun Figuren dieses Herstellers, die alle recht groß sind und aus der letzten Jahrhundertmitte stammen. Auf der Rückseite steht immer der Stempel: „Original Heymentl, Handgemalt, Gesetzl. geschützt“. Auffällig bei diesen Wandfiguren ist der hochwertige Karikatur-Stil, ein wenig wie Comics gezeichnet. Außerdem haben alle Personen hochrote Wangen, viele auch Pausbacken. Motiv-Beispiele: Schuster, Mozart, ein Pfeil-und-Bogen-Paar, vermutlich ein Lausebub mit vorwurfsvollem Vater, eine Lockenfrau mit Fliegenpilz, ein Marienkäfer-Mann mit Schlapphut und ein laufender Junge mit einem Riesen-Schmetterling. Ob „Heymentl“ auch der Zeichner war? Weiß jemand mehr über diese Figuren? Bitte schreiben Sie mir!
HILLA: Zu den markantesten Hilla-Wandfiguren gehören die auf einem großen Herz stehenden küssenden Teenager. Hilla hat vermutlich in den 1940er Jahren in Süddeutschland produziert. Es gibt einen (wohl frühen) rechteckigen Rückseiten-Stempel mit „Hilla, Kunstgewerbliche Handarbeit“ und einen rautenförmigen mit „Hilla Handarbeit Handwork, Made in Germany“. Die meisten Hilla-Märchen-Holzbilder sind kleiner und dicker als damals üblich, mit satten Farben und dicker Lackschicht. Die Motive sind durchgängig unverwechselbare Hilla-Designs, wie zum Beispiel das Spitzenwäsche-Rotkäppchen mit niedlichen abstehenden Flechtzöpfen, den kleinen Bayernjungen in Lederhosen und ein Kinderreigen aus Schürzen-Mädchen, deren Lachen jeden einzelnen weißen Zahn zeigt – ebenfalls typisch für Hilla. Der Bierkrug-Mann und der Laternenpfahl-Liebhaber sind mit Sütterlin-Sinnsprüchen versehen, zum Beispiel: „Hast du Kummer, Liebesschmerz, nimm den Laternenpfahl ans Herz.“ Weiß jemand mehr über Hilla? Bitte schreiben Sie mir!
HOBBYARBEITEN, ALLGEMEINER UNTERSCHIED: Die weitaus bekanntesten Laubsägefiguren sind immer noch die Hobbyarbeiten, die im letzten Jahrhundert zu Hause gebastelt wurden. Erstaunlicherweise kennen jedoch selbst die meisten älteren Leute in den 2020er Jahren in Deutschland die kunstgewerblichen Figuren zum Beispiel von Heller oder Mertens überhaupt nicht. Das liegt daran, dass die meisten Eltern im letzten Jahrhundert ihren Kindern keine teuren Geschenke in Kunstgewerbe-Geschäften kauften, denn es war ja oft gerade die Zeit vor, in oder nach einem Weltkrieg. Man muss also grundsätzlich zwei Arten von Laubsägefiguren unterscheiden: die selbstgebastelten Hobbyarbeiten und die Manufakturen-Arbeiten, die ich Märchen-Holzbilder nenne.
HOBBYARBEITEN, KALENDERHALTER: Flachfiguren als Kalenderhalter waren im letzten Jahrhundert sehr beliebt, besonders um die Jahrhundertmitte herum. Oft waren die Motive Kinder, aber es gab auch Figuren mit Erwachsenen, zum Beispiel den zeitungslesenden Schornsteinfeger von Graupner/Graubele als Laubsägearbeit. Diese Kalenderhalter waren immer ein schönes Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten: Die kleine Schwester bekam sie, Papa bekam sie und Oma bekam sie. Man brauchte nur noch einen aktuellen kleinen dicken Kalenderblock dazu: Auf den Vorlage-Brettchen waren für die Anbringung extra kleine Aussparungen eingezeichnet.
HOBBYARBEITEN, OFT KAUM UNTERSCHEIDBAR: Teilweise kann man kaum sagen, ob eine Figur eine Hobbyarbeit ist oder eine Manufakturen-Arbeit. Wenn ich die Vorlage kenne (und ich kenne Hunderte von Vorlagen von Graupner, Pebaro, Vobach, Signo und anderen), dann ist die Zuordnung kein Problem. Manchmal aber bin ich unsicher, zumal es um die Jahrhundertmitte herum Hunderte von Manufakturen gab, die nicht alle hochwertige Figuren herstellten. Und um es noch komplizierter zu machen: Es gab auch einige Manufakturen, die sich auf Kopien von anderen Manufakturen oder auf Motive von Vorlagen-Herstellern spezialisiert hatten.
HOBBYARBEITEN, MANUFAKTUREN-KOPIEN: Die Märchen-Holzbilder der großen Kunstgewerbe-Manufakturen des letzten Jahrhunderts wurden häufig kopiert. Meist sieht man es einer Kopie sofort an, dass es nicht das Original ist. Ich kenne allerdings eine Kopie der sehr seltenen Hellerkunst-Laternen-Kinder, bei denen man zunächst denkt, es sei das Original. Manchmal habe ich von einem seltenen Hellerkunst-Motiv zuerst eine Kopie kennengelernt und später erst das Original. Dann habe ich mich immer gefreut, wenn meine Vermutung richtig gewesen war und die Kopie tatsächlich von einem mir vorher unbekannten Original stammte: Das war bei den allerersten Sieben Raben von Hellerkunst der Fall gewesen!
HOBBYARBEITEN, NOTFIGUREN: In den 1940er Jahren wurden in Deutschland mehr selbstgebastelte Laubsägearbeiten für den Verkauf (oft auf dem Schwarzmarkt) hergestellt als zum Verschenken für Familie und Freunde. Vor allem Frauen mussten sich und ihre Kinder damals durchbringen. Ich kenne Sammlungen, denen zum Beispiel nicht nur das gleiche Rotkäppchen dreimal beilag, sondern auch die Vorlagen: Ein Faltblatt von Ilse Schneider aus der Eifel oder Pauspapier mit Motiven der großen Hersteller. „Nachahmungen werden verfolgt“ stand damals oft auf den „echten“ Mertens-Rückseiten. Und woran erkennt man die „Spaßarbeiten“ aus den 1940er Jahren? Vielleicht an einer Rückseitenwidmung (wobei die natürlich auch vom Käufer der Figur stammen könnte), aber vor allem an Folgendem: Wenn es Figuren waren, die aus den fertig vorgedruckten Graupner-„Brettchen“ ausgesägt worden waren, dann hat jemand vermutlich genug Geld für den Kauf dieser teuren Holz-Vorlagen gehabt.
HOBBYARBEITEN, QUALITÄTS-UNTERSCHIEDE: Manchmal findet man alte Laubsägefiguren aus dem letzten Jahrhundert, die einfach großartig ausgeführt worden sind. Deren Hersteller hätten im letzten Jahrhundert sicher kein Problem gehabt, bei einer der großen Märchen-Holzbild-Manufakturen eine Anstellung zu finden. Vielen Hobbyarbeiten sieht man die Hobbyarbeit deutlich an, aber auch das hat seinen Charme. Oder es ist sehr anrührend – wie zum Beispiel bei einer Figur mit der Widmung „Für Mama zum Geburtstag 1948.“
HOBBYARBEITEN, RÜHRENDE ERGEBNISSE: Man darf den Charme einer vielleicht etwas ungeschickten Hobbyarbeit eines Kindes nicht unterschätzen. Allein ein handschriftliches „20. Februar 1966“ auf der Rückseite einer Laubsägearbeit ruft bei vielen Erinnerungen wach. Dieses Datum steht auf einer alten Graupner-Zwergenfigur und ist tatsächlich der Geburtstag meines kleinen Bruders. Und ich kenne eine besonders niedliche Gänsemagd, die wohl ein Siebzigerjahre-Mädchen in ihren damaligen Lieblingsfarben in zartrosa und hellgrün angemalt hat, noch dazu mit Buntstiften!
HOBBYARBEITEN, VON ELTERN GERN GESEHEN: Viele Eltern haben damals das Laubsäge-Hobby ihrer Kinder unterstützt. Die Kinder (oft, aber nicht immer Jungen) schulten ihr handwerkliches und künstlerisches Geschick und schufen etwas Nützliches, oft ein Geschenk für Mama, Opa oder die kleine Schwester. Eine kluge Werbung hat dies in den 1930er Jahren auf einem Laubsäge-Werkzeug-Set mit 4 Wörtern unübertrefflich formuliert: „Kleiner Bastler – großer Meister.“
HOLSTEN-KUNST/WeRaWe: Von Holsten-Kunst stammen wundervolle Märchen-Holzbilder, alle sind handbemalt und stammen wohl aus den 1930er-Jahren: Das Schneidersitz-Aschenputtel im rotem Rock (Nr.1), die weinende Froschkönig-Prinzessin mit Brunnen (Nr.3), der elegante Rattenfänger mit Halskrause (Nr.116) und der blaue Zwerg mit großen bunten Punkten, Fliegenpilzen in den Taschen und dem gelben Vogel auf dem Kopf (Nr.19). Weiß jemand mehr über die schöne Holsten-Kunst? Und wofür steht das „WeRaWe“? Bitte schreiben Sie mir!
HOLZSORTEN: Für die Herstellung von Märchen-Holzbildern im 20. Jahrhundert wurde fast nur Sperrholz verwendet, damit sich das Holz im Laufe der Zeit so wenig wie möglich verziehen konnte. Dabei gab es viele verschiedene Arten von sogenanntem „Laubsägeholz“, das von verschiedenen Baumarten stammte. Ich kenne eine alte Werbe-Postkarte aus den dreißiger Jahren, auf der Folgendes steht: „Bernh. Runze Nachfolger, Landsberg (Warthe), Laubsägeholz-Offerte 1932/33, Laubsägeholz, von beiden Seiten 1a sauber gehobelt und geschliffen.“ Die angebotenen Holzsorten in verschiedener Dicke waren Pappel, Ahorn, Erle und Eiche.
HOSENMALER: Der berühmteste „Hosenmaler“ aller Zeiten war Daniele da Volterra, der die allzu freizügigen Darstellungen in der Sixtinischen Kapelle übermalen musste, nachdem Michelangelo sich geweigert hatte. Auch viele der großen Märchen-Holzbild-Manufakturen des letzten Jahrhunderts wurden zu Hosenmalern, jedenfalls, was die Zwerge anging: Die frühen Art Deco Gnome hatten meistens nackte Beine, aber ab den 50er- und 60er-Jahren bekamen sie plötzlich Hosen. Hier waren es wohl andere Gründe, und ich vermute Folgende: Die Figuren wurden durch die breiteren Hosenbeine stabiler, denn die frühen schmalen nackten Beine waren recht bruchanfällig gewesen. Zudem sind Hosen einfacher zu zeichnen als knubbelige Knie. Und das Aussehen der Figuren sollte wohl auch einen moderneren Touch bekommen.
HOSENMATZ: Von Hosenmatz stammt zum Beispiel die markante rote Raben-Elfe auf dem Ast. Diese Märchen-Holzbilder wirken sehr alt und sind vermutlich aus den 1930er Jahren. Auf den meisten Rückseiten steht: „Original Handarbeit, Hosenmatz, gesch.“ (geschützt). Dieser Kunstgewerbehersteller hatte nicht nur den originellen Namen Hosenmatz, sondern auch sehr originelle Motive, oft mit einem leicht dunklen Rot. Bisher kenne ich keine Brüder-Grimm-Figuren von Hosenmatz; es sind vor allem Kinder und Erwachsene. Beispiele: Die erschrockene rasante Skifahrerin, das Mädchen im gelben Tulpenrock mit kleinen Blümchen, der kleine Enzian-Engel mit den weit ausgestellten Hosen, ein Tanzpaar in Tracht, das tänzelnde Mädchen mit Riesen-Blumenstrauß und der „Partyzwerg“ mit der Glocke. Weiß jemand mehr über diesen schönen alten Hersteller? Bitte schreiben Sie mir!
HUNDEMOTIV-SERIE: Ich kenne bisher drei verschiedene Wandfiguren, die alle niedliche und kunstfertige Hundemotive zeigen und vermutlich vom gleichen Hersteller stammen, wohl um die letzte Jahrhundertmitte herum. Leider gibt es auf den Rückseiten keinerlei Hinweise. Es sind folgende Motive: Ein reizender kleiner Terrier mit einem Schuh im Maul auf rotem Sockel, ein schwarz-weißes Pudelpaar mit roter Schleife und Kekskorb auf grauem Sockel und ein zweites schwarz-weißes Pudelpaar mit roten Halsbändern auf rotem Sockel. Es könnte durchaus sein, dass der Hersteller nicht aus Deutschland stammt. Weiß jemand mehr darüber? Bitte schreiben Sie mir!
HUSCH-HUSCH-FIGUREN: Dieser Hersteller (vermutlich 1930er Jahre) hatte tatsächlich den seltsamen Namen „Husch-Husch-Figuren“. Der Name könnte von einem alten Kinderlied stammen: „Ringel, Ringel, Reihe, sind der Kinder dreie, sitzen unterm Hollerbusch, machen alle husch, husch, husch.“ Mit dem „Hollerbusch“ ist der Holunderbusch gemeint, der wiederum mit alten Zwergenmythen zusammenhängt. Und das passt vorzüglich zu der einzigen Husch-Husch-Figur, die ich bisher kenne: ein Zwerg mit einer Schüssel und einer großen Schöpfkelle. Auf der Rückseite klebt ein verzierter Aufkleber mit dem folgendem Text: „Husch-Husch-Figuren sind kunstgewerbliche Handarbeit, handgesägt, handgemalt.“ Mir gefällt besonders, dass der Schöpflöffel-Gnom sehr ungewöhnlich ist; ich kenne ihn bisher von keiner anderen alten Manufaktur.
ILONA VAIS, FRANKREICH: Die Märchen-Holzbilder aus dem 20. Jahrhundert wurden zu 99 % in Deutschland produziert, aber es gab auch Hersteller aus anderen Ländern, vor allem aus den Niederlanden. Aus Frankreich kenne ich bisher nur das Atelier von Ilona Vais, und das auch nur, weil sie glücklicherweise einen ausführlichen Rückseiten-Stempel verwendet hat: „Original Ilona Vais, Reproduction Interdit“ (Kopieren verboten). Wegen der französischen Sprache käme auch Belgien als Ursprungsland in Frage, allerdings ist Französisch dort nur eine von mehreren Landessprachen. Ich kenne bisher nur sieben Märchen-Holzbilder von Ilona Vais, zum Beispiel einen niedlichen Gestiefelten Kater, eine Kutsche, ein Schloss, Bäume, Blumen und Fliegenpilze. Vermutlich gehörten sie einmal zu einem Diorama. Es sind wunderschöne Holzbilder, sehr hochwertig, sehr filigran und noch komplett handbemalt. Weiß jemand mehr über die alten Wandfiguren von Ilona Vais? Bitte schreiben Sie mir!
IN DIE USA UND ZURÜCK: Besonders kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fanden viele Märchen-Holzbilder den Weg von Deutschland in die USA. Vor allem die alliierten Soldaten aus den Vereinigten Staaten kauften sie gerne als Mitbringsel für die Heimreise oder sie schickten sie nach Hause, für ihre Kinder, Nichten und Neffen. Es waren eben sehr ungewöhnliche, typisch deutsche und oft besonders schöne Mitbringsel. Auch nach der Besatzungszeit wurden viele Wandfiguren in die USA geschickt, viele der großen Manufakturen bekamen Bestellungen aus „Übersee“. Von einigen Figuren weiß ich ganz genau, dass sie in der USA gewesen waren, weil ich sie selbst von dort erworben habe und sie nun wieder in Deutschland sind – vielleicht auch nur vorläufig?
INGEBORG ADAM, LÜNEBURG: Den Stempel „Ingeborg Adam, Kunstgewerbe Lüneburg“ (oft mit dem Zusatzstempel „Handarbeit“) tragen die kleinen Sorgenfalten-Zwerge und wohl auch das grüne Mantelkleid-Schneewittchen mit dem filigranen Blumenbouquet (ich kenne nur ein Vorderseiten-Foto), wohl alle aus den 1940er Jahren. Die Gesichter bestehen aus vielen kleinen gestrichelten Linien – sogar die Augenlider sind so gezeichnet. Die Zwerge haben folgende Attribute: Kirschen, Erdbeere, Geige plus Musiknoten im Sockel, Buch, Stock und Fliegenpilz plus Notenblatt. Es gibt ähnliche Figuren mit dem schwer leserlichen Stempel „Noah-Kunst“ (ev. auch Noa-Kunst), zum Beispiel ein Sterntaler mit Silbersternen. Ob „Ingeborg Adam“ vielleicht tatsächlich nur ein Kunstgewerbe-Geschäft und nicht der eigentliche Hersteller war? Dann könnten diese Figuren vielleicht doch zur Noah-Kunst gehören. Weiß jemand mehr darüber? Bitte schreiben Sie mir!
INGEBORG BÜLOW: Von Ingeborg Bülow kenne ich bisher nur eine Kinder-Wandfigur, ein ungewöhnliches kleines Zwergenkreis-Schneewittchen, das in Handarbeit auf eine Art „Masse“ gemalt wurde, die vermutlich einen Holz(mehl)anteil hatte. Es könnte auch eine dicke feste Presspappe sein, was oft schwer zu unterscheiden ist; die Rückseite ist geriffelt. Das stehende Schneewittchen hat die Arme ausgebreitet und neben und vor ihr stehen, sitzen oder knien alle sieben Zwerge mit kurzen Kleidchen mit aufgesetzter oder herabhängender Kapuze: Zwei von ihnen zeigen jeweils eine Halbglatze. Auf der Rückseite klebt ein kleiner Papierzettel: „Ingeborg Bülow, Handarbeit.“ Die Herstellerin gehörte vielleicht zu den kleinen „Küchentisch-Manufakturen“, die im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, als die Not groß war und viele nach einer bescheidenen Einnahmequelle suchten.
INGEBORG IMMEL: Von Ingeborg Immel kenne ich bisher nur einen wunderschönen Kerzenengel mit Korkenzieherlocken und mit Tannengrün, das die große weiße Kerze unten umgibt; vermutlich aus den 1940er Jahren. Besonders die Kinderlocken und die Zweige sind sehr filigran gezeichnet, aber auch das rote Kleid mit den kleinen weißen Punkten zeigt genau den Faltenwurf, und das hübsche Gesicht ist ebenfalls besonders kunstfertig gezeichnet. Auf der Rückseite stehen mit Bleistift die Wörter „Original von Ingeborg Immel“, so dass die Wandfigur (und vermutlich noch weitere Figuren) wohl für den Verkauf hergestellt wurde.
INGEBORG JACOBSEN: Von Ingeborg Jacobsen kenne ich bisher nur ein Märchen-Holzbild, das vermutlich aus den 1930er-Jahren stammt und sehr verblichen ist: Ein schmales Art Deco Sterntaler mit einer kurzen Pagenkopf-Frisur. Die Figur hat einen ungewöhnlich breiten Dreiecks-Sockel mit fünf langgezogenen goldenen Sternen. Der Rückseiten-Stempel „Ingeborg Jacobsen, Kunstgewerblerin“ könnte entweder auf ein Verkaufsgeschäft von unterschiedlichen Kunstgewerbe-Produkten hinweisen oder eben auf die Herstellerin der Figur. Das Wort „Kunstgewerblerin“ ist allerdings einzigartig auf den Rückseiten der alten Märchen-Holzbilder und klingt sehr individuell, sozusagen nach einer eigenen Werkstatt. Weiß jemand mehr über die Künstlerin Ingeborg Jacobsen? Bitte schreiben Sie mir!
IRMIE: Die Märchen-Holzbilder von Irmie sind etwas ganz Besonderes, denn sie haben leicht geschnitzte Elemente, weil die zusätzlich gezeichneten Linien noch leicht eingekerbt wurden. Auch die Farben sind besonders leuchtend, und auf den Rückseiten sehen alle Wörter so aus, als seien sie eingebrannt. Das Wort „Irmie“ steht teilweise auf den Rückseiten, aber manchmal auch die Namen der Motive. Es gibt beispielsweise ein sehr großes „Hexenhäuschen“ mit Hänsel, Gretel und einer lockenden Hexe als Einzelfiguren dazu, viele kleine sehr filigran gezeichnete Schneewittchen-Zwerge (beispielsweise mit Gitarre und mit Liederblatt) und ein reizendes Brüderchen und Schwesterchen mit schwarzen Haaren und einer Tiara. Die Figuren stammen vermutlich aus den 1950er oder 1960er Jahren.
IRMSCHER FIGUREN: Von diesem Hersteller aus der ehemaligen DDR kenne ich etwa ein Dutzend Motive; die meisten sind klassische Märchenfiguren. Auf der Rückseite findet man oft folgenden Stempel: „Irmscher Figuren, Karl-Marx-Stadt“. Karl-Marx-Stadt heißt heute wieder Chemnitz. Die Irmscher Figuren sind etwas kleiner und aus etwas dickerem Holz als üblich. Die Farben haben oft einen leichten Gelbstich, es wurden dicke, satte Farben verwendet, und ein ebenso dicker und satter Firnis (Schutzschicht). Schöne und originelle Arbeiten von Irmscher Figuren, die ich von keiner anderen Manufaktur kenne: ein Schneewittchen mit Suppenterrine, ein gähnendes Dornröschen mit den vielen reizenden Details und eine grüne Froschkönig-Prinzessin mit einem großen doppelten Rüschenkragen.
J. HESSBERG, WERNIGERODE: Ich kenne bisher drei wunderschöne handbemalte Märchen-Holzbilder von diesem Hersteller aus Sachsen-Anhalt, der aus den 1930er Jahren zu sein scheint. Es sind ein Hänsel und Gretel, ein Tischlein deck Dich und ein niedliches Küken-Mädchen. Die Zeichnungen auf dem Holz sind sehr detailliert und hochwertig, besonders der gedeckte Tisch beim „Tischlein deck Dich“ mit Besteck und Obst und einer Weinflasche samt Aufkleber. Der Stempel lautet: „J. Heßberg, Wernigerode, Langer Stieg 34“. Man könnte meinen, dass es auch ein einfacher Besitzer-Stempel sein könnte, aber auf allen Holzbildern ist noch ein weiterer Stempel mit dem Wort Handarbeit zu finden, in den gleichen altdeutschen Buchstaben. Weiß jemand mehr über diesen Hersteller?
JAHRESZEITEN-SERIEN: Viele Manufakturen haben im letzten Jahrhundert Märchen-Holzbilder zu den vier Jahreszeiten hergestellt. Es waren meist Mädchen und Jungen, die die Kinderkleidung zeigten, die damals gerade in Mode war. Die alten Mädchenkleider der Dreißigerjahre zum Beispiel hatten andere Farben und Schnitte als die Kleider der Siebziger! Von Heller gab es auch eine Jahreszeiten-Reihe mit Zwergen. Dazu gehören folgende Figuren, die alle laufend dargestellt werden: Frühlings-Zwerg mit Tulpe, Sommer-Zwerg mit Rechen, Herbst-Zwerg mit Apfelkiepe und Winter-Zwerg als Sternträger.
K. KUNSTGEWERBE: Von diesem Hersteller kenne ich bisher nur eine einzige kleine Figur, eine ungewöhnliche und übergriffige kleine Sonnenbrillenhexe, vermutlich aus den 1930er-Jahren. Hänsel oder Gretel (man kann es nicht genau sehen, weil die Hexenhand hinter den Köpfen der Kinder ist) werden im Gesicht berührt. Die Figur ist gut gezeichnet und hat hinten eine Art Extra-Aufbau – vermutlich für die Aufhängung gedacht. Auf der Rückseite findet sich auch ein runder Stempel: ein großes „K“ mit einem dicken Punkt dahinter. Kreisförmig umrahmt wird dieses „K.“ von dem Wort „Kunstgewerbe“. Wenn ein Kunsthandwerksbetrieb extra einen aufwändigen Stempel entwerfen lässt, darf man vermuten, dass er noch viele weitere Wandfiguren hergestellt hat. Ich bin gespannt, welche antiken Motive von „K. Kunstgewerbe“ ich vielleicht bis 2050 noch kennenlernen werde: In dem Jahr würde ich 87 Jahre alt werden.
KARL WUND, METZINGEN: Es gibt großartige Laubsäge-Miniaturen mit Bayernkindern, die vermutlich in den 1930er-Jahren entstanden sind. Dazu gehört ein kleines Mädchen mit abstehenden Zöpfen und einem kleinen schwarzen Hut, das einen Brief liest, der mit den Worten „Liebste Leni“ beginnt – die filigrane Figur ist gerade einmal 9 cm hoch. Auf der Rückseite steht folgender Stempel: „Karl Wund, Metzingen/Württemberg, Oeschweg 1.“ Es könnte ein einfacher Besitzerstempel sein und nicht der Name des Herstellers, aber bis ich den genau weiß, ist „Karl Wund“ mein Arbeitstitel für diese Figuren, die in hervorragender Manufakturen-Qualität ausgeführt sind. Auf der Rückseite ist ein runder Lederkreis mit einem Loch zur Aufhängung angebracht, was ebenfalls sehr professionell wirkt. Weitere Kinder-Miniaturen von „Karl Wund“ sind ein niedlicher Lederhosen-Junge mit einem Maß Bier und eine Figur mit gleich zwei Kindern zusammen: kleine Wanderer mit Regenschirm.
KERZENHALTER: Viele Hersteller von Märchen-Holzbildern haben im letzten Jahrhundert auch Kerzenhalter hergestellt. Es gab sie zum Aufstellen oder auch als Wanddekoration. Die Kunstgewerbe-Manufaktur Heller beispielsweise stellte beides her. Ein reizender Kerzenständer ist ein kleiner Engel mit einem roten Tuch in der Hand: Er poliert einen goldenen Stern. Von Mertens kenne ich eine Sammlung von kleinen Nacktknie-Zwergen mit Kerzenhaltern sowie einen Geburtstagsring mit kleinen Zwergen. In der ehemaligen DDR wurden damals Hunderte verschiedener Miniatur-Kerzenhalter hergestellt, besonders im Erzgebirge. Das waren oft Weihnachtsmotive mit Kindern oder Engeln mit Glitzerschnee.
KERZENLICHT: Ich liebe Märchen-Holzbilder, auf denen Kerzen zu sehen sind. Besonders schön sind Kerzenfiguren mit einer Aura, wenn auch der Schein der Kerze sichtbar ist oder ein kerzenähnliches Leuchten. Es gibt verschiedene Methoden, dieses Leuchten zu zeichnen: Bei Magda Heller war es manchmal ein geheimnisvolles grünes Licht, ein Feenlicht wie bei der Laterne/Wunderlampe von Aladdin.
KINDCHENSCHEMA: Das „Kindchenschema“ ist ein wissenschaftlicher Begriff. Große Köpfe und große Augen werden intuitiv als besonders niedlich und schützenswert empfunden. Der Begriff wurde im letzten Jahrhundert vom Nobelpreisträger Konrad Lorenz (Zoologe) geprägt. Vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren waren diese besonders niedlichen Motive sehr beliebt. Viele Hersteller von Märchen-Holzbildern wandten das Kindchenschema an. Beispiel: Das 1930er-Mertens-Schneewittchen mit dem knielangen Zopf und dem Babybauch hat einen sehr kleinen Kopf, während das 1960er-Ballkleid-Schneewittchen von Mertens einen dreimal so großen Kopf hat.
KINDER, MIT SPIELZEUG: Die alten Märchen-Holzbilder wurden manchmal mit typischem Spielzeug dargestellt. Außer den beliebten Puppen gab es zum Beispiel von Mertens folgende Motive: 1950er-Junge mit Lokomotive, 1970er-Jeans-Junge mit Zug, 1970er-Junge mit Indianerzelt, 1930er-Schaukelpferd-Junge mit Matrosenkragen, 1970er-Schaukelpferd-Junge im Streifen-Pulli und 1970er-Wasserball-Mädchen mit Strandschaufel. Weiteres Spielzeug waren zum Beispiel Steckenpferd, Teddy, Flugdrachen und Cowboy-Kostüm.
KINDERHAPTIK: Das Wort Laubsägearbeit kommt tatsächlich von den ersten Formen dieser Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert – es waren oft Blätter mit zackigen Rändern, auch innen filigran ausgesägt. Das war nichts für Kinderhände. Die frühen Märchen-Holzbilder waren ebenfalls häufig noch filigran, aber später wurden die Figuren griffiger: mit abgerundeten Seiten und ohne Innen-Ausschnitte. Am schönsten liegen wohl die späten Ravi-Kunst-Figuren in der Hand, zumal die Oberfläche so schön glatt ist – das lag an der Handbemalung mit der dicken Lackschicht!
KINDERWELT BODENSEE: Dieser historische Hersteller von Märchen-Holzbildern hat um die letzte Jahrhundertmitte herum produziert. Der sehr ausführliche Rückseiten-Stempel lautet: „Spielzeug- und Kunstgegenständefabrik Kinderwelt, Dipl.-Ing. Gabriel Kysilo, Ing. Ökon. Eugen Godilo-Godlewsky, Lindau-Bodensee, Hauptstraße Nr. 20.“ Ich kenne bisher nur zwei Wandfiguren dieser alten Manufaktur. Eines ist ein kleiner, sehr weit ausschreitender Junge in Siebenmeilenstiefeln auf einem dreifarbigen Sockel in Schwarz, Grün und Gelb. Die zweite Figur ist ein Hans im Glück.
KLARA LUISE STURM, NAUMBURG: Von Klara Luise Sturm stammt das schöne Tapfere Schneiderlein mit dem Einhorn – im Waldorf-Stil und wohl aus den 1930er-Jahren. Auf dem Rückseiten-Stempel steht: „Original-Holzbild, Klara Luise Sturm, Naumburg.“ Der Stil von Klara Luise Sturm ähnelt, obwohl es eine Flachfigur ist, den frühen Ostheimer-Figuren. Ich fragte deshalb bei Ostheimer nach und bekam freundlicherweise folgende E-Mail-Antwort von Ostheimer: „Hallo Frau Dietz, nach Rücksprache mit meiner Chefin Frau Engstrom, Nichte von Margarete Ostheimer, kann ich Ihnen mitteilen, dass Frau Klara Sturm auch im Rahmen der Waldorf-Pädagogik Holzspielzeug hergestellt hat, allerdings völlig unabhängig von uns. Zu dieser Zeit gab es wohl ca. 60 Produzenten in diesem Bereich.“ Ein weiteres Motiv von Klara Luise Sturm ist ein kleiner Wichtel, der auf einem Hasen reitet und Frühlingsblumen in der Hand hält. Weiß jemand mehr über die schönen alten Wandfiguren von Klara Luise Sturm? Bitte schreiben Sie mir!
KLEINE MANUFAKTUREN: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele verschiedene Hersteller von Märchen-Holzbildern es im letzten Jahrhundert gegeben hat. Es waren sicherlich viele Hundert verschiedene. Einige hatten einen Namen auf der Rückseite, einige nicht. Zu den kleinen Manufakturen gehörten zum Beispiel Hosenmatz, Oltmanns, Heye, Handi, Pfeil, Rügen-Märchen-Kunst, Pavillon, Klara Luise Sturm, Gerheina und Silva.
KLEUR & PROFIEL, HOLLAND: Von Kleur & Profiel (manchmal auch Kleur en Profiel) stammt das Flüchtlingsboot mit Zwerg und Mädchen; aus den 1930er- oder 1940er-Jahren. Die frühen Figuren erinnern an den Stil von Magda Heller. Vielleicht stammten die Entwürfe bereits von Jan Snelten (1909–1976); sein Name steht auf allen späteren Stempeln: „Ontwerp (Entwurf) J. Snelten, Copyright Kleur en Profiel, Tiel Holland, Made in Holland.“ Ein Atelier soll in der „Stationsstraat“ gewesen sein, gegenüber einer Milchfabrik. Die Haptik ist wunderschön: hochwertiges Holz, satte bunte Farben und ein dicker Firnis. Motive: kleiner Ballonverkäufer, Wiegen-Engel, ausgelassen tobendes Schneewittchen, Hollandkinder, Zwerge auf grünem Sockel, Nils Holgersson und viele Kinder-Garderoben und Lampen. Weiß jemand mehr über diesen Hersteller, vielleicht auch über den Zusammenhang mit den Griah-Kunst-Figuren, auf denen auch „Kleur en Profiel“ steht? Bitte schreiben Sie mir!
KOFFERKINDER: Es gibt einige wenige Märchen-Holzbilder mit ernsten Gesichtern aus dem letzten Jahrhundert, die in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren entstanden. Da ging es um Flüchtlingskinder im Zusammenhang mit der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg. Die einen flohen vor den Nazis (häufig in kluger Weitsicht schon vor Ausbruch des Krieges), andere wurden vielleicht während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ aufs Land geschickt (wegen der Luftangriffe auf die großen deutschen Städte) oder in den Tod. Von Mertens gab es das elegant gekleidete Koffermädchen mit rotem Kleid, das einen Koffer mit einem altmodischen Gürtelband in der Hand hält. Von Kleur & Profiel aus den Niederlanden gab es das Segelboot mit dem ernsten kleinen Mädchen und dem Zwerg, mit dem Koffer mit den bunten Hotelaufklebern dazwischen. Diese Holzbilder sind selten, und sie sind traurig.
KOLONIALWAREN-SAMMLUNG: Ich kenne eine kleine Sammlung von sehr frühen, noch komplett handbemalten Weha-Märchen-Holzbildern und einigen anderen Wandfiguren, die aus einem damaligen Kolonialwarenladen stammt. Jemand erinnerte sich und hat mir freundlicherweise darüber geschrieben: „Das Geschäft war in der Hauptstraße von Sundhausen bei Gotha (Thüringen). Dort wurde alles verkauft, von Kaffee bis Tabak bis Stoffe – alles, was man so für den Alltag brauchte. Und auch Holzspielzeug.“ Was für mich immer noch rätselhaft ist: Die Sammlung soll aus den 1930er-Jahren stammen, aber laut der ehemaligen Weha-Website begann die Produktion der Märchen-Holzbilder erst 1946. Meine Vermutung: Fritz Haupt, der Gründer von Weha-Kunst, hatte vorher schon einige dieser Figuren hergestellt, aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann schließlich die Produktion im großen Rahmen.
KRICK: Die Hersteller „Krick“ hat sehr originelle Laubsäge-Vorlagen aus Papier produziert, oft anthropomorphe Tiere. „Krick“ wurde eigentlich von Klaus Krick gegründet, dann aber 1958 in der ehemaligen DDR verstaatlicht. Klaus Krick gelang die Flucht in den Westen, aber die DDR hat den Namen Krick offenbar weiterverwendet, selbst als die Firma in den „VEB Moba“ eingeflossen war. So entstanden etwa Mitte der 1960er-Jahre unter anderem die berühmten drei weisen Affen in Kinderkleidung und ein Pfadfindermädchen als Igel mit einer Ziehharmonika. Klaus Krick selbst baute seine Firma in Knittlingen (Baden-Württemberg) ganz neu auf, die inzwischen auf Modellbau spezialisiert ist und von seinem Sohn Matthias Krick geführt wird. (Stand 2025) Ein Traditionsunternehmen, zumal auch der Vater von Klaus Krick, Ferdinand Krick, vor langer Zeit in Leipzig seine eigene Firma gehabt hatte, den Verlag „FKV“, der unter anderem Brettspiele herstellte.
KRIEGSWARE: Viele Hersteller haben im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) weiter produziert, aber oft gab es Materialmangel. Hochwertiger Firnis, Farben und Qualitätsholz fehlten. Material, Logistik, Personal – alles floss in die Rüstung, wenn man nicht gerade gute Beziehungen hatte, wie zum Beispiel Ravi. Ilse Schneider (Eifel) zeichnete im Zweiten Weltkrieg viele Motive vorübergehend auf dickes rechteckiges Holz, es waren also keine Figuren mehr. Die Kriegsfiguren von Alfred Mertens waren klein, blass und traurig – wie die Kriegskinder. Eine Manufaktur aus den Niederlanden hat in den 1940er-Jahren in besonders hohen Auflagen produziert: Deren bekannteste Wandfigur ist der kleine Däumling mit seinen Siebenmeilenstiefeln und Pudelmütze. Vom gleichen Hersteller stammen auch noch folgende Hollandzwerge: der Finstere mit erhobener Laterne, der Verzweifelte auf einem Fliegenpilz und der Grinsende mit dem Fliegenpilz im Arm. Viele dieser Figuren wurden damals von den deutschen Soldaten gekauft, in der Besetzungszeit.
KUNSTGEWERBLICHE HANDARBEIT: Auf der Rückseite dieser historischen und meist eher kleinen Märchen-Holzbilder steht fast immer „Kunstgewerbliche Handarbeit“ und eine Motivnummer, die mit „No“ abgekürzt ist. Deshalb nenne ich sie auch die „Unbekannte No-Serie“. Produziert wurde wohl in den 1930er- und 1940er-Jahren, wobei während des Zweiten Weltkriegs offenbar auf das Material Pappe umgestiegen wurde – vermutlich war das Holz in der Kriegszeit knapp geworden. Das ging damals vielen Herstellern so. Diese Manufaktur hat auch sehr viele kleine Tischkartenhalter im gleichen Stil hergestellt. Weiß jemand den richtigen Namen des Herstellers? Bitte schreiben Sie mir!
KUNSTHANDWERKLICHE ERZEUGNISSE: Exakt diese Bezeichnung habe ich dem Kurator und Konservator Karsten Jahnke zu verdanken, den ich 2017 (im Rahmen meiner Erzgebirge-Rundreise) in Dresden im „Museum für Sächsische Volkskunst im Jägerhof“ besuchen durfte. Mich hatte die Frage bewegt, ob Märchen-Holzbilder denn grundsätzlich auch zur Volkskunst gehören. Herr Jahnke hat mir freundlicherweise schon im Vorfeld eine E-Mail dazu geschrieben: „Ihre Frage, ob denn Märchen-Wandbilder auch zur Volkskunst zählen, ist eine nicht mit Ja oder Nein zu beantwortende Frage. Im Grunde genommen sind solche Bilder schlicht kunsthandwerkliche Erzeugnisse. Dass sie noch heute oft als Volkskunst tituliert werden, liegt (auch) an Oskar Seyffert, der diesen Begriff der Volkskunst vor allem hier in Sachsen so ungemein populär gemacht hat. Seyffert ‚adelte‘ die damals arg gebeutelte Spielwarenindustrie des Erzgebirges zur Volkskunst und verhalf diesem Wirtschaftszweig zu neuem Schwung.
KUNSTTRUHE: Die meisten „Kunsttruhe“-Figuren haben keinen Stempel. Man erkennt sie aber an dem typischen Augenweiß und den eher einfachen Motiven; außerdem sind sie oft unzureichend fixiert, so dass die Farben leicht verwischen und die Augen häufig kaum noch erkennbar sind. Ein Holz-Häwelmann trägt den Firmenstempel: eine gezeichnete Truhe und das Wort „Kunsttruhe“; darüber steht ein weiteres, unleserliches Wort. Ein blondes Pappe-Aschenputtel mit langem Zopf hat zusätzlich noch folgenden Stempel: „ … statt Holz wird vorübergehend Pappe verwendet.“ Die Pappe-Figuren stammt vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg, als Materialmangel herrschte. Auf den frühen Figuren (wohl 1930er-Jahre) steht manchmal der Stempel „Handarbeit“, in alter deutscher Schrift. Markante Figuren von „Kunsttruhe“ sind zum Beispiel der Kerzenzwerg, das Sterntaler mit der roten Kappe, das vor einer Sternen-Tanne kniet, und ein ausschreitendes Hänschen Klein mit einem Stock quer unter dem Arm.
KURT SÜSS, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Der ehemalige Kunstgewerbehersteller Kurt Süß aus Meißen konnte etwa zwanzig Jahre lang unter seinem eigenen Namen produzieren, wohl von den 1940er- bis 1960er-Jahren. Vermutlich in den späten Sechzigerjahren wurde die Manufaktur in einen VEB (Volkseigener Betrieb) der DDR (1949–1990) umgewandelt. Kurt Süß hat vor allem Märchen-Holzbilder hergestellt – sowohl der frühen Phase wie auch in den VEB-Jahrzehnten. Darüber hinaus produzierte er kleine Kerzenhalter mit Mini-Engeln oder Kindern, ebenfalls in beiden Phasen. Eine der bekanntesten Figuren von Kurt Süß war der Kleine Muck, rasant und farbenfroh auf einer Wolke fliegend.
KURT SÜSS, MARKANTE MOTIVE: Zu den besonders ungewöhnlichen Märchen-Holzbildern von Kurt Süß gehört das „auferstehende“ Schneewittchen im Glas-Sarg aus den 1960er-Jahren, umrankt von rosaroten Rosen. Die schönsten Farben zeigt wohl das sich räkelnde, lächelnde Dornröschen im weiß-gelben Kleid – neben ihr kniet der Prinz im königsblauen Hemd. Auffällig sind auch die drei Igel-Figuren von Kurt Süß: zum einen die klassische Hase-und-Igel-Szene mit dem Schild „Ziel“, zum anderen ein häusliches Igelpaar (er mit langer Pfeife, sie mit Schürze) ähnlich den alten Mecki-und-Micki-Figuren.
KURT SÜSS, STEMPEL UND AUFKLEBER: Kurt Süß hat im letzten Jahrhundert viele Märchen-Holzbilder hergestellt. Auf einem 1950er-Holzbank-Aschenputtel steht auf der Rückseite: „Kurt Süß, Inh. Günther Süß, Holzverarbeitung, 825 Meißen, Großenhainer Str. 79.“ Im Meißner Adressbuch von 1950 gibt es allerdings folgenden Eintrag, der wohl eine frühere Straße nennt: „Kurt Süß, Kunstgewerbler, Niederauer Straße 34.“ Später wurde dieser Hersteller in einen VEB der DDR umgewandelt. Auf weißen Papieraufklebern stand fortan: „VEB Kunstgewerbliche Holzverarbeitung Meißen“ oder auch „VEB Holzkunst Dresden BT. III Meißen“. „BT. III Meißen“ bedeutete Betriebsteil III in Meißen.
KURT SÜSS, VOR DER ENTEIGNUNG: Für die historische Kunstgewerbe-Manufaktur von Kurt Süß gab es zwei Phasen, und zwar vor und nach der Enteignung im letzten Jahrhundert durch die DDR. Die frühen Figuren (etwa bis zum Ende der 1950er-Jahre) tragen noch den echten Namen des Eigentümers auf der Rückseite: Kurt Süß, manchmal auch „Kurt Süss“ geschrieben. Nach der Umwandlung in einen VEB tauchte der Name des ehemaligen Inhabers auf den Rückseiten nicht mehr auf. Ein interessanter Aspekt ist jedoch dies: Kurt Süß hat in seiner frühen Phase nicht jedes seiner Märchen-Holzbilder mit einem Stempel versehen. Da die DDR auch die Lagerware von Kurt Süß übernommen hat, könnte es sein, dass eine der alten Figuren später einen VEB-Stempel bekommen hat, obwohl das Holzbild aus der frühen Phase stammte.
LANGHAAR-MÄDCHEN: Besonders in den sehr frühen Jahrzehnten der vergangenen Märchen-Holzbild-Ära entstanden viele Wandfiguren mit langen Haaren. Von Mertens gab es in den 1930er-Jahren die wundervollen „Wasserfallhaare“, bei denen die Mädchen den berühmten Märchenbuch-Illustrationen von Brünhild Schlötter ähneln und sehr lange Haare oder Zöpfe haben. Ob Brünhild Schlötter vielleicht einmal für Alfred Mertens Entwürfe gezeichnet hat? Das würde mich sehr interessieren! Erst in den späteren Fünfzigern, mit dem Wirtschaftswunder und den Babyboomern, kamen schließlich auch die praktischen Kurzhaarfrisuren für Mädchen in Mode: Mertens entwarf zu dieser Zeit das wunderschöne Pusteblume-Mädchen mit kurzem Haar, in einem roten Kleidchen. Die Figur gehört zu meinen absoluten Lieblingen!
LATERNE, LATERNE: Es gibt nicht viele, aber doch ein paar Märchen-Holzbilder zum Thema Laternelaufen am Martinstag (11. November, Sankt Martin von Tours). Babyboomer verbinden mit dieser Erinnerung oft ein anheimelnd schönes Laternelaufen-Gefühl: Man war im Dunkeln draußen und vom warm-gelben Kerzenlicht der Papierlaternen umgeben. Alle waren in guter Stimmung, weil man etwas Schönes gemeinsam machte, und es ging langsam auf die Adventszeit zu. Ein wunderschönes Motiv ist der Laterne-Zwerg von Mertens um 1960 herum: Er trägt eine Laterne in Regenbogenfarben, und es gibt ihn in verschiedenen Varianten – einmal mit einer schwarzen Katze. Es gibt allerdings auch einen sehr frühen Mertens-Zwerg mit einer Papierlaterne und nackten Beinen, aus den 1930er-Jahren: Er heißt „Muck“.
LIEBLINGE: Es gibt viele Märchen-Holzbilder, die zu meinen Lieblingen gehören. Ich freue mich immer wieder, wenn ich ein neues Motiv entdecke oder sogar einen neuen Liebling. Mir sind bisher mehrere Tausend Motive bekannt, aber ich bin sicher, dass es noch viele Tausend andere gab, die ich noch nicht kenne. Meist ist eine Figur ein Liebling, weil es ein wunderschönes Motiv ist, aber manche sind auch einfach originell oder lustig, oder sie haben eine anrührende Widmung auf der Rückseite. Viele meiner Lieblinge sind noch komplett handbemalte Exemplare aus dem frühen 20. Jahrhundert, oft noch im Art Deco Stil gehalten.
LIHA-BILDER, HERFORD: Von „Liha-Bilder“ stammen unter anderem das Dornröschen mit der bösen Fee und dem Rosenbusch sowie das Rotkäppchen mit der kurzen weißen Schößchen-Schürze. „Liha-Bilder“ hat offiziell nur sieben Jahre lang existiert, von 1945 bis 1952. Die Gründerin war Lilli Hammen, die bei Gründung ihrer Manufaktur 25 Jahre alt war (Geburtsjahr 1920). Der Rückseiten-Stempel lautet: „Liha-Bilder, Lilli Hammen, Herford, kunstgewerbliche Werkstatt.“ Ein zusätzlicher Stempel mit dem Wort „Handarbeit“ zeigt einen tanzenden Zwerg, ähnlich wie bei Ravi. Die Liha-Designs sind sehr originell und mit vielen Details versehen; die Farben gehen oft leicht ins Gelbliche. Viele der Liha-Wandfiguren wirken allerdings älter, so als würden sie aus den 1930er-Jahren stammen. Weiß jemand mehr über die schönen alten Liha-Bilder? Bitte schreiben Sie mir!
LUNGERSHAUSEN: Ab und zu findet man alte Märchen-Holzbilder mit Motiven der Kinderbuch-Illustratorin Ilse Wende-Lungershausen (1900–1991). Es gibt gleich zwei Arten von Wandfiguren mit ihren Zeichnungen: 1. Die Märchen-Motive für Laubsägearbeiten, die sie speziell für Johannes Graupner als Laubsäge-Vorlagen entworfen hat. 2. Eine Reihe von Holzbildern, auf denen niedliche Kinder zu sehen sind, die es auch auf Postkarten gab. Ähnliche Motive stammen von Hilla Peyk, die sich von vielen der Lungershausen-Kinder inspirieren ließ.
LUZI DOMDEY, WETZLAR/LAHN: Von Luzi Domdey kenne ich bisher ein sehr schönes Märchen-Holzbild – ein großes und ungewöhnliches blaues Schneewittchen mit Kreuzkette, sehr ernst und mit zwei liebevollen Zwergen neben ihr. Auf der Rückseite steht mit Bleistift „Entwurf und Ausführung“ und darunter ein Stempel mit folgendem Text: „Maler-Atelier Luzi Domdey, Wetzlar/Lahn, Barfüßerstraße 8.“ Luzi Domdey hat offenbar auch eigene Kinderbücher gezeichnet und geschrieben; wie vermutlich die schönen Illustrationen und Texte zu dem unveröffentlichten Kinderbuch „Allerlei Sachen zum Lesen und Lachen“ von 1959, mit wunderschönen kolorierten Zeichnungen von Kindern und Tieren. Man findet zum Beispiel einen Kindergeburtstag, ein Jahrhundertmitte-Spielzeuggeschäft und einen kleinen Fliegenpilz, der sich verlaufen hat und glücklich wieder nach Hause findet – zurück zur Fliegenpilz-Mama und den Geschwistern. Weiß jemand mehr über Luzi Domdey? Bitte schreiben Sie mir!
MADE IN GERMANY: Auf vielen Rückseiten von alten Märchen-Holzbildern steht: „Made in Germany“. Besonders die großen Manufakturen haben damals auch ins Ausland verkauft. Teilweise wurde der Deutschland-Schriftzug standardmäßig auf die Rückseiten oder Verpackungen gedruckt, teilweise gab es einen zusätzlichen Handstempel. Während der DDR-Jahrzehnte kam in Westdeutschland häufig zum „Germany“ das „West“ oder „Western“ hinzu. Auch die DDR hat viele Kinder-Wandfiguren (speziell für den Verkauf ins Ausland) produziert – bis 1989. Zeitlich kann man tatsächlich sagen: Mit dem Fall der Mauer 1989 war auch die Zeit der Märchen-Holzbilder endgültig vorbei.
MÄRCHEN ODER KEIN MÄRCHEN? Das ist die wichtigste Grundfrage zu den Motiven der Kinder-Wandfiguren aus dem letzten Jahrhundert. Die Holzbilder-Ära hatte im Grunde nur zwei Themenbereiche: Eine Figur war entweder ein Märchen oder kein Märchen. Dann war es oft ein reines Kindermotiv, zum Beispiel ein Frühlingskind mit Blumen oder ein frierender kleiner Junge mit Schneeball – wie die berühmte Heller-Figur aus den 1930er-Jahren. Die häufigsten Motive waren allerdings die klassischen Brüder-Grimm-Märchen, daher auch der Genre-Name: Märchen-Holzbilder.
MÄRCHEN-ATTRIBUTE: Es sind stets die kleinen Beigaben, die uns zeigen, welches Märchen auf einem Märchen-Holzbild gemeint ist. Ein Mädchen mit roter Kappe und Kuchenkorb, eine schlafende Prinzessin mit Spindel oder Rosenbusch, ein schwarzhaariges Mädchen mit Zwergen oder eine alte Frau mit Schneewolke – und wir wissen intuitiv, wer sie sind. Jedenfalls, wenn wir zu denen gehören, die immer noch Rotkäppchen, Dornröschen, Schneewittchen und Frau Holle kennen.
MARIA DITTRICH, RAHMEN-SCHNEEWITTCHEN: Von dieser Herstellerin stammt ein außerordentlich kunstvolles, originelles und zauberhaftes Blumenkranz-Schneewittchen – eine wunderschöne, filigrane kleine Rahmen-Arbeit, vermutlich aus den 1930er-Jahren. Auf diesem Märchen-Holzbild sieht man das kniende Schneewittchen inmitten von vielen bunten Blumen, mit drei sehr ungewöhnlichen Zwergen und einem kleinen Haus mit offenen Fensterläden. Die Zwerge haben spitze rote Hüte und wirken extrem untersetzt, mit Mänteln, die bis zum Boden gehen. Die Künstlerin stammt aus Sachsen. Auf der Rückseite steht ein Stempel mit folgendem Text: „Kunsthandwerk Maria Dittrich, Werkstatt: Rodewisch, Julius-Gütter-Str. 6, Laden: Auerbach, Nicolaistr. 11“. Weiß jemand mehr über diese wunderbare alte Kunstgewerbe-Manufaktur? Bitte schreiben Sie mir!
MARIENKIND: Das Marienkind ist ein Märchen der Gebrüder Grimm. Es ist sehr moralisch und wohl auch deshalb in Vergessenheit geraten. Man sieht es nur selten auf den Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert: Bei Heller ist das Marienkind zusammen mit Maria abgebildet, die dem Mädchen den Himmels-Schlüssel reicht. Ravi hat das rote Marienkind, das zu trauern scheint – es erinnert mich immer an den Tod von Lisa Viertel (Ravi-Künstlerin), da ich diese Figur erstmalig fast zur gleichen Zeit entdeckte, als ich auf ihrer Beerdigung war.
MAX UND MORITZ: Die beiden Wilhelm-Busch-Bösewichter waren im letzten Jahrhundert besonders als Laubsägearbeiten sehr beliebt, vor allem bei Jungen. Die Vorlagen kamen zum Beispiel von Johannes Graupner/Graubele, der viele der insgesamt sieben Streiche produziert hat – als fertig bedruckte Laubsäge-Brettchen zum Aussägen. Neben den Hobbyarbeiten gab es auch einige Manufakturen-Arbeiten, zum Beispiel von Mertens und Original Bergischer Engel; diese sind aber als reine Kinder-Wandfiguren eher selten – das Motiv wurde von den Manufakturen meist als Hampelmann produziert. Die seltenste Figur stammt vom Original Bergischer Engel, denn es gibt sie nur als handbemaltes Muster, das nie veröffentlicht wurde: Man sieht auf der Figur Max und Moritz im Sack, ihre Beine ragen heraus, und der Müller trägt sie zur Mühle – und damit in ihren Tod.
MERTENS, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Wenn Alfred Mertens, der Gründer von Mertens-Kunst, heute noch leben würde, wäre er inzwischen über 120 Jahre alt. Alfred Mertens wurde am 21.3.1898 in Wiesbaden geboren. Das liegt rund 250 Kilometer von Pfullingen entfernt, wo Mertens-Kunst später produziert hat. Die Anmeldung in Pfullingen war am 5.10.1936, in der Panoramastraße 20, später Bergstraße 15, ab 1971 in der Carl-Zeiss-Straße 7. Einige Mertens-Holzbilder scheinen mir allerdings älter zu sein als 1936. Weiß jemand, ob Alfred Mertens zuvor vielleicht in einer anderen Stadt seine Manufaktur hatte? Die allerletzten Märchen-Holzbilder von Mertens-Kunst wurden in den 1980er-Jahren hergestellt. So kann man sagen, dass die Ära der Mertens-Wandfiguren (mindestens) sechs Jahrzehnte lang andauerte – von den 1930er- bis zu den 1980er-Jahren.
MERTENS, CHRISTBAUMSCHMUCK: Außer den Märchen-Holzbildern hat Alfred Mertens vor allem in den 1970er-Jahren viele kleine Holzfiguren als Baumbehang hergestellt – für Advent und Weihnachten. Oben haben sie ein kleines Loch für ein (meist rotes) Band zum Aufhängen. Es gab zum Beispiel eine Engelserie mit Attributen wie Teddy, Puppe, Schaukelpferd, Ball, Trommel, Stern oder Herz. Eine andere Serie zeigt Fachwerkhäuser mit Schneedach und eine Kirche. Diese Schneedorf-Häuser wirken besonders feierlich, weil sie Dunkelheit suggerierten – denn von drinnen scheint Licht, und die Schneetannen daneben erinnern mit ihrer hellblauen Farbe an Winterdämmerung. Eine andere Serie mit orange-gelb-braunen Farben zeigt psychedelische Weihnachts-Symbole: Christbaumkugel, Stern, Glocke, Herz und Tanne. Weitere Mertens-Weihnachtsanhänger waren unter anderem noch Weihnachtsmann, Schneemann, Schäfer und der Schornsteinfeger als Glücksbringer für Silvester und Neujahr.
MERTENS, DIORAMEN: Alfred Mertens hat in den frühen Jahren einige Märchen-Holzbilder auch als Dioramen hergestellt, zum Beispiel das Rotkäppchen und das Tapfere Schneiderlein – jeweils mit einer Tanne für das Märchenwald-Ambiente. Später produzierte Mertens die großen Modelle nur noch als Kinder-Garderoben, die anfangs ebenfalls auch noch aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt waren. Das bekannteste Mertens-Diorama stammt aus den 1930er- und 1940er-Jahren, in mehreren Ausführungen: Die große Variante zeigte neben dem Schneewittchen mit den sieben Zwergen noch ein Häuschen mit drei Vögelchen auf einer Stange und einen Baum – eine Birke.
MERTENS, EPOCHEN: Man kann die Holzbilder von Alfred Mertens in Antik, Jahrhundertmitte und Vintage einteilen. Die antiken Figuren aus den 1930er-Jahren waren komplett handbemalt und hatten teilweise noch Elemente vom Jugendstil oder auch Art Deco Stil. Beispiel: das frühe Sieben-Raben-Schwesterchen mit Haarreif. In der Jahrhundertmitte wurden die Figuren kleiner, was mit dem Materialmangel im Zweiten Weltkrieg zusammenhing und später beibehalten wurde. Die Figuren aus den 1940er-Jahren sind zum größten Teil noch handbemalt, aber spätestens in den 1950er-Jahren begann Mertens-Kunst, die schmalen Grundformen (Gesichter, Hände, Umrisse) aufzudrucken, während der Rest der Figur noch handbemalt wurde – auch die Seitenränder. Zu den Vintage-Figuren zählen all die Holzbilder, die schon vollständig im Siebdruckverfahren hergestellt worden sind – ungefähr ab den 1960er- bis zu den 1980er-Jahren, als schließlich die allerletzten Kinder-Wandfiguren von Mertens erschienen.
MERTENS, ERKENNUNGSZEICHEN: Die ganz frühen Figuren von Alfred Mertens (Gewerbeanmeldung in Pfullingen 1936) erkennt man an einem großen, runden Stempel, in dem die Initialen von Alfred Mertens versteckt sind. In einem großen, stilisierten „A“ steht ein kleineres „M“. Umgeben ist das Monogramm von dem Wort „Kunstgewerbe“. Ganz unten im runden Rand befindet sich ein breites, abgerundetes „V“, das an die Sockel der frühen Märchen-Holzbilder erinnert. Später kam zu diesem Rundstempel ein zusätzlicher Titelstempel hinzu, wie zum Beispiel „No 15 Rotkäppchen“. Um diesen Stempel von den „No“-Nummerierungen anderer Hersteller unterscheiden zu können, ist Folgendes wichtig: Das „No“ bei Alfred Mertens enthält ein „o“, das zweimal unterstrichen ist. Doch selbst wenn jemand diese spezielle Schreibweise kopiert haben sollte, erkennt man eine echte Mertens-Figur an ihrem unverwechselbar hochwertigen Stil – ein Stil, der nur schwer nachzuahmen ist. Etwas später ließ Alfred Mertens den Rundstempel weg; es blieb nur der Titelstempel, teils auch ohne das „No“ davor. Erst danach, in den frühen 1940er-Jahren, tragen die Figuren den Namen „Mertens“ – zunächst als „Mertens-Fries“, später als „Mertens-Kunst“.
MERTENS, FARBEXPLOSION: Die Manufaktur von Alfred Mertens hatte während des Zweiten Weltkriegs besonders stark – so sehr wie kein anderer der großen Hersteller von Märchen-Holzbildern – unter dem Materialmangel gelitten. Die Figuren aus den Kriegsjahren waren klein, blass und matt, denn besonders der Schutzlack (Firnis) war nicht mehr verfügbar gewesen. Das ist der Grund, warum die Mertens-Holzbilder der ersten Nachkriegsjahre extrem hervorstechen: Alle Farben waren wieder verfügbar, auch der Schutzlack, der die Figuren erst richtig zum Leuchten brachte. Das Kriegsende scheint dem Mertens-Team besonderen Mut gemacht zu haben, denn neben der „Farbexplosion“ (bunter als je zuvor!) gab es auch viele neue, außergewöhnlich schöne Motive!
MERTENS, FROSCHKÖNIG: Ich kenne inzwischen mehr als fünfzehn verschiedene Märchen-Holzbilder mit dem Froschkönig von Alfred Mertens. Drei möchte ich besonders hervorheben: Die älteste Frosch-Prinzessin stammt aus den 1930er-Jahren, ist schmal, gelb gekleidet, trägt eine breite Krone und besitzt noch keinen Titelstempel auf der Rückseite. Aus den späten 1930ern stammt die prachtvollste Version – türkis, mit Wasserfall-Haaren und einem weit ausgestellten Rock, ganz im Stil der Brünhild-Schlötter-Märchenkinder. Der allerletzte Mertens-Froschkönig wurde 1985 hergestellt, mit einer Strubbelhaar-Prinzessin.
MERTENS, GESTIEFELTER KATER: Ich kenne bisher lediglich vier verschiedene Märchen-Holzbilder, die Alfred Mertens von dem Gestiefelten Kater gemacht hat. Die älteste Figur ist weiß und nackt mit einem Gewehr; dann folgen ein weißer Kater mit einer roten Weste, ein weiß-grauer Kater mit offenem Cape und der schwarz-weiße Kater mit großen Augen.
MERTENS, GRÖSSENSCHRUMPFUNG: Mit dem Zweiten Weltkrieg wurden die Märchen-Holzbilder von Mertens-Kunst kleiner. Das geschah aus der Not heraus: Die Manufaktur von Alfred Mertens hatte besonders unter der Materialknappheit zu leiden. Die einstmals bis zu 30 cm großen Wandfiguren wurden mit einem Mal weniger als 20 cm hoch. Das sparte Holz sowie auch Farben und Firnis, die ebenfalls schwer erhältlich waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die meisten Figuren erst einmal klein, dann pendelten sie sich bei einem Durchschnitt von etwa 21 cm ein. Die stolzen Größen der alten Mertens-Figuren aus den Vorkriegsjahren waren somit Vergangenheit.
MERTENS, HAMPELMANN-COUP: Man muss zunächst wissen, dass Anfang der 1960er-Jahre immer noch der Hersteller „Original Bergischer Engel“ der Marktführer für Hampelmänner in Deutschland war. Dann passierten zwei Dinge gleichzeitig: Johanna Gruner-Witkop, die Besitzerin des Original Bergischer Engel, wollte ihren Betrieb aufgeben, und Alfred Mertens und sein Sohn Reiner Mertens wollten in das Hampelmann-Geschäft einsteigen. Frau Gruner-Witkop verkaufte also alle Rechte und Maschinen des Original Bergischer Engel mitsamt den wichtigen Produktionsgeheimnissen an Mertens. So kam es, dass die allergrößte Anzahl an verkauften Hampelmännern im letzten Jahrhundert tatsächlich von Mertens-Kunst stammt.
MERTENS, HAMPELMÄNNER ÜBERSICHT: Der große Spielzeug-Hersteller Alfred Mertens hat im letzten Jahrhundert mehrere Hundert verschiedene Hampelmänner produziert, mit teilweise sehr hohen Auflagen, wie zum Beispiel die berühmten Enten „Quack“ und „Quacksi“ aus den 1960er-Jahren. Auch bekannte Künstler entwarfen Hampelmänner für Mertens-Kunst; Ostheimer designte beispielsweise die „Michel“-Figur. Die allermeisten Hampelmann-Figuren wurden jedoch von Ute Mertens entworfen, der Tochter von Alfred Mertens. Manchmal steht der ganze Name, manchmal nur die gedruckte Signatur „Ute“ auf diesen Figuren, oft unten seitlich auf einem Fuß.
MERTENS, HANDSTEMPEL-ENDE: Kurz vor 1970 hatte Mertens-Kunst damit begonnen, das Copyright-Jahr auf die Rückseiten zu drucken – was ein Segen für Sammler heutzutage ist. Damit war für Mertens die Zeit der manuellen Handstempel endgültig vorbei, und der Rückseitendruck erfolgte komplett maschinell. Es gibt allerdings noch eine Übergangsphase zwischen den letzten Handstempeln und der Copyright-Jahr-Bedruckung: Ich ordne diese Figuren den früheren 1960er-Jahren zu, als die Alfred-Mertens-Figuren schon komplett maschinell bedruckte Rückseiten hatten, aber noch keine Jahreszahl angegeben wurde.
MERTENS, HÄNSEL UND GRETEL: Bisher kenne ich rund fünfundzwanzig verschiedene Hänsel-und-Gretel-Figuren von Alfred Mertens – die Hexen mitgezählt. Die Figuren wurden so gestaltet, dass die beiden Kinder in Not zusammen auf einer Figur erscheinen und die Hexe eine Einzelfigur war. Man musste also immer zwei Figuren kaufen, um das Märchen komplett zu haben. Wie immer bei Mertens-Kunst ging man mit der Mode: So trug eine Gretel aus den 1940er-Jahren ein schwarzes Mieder, auf dem die Schnürung angedeutet war. Wer hätte gedacht, dass diese „altmodischen“ Mieder in den 2020er-Jahren tatsächlich wieder modern wurden?
MERTENS, KINDERLIEDER: Es gibt eine alte Holzbilder-Serie von Alfred Mertens, die die klassischen Kinderlieder darstellt. Interessant ist, dass man das Motiv meist erst erkennt, wenn man den Rückseitentext liest! Hier einige Beispiele: Ein Männlein steht im Walde, Hänschen klein, Fuchs, du hast die Gans gestohlen, Weißt du, wieviel Sternlein stehen, Alle meine Entlein und Schlaf, Kindchen, schlaf.
MERTENS, KLUGE RÜCKSEITEN: In den 1960er-Jahren bekamen die Märchen-Holzbilder von Alfred Mertens maschinenbedruckte Rückseiten: Name, Ort, Copyright-Jahr, Titel der Figur in drei Sprachen und jahrzehntelang „Made in Western Germany“. Das bedeutete, jede Figur war jederzeit schnell für den Export bereit und brauchte keinen zusätzlichen Auslandsstempel. Und jedes einzelne Wort war „international“ gewählt: „© 1972 by Alfred Mertens Pfullingen“ – kein unnötiges deutsches Wort dazwischen wie „Hersteller“, das man im Ausland nicht verstehen würde.
MERTENS, KRIEGSKINDER: So wie viele andere Hersteller von Märchen-Holzbildern hat auch Alfred Mertens in den Kriegsjahren weiterhin produziert. Allerdings litt seine Firma deutlich mehr als die anderen großen Hersteller unter dem Materialmangel. Daher ist die Mertens-Kriegsware leicht zu erkennen, denn die meisten Figuren der frühen 1940er-Jahre sind klein, blass und traurig, wie die Kriegskinder. Zudem haben sie häufig verblichene Gesichtszüge, da Mertens zu dieser Zeit keinen dicken, satten Schutzlack (Firnis) hatte, der die Farben normalerweise schützt und zum Leuchten bringt.
MERTENS, MODERNE MERTENS-KUNST: Ich nenne diese Märchen-Holzbilder so, weil sie sehr spät entstanden sind – in den 1980er-Jahren. Aber alt sind sie doch: Von 1980 bis 2025 sind 45 Jahre vergangen, und im Jahr 2030 wird es ein halbes Jahrhundert sein. Unfassbar für Babyboomer: Das war doch erst vorgestern! Und selten sind diese Mertens-Figuren auch, denn die Auflagen wurden zum Ende hin immer geringer. Zu den allerletzten Märchenfiguren gehören zum Beispiel das Kätzchen-Dornröschen sowie die Hänsel und Gretel mit Schiebermütze.
MERTENS, NACHAHMUNGEN WERDEN VERFOLGT: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war die Not für viele Menschen in Deutschland sehr groß. Besonders das Essen war knapp, und viele hungerten und verhungerten. Mein eigener Vater war damals sechs Jahre alt und ging betteln, denn das Brot, das sein Vater für die sieben Geschwister schickte, war zu wenig und kam oft schimmelig an. Auf dem Schwarzmarkt oder in Geschäften von Freunden (wenn man denn Beziehungen hatte) haben die Menschen viele selbstgebastelte Kopien von Märchen-Holzbildern zum Kauf angeboten. Deshalb haben die Kinder-Wandfiguren von Mertens-Kunst aus dieser Zeit teilweise den Stempel „Nachahmungen werden verfolgt“ auf der Rückseite.
MERTENS, PLASTIKBILDER: Ende der Sechzigerjahre hat Mertens-Kunst – ähnlich wie Heller – mit Kunststoffmaterialien experimentiert. So erschienen etwa ein Dutzend verschiedene rechteckige kleine Bilder, die mehr oder weniger Plastikanteile hatten und heute selten sind. Manchmal wurde auch Holz (Pressholz) verarbeitet und nur der Rand mit Kunststoff beklebt, aber vorne war immer ein Papierbild aufgeklebt. Die Motive zeigten Große-Augen-Kinder in aktueller Mode mit Namen wie Peter und Susi oder stellten Brüder-Grimm-Märchen dar. Sie gehören zur Vintage-Epoche der Alfred-Mertens-Manufaktur, als bereits sein Sohn Reiner Mertens die Geschäfte übernommen hatte. Das Design der Motive stammt von Ute Mertens, der Tochter von Alfred Mertens, die zu dieser Zeit fast alle Entwürfe für Mertens gemacht hat.
MERTENS, REINER MERTENS: Es war wohl der großartige Geschäftsmann Reiner Mertens (Sohn von Alfred Mertens), dem die Manufaktur die sehr hohen Auflagen in den 1960er- und 1970er-Jahren verdankte. Er hat zum Beispiel den kompletten geschäftlichen Teil beim Erwerb des Original Bergischer Engel abgewickelt; unter anderem auch sämtliche Verhandlungen mit Johanna Gruner-Witkop, der vorherigen Besitzerin, die ihren Betrieb damals ausgesprochen gerne verkaufen wollte, womit Mertens eine ernstzunehmende Konkurrentin übernehmen konnte. Das hat mir Frau Gruner-Witkop in persönlichen Gesprächen erzählt, im neuen Jahrtausend, als sie schon neunzig Jahre alt war. Von ihr habe ich auch einen Zeitungsausschnitt von 1967 mit den folgenden Angaben: „HRA 7246 – 21.2.1967: Firma Johanna Gruner-Witkop, Solingen (Wiedenkamper Straße 27). Das Handelsgeschäft ist im Wege der Veräußerung auf Alfred Mertens, Kaufmann in Pfullingen, übergegangen … ab 25. Januar 1967, mit drei Kommanditisten. Einzelprokurist: Reiner Mertens. Pfullingen.“
MERTENS, SCHNEEWITTCHEN: Eines der frühesten Mertens-Schneewittchen ist das sehr schlichte gelbe Apfel-Schneewittchen, ohne Krone und mit einem grünen Zwerg im kurzen Kleidchen aus den 1930er-Jahren. Danach kam das weiße Art Deco-Schneewittchen mit Babybauch, knielangem Zopf und dem Gratulations-Zwerg mit Blumen und langen Hosen. Die Figur war sehr beliebt und wurde in den 1930er- und 1940er-Jahren tausendfach produziert. Dann gab es kurzzeitig ein mageres kleines Schneewittchen in kräftigem Gelb mit einer kleinen Prinzessinnenkrone. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die zwanzigjährige Phase mit den weiß-gelben (mehr weiß als gelb) Schneewittchen in vielen Varianten. Später folgten unter anderem das hellblaue Ballkleid-Schneewittchen und das lila-weiße Schneewittchen mit Hochfrisur. Das letzte Mertens-Schneewittchen in durchschnittlicher Größe war das weiß-rosa Mohnblumen-Schneewittchen von 1979. Danach folgte nur noch das sehr ungewöhnliche Schneewittchen von 1984 in einer riesigen Sondergröße (40 cm) mit Apfel und T-Shirt.
MERTENS, SCHNEEWITTCHEN-ZWERGE: Mertens-Kunst hat viele kleine Zwerge hergestellt, die das Schneewittchen ergänzen sollten. Es gibt verschiedene Serien dieser Märchen-Holzbilder, von denen die Zwerge mit den kleinen braunen Sockeln wohl die höchsten Auflagen hatten. Diese haben alle noch einen kleinen Handstempel auf der Rückseite. Folgende Motive gehören zu den Nummern: 21/1: Grün mit Fliegenpilzen, 21/2: Rot mit Marienkäfer, 21/3: Blau mit Stein, 21/4: Blau mit Vogel, 21/5: Rot mit Blume, 21/6: Gelb mit Stock.
MERTENS, TAPFERES SCHNEIDERLEIN: Von Mertens-Kunst kenne ich bisher fünf Versionen dieses Brüder-Grimm-Märchens. Alle haben die große Schere dabei. Die beiden frühen Tapferen Schneiderlein tragen die Schere unter dem Arm, mit der Spitze nach oben. Die zwei späteren Versionen haben die Schere auf der Schulter, Spitze nach unten – davon gibt es eine Version mit Bommelmütze, die andere ohne Bommelmütze.
MERTENS, ÜBERNAHME DES OBE: Am 21. Februar 1967 ging die Manufaktur „Original Bergischer Engel“ in den Besitz von Alfred Mertens über. Es war eine sogenannte „freundliche Übernahme“, denn Johanna Gruner-Witkop, die ihre Firma am 20. November 1945 kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag gegründet hatte, war inzwischen eine verheiratete Frau, die sich ausgesprochen gerne nun noch mehr um Mann und Kinder kümmern wollte. Das hat sie mir im neuen Jahrtausend in persönlichen Gesprächen erzählt, einige Jahre vor ihrem Tod in hohem Alter (8. März 2023). Frau Gruner-Witkop hat immer zu mir gesagt: „Sie haben mich noch auf den letzten Drücker erwischt!“ Alfred Mertens war damals froh gewesen, die Rechte und die großartigen Siebdruckmaschinen des „alten“ Original Bergischer Engel übernehmen zu können. Neben dem bekannten Namen „Mertens-Kunst“ produzierte er fortan unter zwei weiteren Namen auf den Rückseiten der Märchen-Holzbilder: „Original Bergischer Engel“ und „Gruner-Witkop“.
MERTENS, UTE MERTENS: Ute Mertens, die Tochter von Alfred Mertens, ist bisher die einzige Künstlerin von Mertens-Kunst, von der ich den Namen weiß. Ihr Name steht auf Zehntausenden von Mertens-Wandfiguren der 1960er- bis 1980er-Jahre. Eventuell hat Ute Mertens auch schon in den 1950er-Jahren die Entwürfe gezeichnet. Leider weiß ich nichts über die frühen Künstler und Künstlerinnen, die vor Ute Mertens für das Design der Figuren verantwortlich waren – vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren, als die Mertens-Figuren noch ganz anders gezeichnet worden sind. Kann jemand helfen? Bitte schreiben Sie mir!
MERTENS, WASSERBALL-MÄDCHEN: Eines der ersten Märchen-Holzbilder, die ich jemals gesehen habe (das war im Februar 2014), war die 1970er-Mertens-Figur von dem Strandkind mit Kirsch-Zopfbändern, wie sie damals gerade in Mode waren. Erinnerungen kamen hoch: Ich weiß noch, wie sie sich anfühlten – die glatten, roten, runden Kirschen-Zopfbänder. Und beim Strand denke ich immer an Haffkrug damals an der Ostsee: überall die gelbe Werbung für Delial-Sonnenmilch und die blauen Nivea-Sonnenmilchflaschen, die wir benutzten und später als Wasserpistole verwendeten. Manchmal war es so heiß, dass der Sand sogar unter den Fußsohlen brannte. Vor den Strandpromenade-Läden buntes Sandspielzeug und das Softeis mit Schokostreuseln. In dem Moment also, als ich 2014 diese Figur in den Händen hielt, war ich infiziert, und meine Märchen-Holzbild-Forschung konnte beginnen.
MERTENS, WER WAR AGNES? Es gibt Wandfiguren von Mertens-Kunst, auf deren Rückseiten die gedruckte Signatur „Agnes“ sowie das Copyright von 1966 und „Euro-Greeting P.B. 932 Bruxelles 1“ steht. Es sind Kindermotive, die sehr an die berühmte Künstlerin Jaklien Moerman erinnern, aber mir wurde von der Tochter von Jaklien Moerman versichert, dass die Figuren nicht von ihr stammen. Weiß jemand, wer „Agnes“ war? Bitte schreiben Sie mir!
MERTENS, WERBEFIGUREN: Alfred Mertens hat häufig auch Werbefiguren für andere Firmen hergestellt, zum Beispiel für Humana, Glücksklee Babykost, Irisette Bettwäsche oder Spielzeugläden. Manchmal stand der Name Mertens-Kunst auf den Rückseiten, meistens aber nicht. Die Motive waren häufig schon bekannte Mertens-Kunst-Motive, die farblich etwas abgewandelt wurden. Teilweise steht auf den Rückseiten der Werbefiguren auch „Original Bergischer Engel“ oder „Gruner-Witkop“, gedruckt (kein Handstempel, kein Aufkleber!) – das bedeutet dann ebenfalls, dass Alfred Mertens der Hersteller war.
MERTENS, ZWEITNAMEN: Es gibt Wandfiguren, auf denen nicht „Mertens-Kunst“ steht und die doch von Mertens-Kunst sind! Die beiden häufigsten Zweitnamen sind „Original Bergischer Engel“ und „Gruner-Witkop“. Johanna Gruner-Witkop, Besitzerin des OBE, verkaufte alle Maschinen und Namensrechte am 21. Februar 1967 an Alfred Mertens. Einige Jahre lang produzierte Mertens dann unter dem Namen „Original Bergischer Engel“ und unter dem Namen der vorherigen Besitzerin: „Gruner-Witkop“. Frau Gruner-Witkop hatte Alfred Mertens dies erlaubt, da Herr Mertens gerne ihren alten Kundenstamm übernehmen wollte.
MERTENS, ZWERGE ALLGEMEIN: Die Zwerge gehörten von Anfang an, also schon in den 1930er-Jahren, zu den Standardmotiven von Alfred Mertens, wie zum Beispiel der „Gnom mit Ziehharmonika“ mit den (unten wirklich sehr weiten) Schlaghosen und in der großen Variante sogar mit einem niedlichen Küken dazu. In den 1950er-Jahren wurde diese Figur komplett überarbeitet, so dass nun ein kleinerer, oranger und auf einem Baumstamm sitzender Zwerg mit Vogel als „Gnom mit Ziehharmonika“ (Akkordeon) bezeichnet wurde – wiederum mit der Herstellernummer 95, aber in diesem Fall „C 95“. Das „C“ bezieht sich eventuell auf die dritte Version, denn vielleicht wurde die oben erwähnte große Variante im Nachhinein als zweite Version gerechnet. Ähnlich erging es auch den anderen Mertens-Wandfiguren mit Zwergenmotiv: Sie wandelten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, bis in die 1980er-Jahre hinein.
MERTENS, ZWERGENGRUPPEN: Die Zwergengruppen von Mertens-Kunst haben sich über ein halbes Jahrhundert lang entwickelt – gleich blieb nur, dass es immer drei Zwerge auf einer Figur waren, die zusammen eine solche Zwergengruppe bildeten. Die frühen Holzbilder waren noch komplett handbemalt und hatten wunderschöne, oft bodenlange Zipfelmützen. An der Kinderzimmerwand ergab sich immer eine Art Dreiklang: In der Mitte hing die Wandfigur mit dem Schneewittchen, das einen Zwerg schon bei sich hatte. Rechts und links daneben jeweils eine Figur mit drei Zwergen, also zwei Zwergengruppen auf jeder Seite – eine mit Rechtsblick und eine mit Linksblick –, so dass sie immer auf das Schneewittchen schauten. So ergab sich der Klassiker: Schneewittchen und die sieben Zwerge. In den späten Jahrzehnten bekamen die Zwergengruppen zusätzliche Attribute, zum Beispiel Zwergengruppe mit Marienkäfer, Zwergengruppe mit Schmetterling, Zwergengruppe mit Vogel, Zwergengruppe mit Hase, Zwergengruppe mit Pilz, Zwergengruppe mit Blume oder Zwergengruppe mit Tanne.
MINI-FIGUREN: Einige der größeren Märchen-Holzbild-Manufakturen stellten im letzten Jahrhundert auch Figuren in Minigrößen her. Diese Mini-Größen wurden vor allem für die Weihnachtsdekoration hergestellt, als Christbaumschmuck. Man verwendete die teilweise winzigen Größen aber auch für Mobiles, Kinder-Messlatten, Wanduhren, kleine Dioramen, Kerzenhalter, Tischkartenhalter und Ähnliches.
MIT SOCKEL: Viele der frühen Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert hatten einen Sockel. Damit ist das untere Ende der Figur gemeint, das meist eine dreieckige Form hatte. Dieser Sockel ermöglichte das Einfügen der Figur in ein Märchen-Diorama (von Mertens auch „Fries“ genannt) oder eine Kindergarderobe, ohne dass von dem eigentlichen Motiv etwas abgeschnitten werden musste. Die meisten dieser Sockel waren braun, aber es gab auch bunte Sockel – allerdings seltener. Die frühen Bremer Stadtmusikanten von Mertens hatten zum Beispiel einen gelben Sockel, und auch einige der frühen Sieben Raben von Mertens hatten bunte Sockel in Blau und Grün. Auch Heller hatte manchmal bunte Sockel, beispielsweise bei den tanzenden Maikinder mit blauem Blumenkranz aus den 1930er-Jahren: Sie tanzen mitten in einem großen, frühlingsgrünen Sockel.
MK-HOBBY: MK-Hobby (Michael Kramer), auch „Hobby“ genannt, war der Nachfolger von Dullien und hatte damals auch Verbindungen zu Pebaro. Alle drei stellten Vorlagen für Hobbyarbeiten her. Hier der Zusammenhang: Dullien hat um die Jahrhundertmitte herum sehr viele verschiedene und originelle Laubsägevorlagen für Hobbyarbeiten hergestellt. Eine besondere Spezialität von Dullien waren die wunderschönen, sehr bunten Beilagezettel mit Farbbeispielen, meist mit leuchtend gelbem Hintergrund. Der Nachfolger von Dullien wurde schließlich MK-Hobby, der wiederum Laubsägevorlagen für Pebaro (Peter Bausch Ronsdorf) entworfen hat. Die Laubsägevorlagen mit dem Namen „Hobby“ hatten meist keine gelben Beilageblätter mehr, sondern die Beilageblätter umrahmten das Farbbeispiel vor allem in Orange, manchmal auch in anderen Farben, zum Beispiel verschiedenen Grüntönen.
MONATE-SERIEN: Es gibt mehrere alte Hersteller von Holzbildern, die jeweils eine Wandfigur zu jedem Monat gestaltet haben – teilweise sogar mit wechselnden Motiven über die Jahrzehnte hinweg. Magda und Georg Heller gaben ihren Figuren in den 1930er-Jahren die historischen Monate-Namen, zum Beispiel „Lenzing“ für den März, „Heumond“ für den Juli oder „Neblung“ für den November. Als Motive wurden meistens Kinder gezeigt. Besonders schön ist auch eine Figur von Ravi: das strickende November-Mädchen mit Kerzenschein aus den 1950er-Jahren.
MOTIV-VORZEICHNUNGEN: Die meisten frühen Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert wurden noch ganz handbemalt; aber wie kamen die Umriss-Linien auf das Holz, die dann in Handarbeit bunt ausgemalt wurden? Bei der Manufaktur Ravi soll es so gewesen sein, dass auch diese Linien immer mit Hand aufgezeichnet wurden – das erzählte mir Ingeborg Wigger, die Nichte von Erna Rath, im Oktober 2024. Diese schwierige Aufgabe wurde stets von einer der beiden Chefinnen, Erna Rath oder Lisa Viertel, übernommen. Bei der Manufaktur Wrangel/Wrangell wurden die Umrisse teilweise aufgedruckt, eventuell auch mit einem großen Stempel; zumindest in den späteren Jahren nicht mehr mit Hand gezeichnet. Ich kenne einen Hans im Glück mit einem solchen Vordruck auf der Rückseite. Eine große holländische Manufaktur ist ähnlich vorgegangen, und auch da kenne ich eine Figur mit Vordruck auf der Rückseite: ein angelnder Zwerg. Leider findet sich bei diesem Hersteller aus den Niederlanden nie der Firmenname auf den Rückseiten.
MÜNCHNER, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Der Hersteller „Münchner-Kunst“ existierte etwa ein halbes Jahrhundert lang, von den 1930er- bis 1970er-Jahren, mit mehreren Besitzern. Deshalb verwende ich auch den Genre-Namen „Münchner-Kunst“ für diese Figuren. Auf den frühen Märchen-Holzbildern stand auf der Rückseite häufig „Münchner Kinder-Wandbilder, Handmalerei“. Später gab es manchmal folgende Rückseiten-Namen: „Münchner Kunst und Handwerk“, „Jaeger & Riederer“ sowie „Rie-Bilder ges. gesch.“ Eines der Erkennungszeichen für die Münchner-Kunst der Jahrhundertmitte ist auch folgendes: ein größerer Stempel mit einer dreistelligen Zahl, zum Beispiel „133“ oder „375“.
MÜNCHNER, ANTHROPOMORPHE TIERE: Die ersten dieser vermenschlichten Tiere der Münchner-Kunst stammen aus den 1930er Jahren, zum Beispiel das Märchen-Holzbild mit der Schulkind-Katze mit Ranzen, Schwamm und der rosengefüllten Zuckertüte. Die marschierenden Trommel-Teddies datiere ich auf die frühen 1940er Jahre, wegen des Militär-Themas und der Fertigung aus Pappe (Materialknappheit im Zweiten Weltkrieg). Der größte anthropomorphe Münchner-Bestseller entstand in den Fünfzigerjahren: die niedlichen Regenschirm-Entlein auf blauem Herz-Sockel. Seltener sind die Spielplatz-Teddies mit Wippe und das Huckepack-Holzbild mit dem Elefanten-Papa und dem Elefanten-Kind. In den späten Siebzigerjahren entstand vermutlich die Punktekleid-Katze mit der kleinen Maus; beide tragen Regenschirmen. Diese Figur hat wohl „Rie-Bilder“ hergestellt, die letzten Besitzer der Münchner-Kunst. Typisch für die Rie-Bilder sind das besonders dicke Holz, die geweißte Rückseite und eine Renaissance der allerersten Machart: wieder größere Figuren mit Wiesen-Sockel.
MÜNCHNER, BESITZER: Die Münchner-Kunst stellte im vergangenen Jahrhundert fünf Jahrzehnte lang Märchen-Holzbilder her. Es gab nach und nach vier verschiedene Besitzer mit unterschiedlichen Werkstätten. A) 1938–1947: Karl Jaeger mit Maria Wild, Baumstraße 8 in München (Geschäftsadresse). B) 1947–1956: Gerhard Jaeger mit Josef Riederer, Wittelsbacherstraße 6 sowie Ickstattstraße 16, beides in München. C) Die beiden letzten Inhaber waren Emil Knies und danach E. Hübner. Emil Knies hat noch in der Ickstattstraße produziert; bei E. Hübner ist die Werkstattadresse nicht bekannt.
MÜNCHNER, ERKENNUNGSZEICHEN: Bei den meisten Münchner-Kunst-Figuren (1930er- bis 1970er-Jahre) fehlt der Herstellername auf der Rückseite. Es gab aber ganz typische Sockel bei dieser Kunstgewerbe-Manufaktur: Die großen Figuren hatten oft den unten abgerundeten Wiesen-Sockel (1930er- und frühe 1940er-Jahre; dann erst wieder in den späten 1970er-Jahren). Die (meist kleineren) 1950er- und 1960er-Figuren mit dem typischen Herz-Sockel hatten wohl die höchsten Auflagen; dazu gehören auch die einzelnen Märchen-Holzbilder von Hänsel und Gretel mit dem Lebkuchen-Sockel, ebenfalls eine Spezialität der Münchner-Kunst. Und schauen Sie sich den typischen Stil dieser Manufaktur einmal genauer an: Auch daran erkennt man diesen Hersteller. Ein weiteres Erkennungszeichen: Häufig, wirklich sehr häufig, haben die Holzbilder aus München einen dreistelligen Zahlenstempel auf der Rückseite.
MÜNCHNER, HERZ-SOCKEL: Die Märchen-Holzbilder der Manufaktur „Münchner-Kunst“ wurden um die Mitte des letzten Jahrhunderts herum produziert. Das auffälligste Kennzeichen war wohl der Herz-Sockel, den die Figuren ab den 1950er-Jahren bekamen: Die Figuren stehen auf roten, blauen oder gelben Herzen. Nur Hänsel und Gretel bekamen einen braunen Sockel.
MÜNCHNER, LEBKUCHEN-SOCKEL: Eine Spezialität der historischen Kunstgewerbe-Manufaktur „Münchner-Kunst“ war der Lebkuchen-Sockel. Auf diesem Sockel standen oft Hänsel und Gretel als Einzelfiguren. Wenn man zwei passende Figuren von einem solchen Set hatte (es gab die Figuren in verschiedenen Größen, Ausführungen und Blickrichtungen, von den 1930er-Jahren bis etwa 1970), konnten sich Hänsel und Gretel immer gegenseitig an der Kinderzimmerwand ansehen.
MÜNCHNER, MINI-FIGUREN: Die Münchner-Kunst hat um die Jahrhundertmitte herum eine Reihe von ungewöhnlich kleinen Wandfiguren hergestellt, die ich sonst nur von der Niedersachsen-Kunst kenne. Diese Figuren haben eine Höhe von ungefähr 12 cm, und ich meine damit nicht die kleinen Schneewittchen-Zwerge (die hatten sehr viele Hersteller), sondern tatsächlich kleine Mini-Figuren mit Märchenszenen. So gab es ein Dornröschen mit Rosenbusch, Spinnrad und Spindel, ein Hänsel und Gretel mit Hexe und ein sehr originelles Schneewittchen, auf dem tatsächlich auch alle sieben Zwerge untergebracht sind – teilweise lugen nur die Zipfelmützen hervor.
MÜNCHNER, MÜNCHNER KINDER-WANDBILDER: „Münchner Kinder-Wandbilder“ war der Name der frühen Münchner-Kunst. Die Sockel waren meist abgerundet und zeigen ein Wiesenmotiv. Diese Märchen-Holzbilder waren recht groß und wurden aus besonders dickem Sperrholz gefertigt. Die meisten stammen aus den 1930er-Jahren; einige Pappe-Figuren vermutlich auch aus den Kriegsjahren: Im Zweiten Weltkrieg war häufig auch das Holz von der Materialknappheit betroffen.
MÜNCHNER, RIE-BILDER: Siehe Rie-Bilder!
MÜNCHNER, WIESEN-SOCKEL: Unter dem frühen Namen „Münchner Kinder-Wandbilder“ wurden die ersten Märchen-Figuren der Münchner-Kunst in den 1930er-Jahren hergestellt. Der Sockel hatte meist ein hellgrünes Wiesenmotiv, was ein deutliches Erkennungszeichen ist. Die Holzbilder haben aber auch meistens einen roten Rückseitenaufkleber in Rautenform.
MUTTER UND MADONNA: Heller war der erste Hersteller von Märchen-Holzbildern, der auch eine Madonna (Maria mit Jesuskind) entworfen hat. Das war Ende der 1920er Jahre. Bald folgten Figuren von anderen Kunstgewerbe-Manufakturen, zum Beispiel Eifel (Ilse Schneider) und Mertens. Auch ähnliche Laubsägevorlagen gab es bald, beispielsweise von Johannes Graupner/Graubele. Es entstanden auch Varianten, die nicht eindeutig zu den religiösen Holzbildern gehörten und die einfach nur eine liebevolle Mutter mit Kind darstellten. Wunderschöne Figuren sind die Sonnenblumen-Mütter von Heller: Die frühe Version aus den Dreißigerjahren zeigt eine Mutter im orangen Kleid, die in einer großen Sonnenblume sitzt.
MÜWO: Dieser wohl sehr kleine Kunsthandwerksbetrieb hat vermutlich in den 1930er-Jahren seine Märchen-Holzbilder hergestellt; es könnte eine Küchentisch-Manufaktur gewesen sein. Von Müwo stammt zum Beispiel ein Rattenfänger von Hameln mit Augenweiß, Schlaghosen, einer mit Ornamenten verzierten Jacke, einer blau-weiß karierten Mütze und acht grauen Ratten auf einem dunkelgrünen Herz-Sockel. Den Müwo-Stempel kenne ich in Rot, mit geschwungenen stilisierten Müwo-Buchstaben und dem zusätzlichen Wort „Handgemalt“.
NACHTTOPF-ROTKÄPPCHEN: Manchmal findet man Märchen-Holzbilder mit der Rotkäppchen-Szene, wo der böse Wolf im Bett der Großmutter liegt, unter dem ein Nachttopf steht. Die schönste Figur stammt vermutlich aus den 1930er Jahren, es ist eine sehr kleine Rahmen-Arbeit: Der Wolf hat aufgerissene Augen und ein offenes Maul; er liegt unter einem dicken weißen Federbett. Die rote Zunge hängt ihm heraus und die Farbe Rot findet sich auch in der Kappe und dem Rock vom Rotkäppchen sowie auf dem Etikett der Medizinflasche auf dem Nachttisch, an dem ein kleiner Zettel hängt – viel Liebe zum Detail! Und unter dem Bett (das durch den Rahmen ein wenig wie ein Himmelbett wirkt) steht natürlich der weiße Nachttopf.
NACKTKNIE-ZWERGE: Viele der frühen Zwergen-Holzbilder hatten diese reizenden knubbeligen Knie und nackte Beine. Später haben die meisten Hersteller sie mit Hosen ausgestattet. Durch die breiteren Hosen wurden die Figuren stabiler, das war wohl der Hauptgrund. Ein zweiter Grund: Knie sind schwer zu zeichnen und Hosen entsprechend einfacher. Bei den frühen Ravi-Wandfiguren ist die Kombination von nackten Beinen und kurzem Hoodie besonders reizend, zum Beispiel bei der 1940er-Figur „Zwerg mit Hellebarde“: Da steht das kurze Hoodie-Kleid sogar noch nach vorne ab.
NAME – WIE HEISSEN DIE DENN JETZT? Die Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert haben viele Namen; so viele, dass sie eigentlich keinen haben. Ich habe den Genre-Namen „Märchen-Holzbilder“ geprägt, denn es sind Bilder aus Holz, meist mit klassischem Märchenmotiv. Mein englischer Genre-Name beschreibt die zusätzlichen Eigenschaften der „German Wall Figures“: Sie stammen zu 99 % aus Deutschland und sind Figuren, die man an die Wand hängt. Selbst die Hersteller hatten damals unterschiedliche Bezeichnungen für die Figuren. Sie nannten sie damals „Wandfiguren“ (Mertens), „Märchenfiguren“ (Heller), „Märchen-Wandfriese“ (Ravi) oder auch „Kinder-Wandbilder“ (Münchner).
NIEDERSACHSEN-KUNST: Dieser Hersteller hat in den 1930er und vielleicht auch noch in den frühen 1940er Jahren Märchen-Holzbilder produziert, aber auch Kindermotive und Zwerge. Sie wurden alle handbemalt. Auf vielen der Figuren kann man unten ein Grasbüschel sehen, und die Augen wurden mit braunem Bleistift gezeichnet, wie das auch bei Heller der Fall war. Vielleicht wurde die Werkstatt im Zweiten Weltkrieg ausgebombt? Ich kenne jedenfalls keine späteren Produkte dieses Herstellers. Weiß jemand mehr über Niedersachsen-Kunst? Bitte schreiben Sie mir!
NOAH-KUNST: Das Besondere an der Noah-Kunst (wohl 1940er Jahre) ist, dass oft Goldfarbe und Silberfarbe verwendet wurde, zum Beispiel bei der kleinen Froschkönig-Prinzessin mit der goldenen Kugel und den silbernen Schuhen, sowie beim Peterchens Mondfahrt mit dem silbernen Mond und dem niedlichem Nasenstupser. Vieles erinnert an die Holzbilder von Ingeborg Adam aus Lüneburg: Es wurden ähnliche kleine gestrichelte Linien gezeichnet und die Figuren sind ebenfalls eher klein und kompakt (dickeres Holz). Die Farben sind allerdings anders; doch falls der Stempel „Ingeborg Adam, Kunstgewerbe Lüneburg“ tatsächlich nur ein Kunstgewerbe-Geschäft bezeichnet und nicht den Hersteller, dann könnten die Ingeborg-Adam-Figuren eventuell tatsächlich Noah-Kunst sein. Der Name „Noah“ ist auf den Rückseiten-Stempeln nur schwer lesbar, es könnte auch „Noa-Kunst“ heißen. Der Name steht inmitten einer Zeichnung von einem Malerzwerg mit Farbpalette. Weiß jemand mehr darüber? Bitte schreiben Sie mir!
O-MÜNDER, ALLGEMEIN: Manche der frühen Märchen-Holzbilder im 20. Jahrhundert wurden mit O-Mündern gezeichnet. Sie hatten einen sehr erstaunten Ausdruck, eben weil der Mund ein “O“ formte oder schlicht offen war. Das findet man vor allem beim Bergischen Engel (zum Beispiel bei der frühen Hampelmann-Schornsteinfegerin) und bei Ravi, beispielsweise bei dem frühen Rotkäppchen.
OHNE SOCKEL: In den späteren Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts begannen die meisten großen Hersteller von Märchen-Holzbildern den (vorher meist braunen) Sockel am unteren Ende der Figuren einzusparen. Die Kunden wollten die Figuren einfach nur aufhängen, so dass die Aufsteck-Möglichkeit von früher nicht mehr nötig war: Es gab keine Dioramen mehr und keine der alten Kinder-Garderoben mit den eingeleimten dünnen Figuren.
OLSCHESA: Typisch für diese Manufaktur aus der letzten Jahrhundertmitte sind die braun-gelben Herbstfarben. Ich kenne bisher etwa zehn verschiedene Motive. Die Augen der Figuren sind oft detailliert gezeichnet und man sieht häufig beide Augen (Frontalansicht). Der Sockel ist dezent verziert und der Rückseiten-Stempel „Abteilung kunstgewerbliche Handarbeit“ ist wohl ein Hinweis auf die DDR, ebenso wie der gezackte Aufkleber-Rest (wie eine Briefmarke), der meist bis auf einen kleinen Rest abgerissen wurde. Auf diesen „Briefmarken“ stand ursprünglich der Name des enteigneten Herstellers „Olschesa“. Wie viele verschiedene Motive „Olschesa“ wohl produziert hat? Die Zahlen auf den mit bekannten Rückseiten gehen jedenfalls von 100 bis 161. Weiß jemand mehr über Olschesa? Bitte schreiben Sie mir!
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Der eigentliche „Original Bergischer Engel“ war nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Not heraus entstanden und existierte von 1945 bis 1967 (fast 25 Jahre lang); die Produktion war in Solingen-Wald. Die Entwürfe stammten alle von Johanna Gruner-Witkop (4.11.1928 – 8.3.2023). 1967 verkaufte Frau Gruner-Witkop schließlich ihre „Firma“ (um sich fortan ganz ihrer Familie mit kleinen Kindern widmen zu können) an Alfred Mertens von Mertens-Kunst, was sich vor allem auf die Namensrechte, die Motivrechte und die Siebdruck-Maschinen bezog; die Produktion fand fortan im 400 km entfernten Pfullingen statt. Zu den schönsten Figuren des „originalen“ Original Bergischer Engel gehört die blonde Schornsteinfegerin mit Kleeblatt und Hufeisen (ein Hampelmann) und das Aschenputtel mit dem O-Mund; beides sehr frühe, noch ganz handbemalte Figuren.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, HAMPELMÄNNER: Die Gründerin und somit die erste Besitzerin des Original Bergischer Engel, Johanna Gruner-Witkop, hat damals viele Kinder-Wandfiguren hergestellt – sie war aber auch für ihre sehr originellen Hampelmänner bekannt. Es gab zum Beispiel ein Mädchen mit Hampelzöpfen, einen Kasper mit Krokodil und Klatsche, eine Fischfrau mit einer Metallglocke, die schöne Schornsteinfegerin mit vierblättrigem Kleeblatt, das Pilzmännlein mit Fliegenpilz-Hut und einen Jägerjungen mit Dackel. Für die Herstellung wurden zwei unterschiedliche Holzarten verwendet, die intern „Märchen-Holz“ und „Hampelmann-Holz“ genannt wurden. Die inzwischen verstorbene Johanna Gruner-Witkop hatte mir im Februar 2019 noch davon erzählt: Das Holz für die Märchen-Holzbilder war immer weicheres Holz gewesen; das Holz für die Hampelmänner hingegen härteres Holz. Einer meiner Favoriten der Original-Bergischer-Engel-Hampelmänner ist die blonde Bäckerin mit den Brezeln und der Karohose.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, JOSEF WITKOP: Josef Witkop (1898-1971) war der Vater von Johanna Gruner-Witkop, der Künstlerin des Original Bergischer Engel. Sein Keramik- und Porzellangeschäft war im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer gefallen. Die Familie Witkop zog nach Solingen und begann dort, Kunstgewerbe-Produkte aus Holz herzustellen und zu verkaufen. Josef Witkop wußte, dass seine Tochter Johanna (damals 17 Jahre alt) künstlerisch sehr begabt war und hatte darauf das neue Familiengeschäft aufgebaut; auf ihren Namen wurde der Betrieb auch angemeldet. Als Firmennamen wählte man „Original Bergischer Engel“, weil anfangs vor allem kleine Engelchen (zum Beispiel als Tischkartenhalter) hergestellt wurden und weil Solingen zu der Region „Bergisches Land“ gehört. Josef Witkop kümmerte sich fortan vor allem um die geschäftliche Seite, so dass die Märchen-Holzbilder und die originellen Hampelmänner aus Solingen-Wald bald in vielen Spielzeuggeschäften hingen.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, KREUZSTICH-MIEDER: Johanna Gruner-Witkop (1928-2023) hatte im letzten Jahrhundert alle frühen Entwürfe des „Original Bergischer Engel” gemacht. Zu ihren hübschesten Wandfiguren gehören die Märchen-Mädchen mit den Kreuzstich-Miedern, zum Beispiel die beiden noch ganz handbemalten Froschkönig-Prinzessinnen mit ihren ausgestellten Röcken in Blau und Pink. Beide haben ein schwarzes Mieder mit jeweils drei x-Kreuzen untereinander; wie beim Kreuzstich im Handarbeitsunterricht. Es gab auch noch weitere Figuren des Original Bergischer Engel mit einer Art Kreuzstichmuster, aber vor allem kamen sie in den ersten Jahrzehnten vor, also von den 1940er bis zu den 1950er Jahren.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, MESSEWERBUNG: Der OBE hat in den 1940er bis 1960er Jahren viele Stände auf Spielwarenmessen gehabt. Johanna (Hannelore) Gruner-Witkop hat mir im neuen Jahrhundert von vielen Messen ihrer Manufaktur erzählt und mir Fotos gezeigt, auf denen man sie immer schick angezogen und häufig im Kundengespräch sieht. Auf einer Werbekarte des OBE steht folgender Text über gleich zwei verschiedene Messen: „Der Bergische Engel am neuen Messestand, Spielwaren-Messe Nürnberg, 13. bis 18. Februar 1966, Neubau Europahaus, Erdgeschoß, Stand 3082 B; Baby-Messe Köln 22. bis 24. April 1966, Halle 12, Erdgeschoß, Gang B, Stand 32, Hannelore Gruner-Witkop, Solingen-Wald, Hampelmänner, Wandbilder, Kleider-Recke.“
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, NAME: Anfangs hat die Manufaktur „Original Bergischer Engel“ (1945-1966) tatsächlich kleine Engelchen hergestellt. Meist waren es Aufsteck-Figuren für winzige Kerzenhalter oder Tischkartenhalter. Später ging man dann zu den Wandfiguren und den Hampelmännern über. Aber der Engel im Namen wurde beibehalten.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, NIE GROSSE KÖPFE! In den Sechzigerjahren bekamen viele Holzbilder große Köpfe und große Augen, entsprechend dem Kindchenschema. Besonders interessant ist das bei den Wandfiguren, die Alfred Mertens produzierte, nachdem er den „Original Bergischer Engel“ 1967 gekauft hatte. Johanna Gruner-Witkop hatte Alfred Mertens ausdrücklich erlaubt, den Namen Original Bergischer Engel sowie auch „Gruner Witkop“ auf seine Holzbilder zu stempeln und sie erkannte die Figuren sofort, die trotz „ihres“ Namens nicht von ihr stammten: „Ich habe nie diese großen Köpfe gemalt!“, erzählte sie mir vehement im neuen Jahrtausend.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, O-MÜNDER: Die frühen Holzbilder des Original Bergischer Engel aus den 1940er Jahren hatten oft einen erstaunten Ausdruck, weil der Mund ein längliches „O“ formte. Johanna Gruner-Witkop, die erste Besitzerin und Künstlerin des Original Bergischer Engel, hat mir im neuen Jahrtausend erzählt, dass sie zu Beginn ihres Betriebs in den Vierzigerjahren eine Freundin mit Design-Erfahrung hatte, die ihr sagte, dass gerade niedliche O-Münder und blonde Locken beliebt waren. Daher findet man häufig beides bei den frühen, noch ganz handbemalten Figuren des OBE: Die Froschkönig-Prinzessin mit dem blauen Sternenrock, die erste Version der Schornsteinfegerin (Hampelmann), das kleine blaue Aschenputtel und die Köchin mit der großen roten Schleife (Hampelmann). Die originelle Fischverkäuferin mit der kleinen Metallglocke in der Hand (Hampelmann) hatte zwar dunkle
Locken, aber auch ihr Mund formte ein „O“, weil sie ihren Fisch anpries.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, SIEBDRUCK: Johanna Gruner-Witkop, die erste Besitzerin des Original Bergischer Engel, erzählte mir im neuen Jahrtausend (in den 2010er Jahren), dass ihre Manufaktur um 1960 herum zwei Schritte der Neuerung bei ihren Wandfiguren gewagt hatte; einer davon war die Einführung des Siebdrucks. Dazu besuchte sie einen einwöchigen Kurs bei einem Farben-Hersteller (leider wußte sie den Namen und den genauen Ort nicht mehr), in dem sie die Technik erlernte. Der nächste Schritt war, die Bemalung der Ränder wegzulassen; das hatte in ihrer ersten Siebdruck-Phase immer noch viel zusätzliche Handarbeit bedeutet. Frau Gruner-Witkop erzählte mir, dass sie zuerst ein schlechtes Gefühl dabei hatte: Würden die Kunden es bemängeln? Würde der Absatz leiden? Erstaunlicherweise passierte keines von beiden – die meisten Leute bemerkten es nicht einmal.
ORIGINAL BERGISCHER ENGEL, SPIELZEUGMESSE 1948: Johanna Gruner-Witkop erzählte mir im hohen Alter von 90 Jahren auch von ihrer ersten großen Spielwarenmesse. Ende 1945 hatte sie ihre Manufaktur „Original Bergischer Engel“ gegründet, und 1948 fand in Frankfurt die erste Spielzeugmesse nach dem Krieg statt. Man muss es sich so vorstellen: Die Räume waren teilweise nur provisorisch eingerichtet, es gab sogar zusätzliche Zelte, und den Geschäftsleuten und den Kunden saßen noch die sechs Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs in den Knochen. Gelebt wird immer in die ungewisse Zukunft, und keiner wusste, was wir heute wissen: Dass es Gott sei Dank der letzte deutsche Krieg im 20. Jahrhundert gewesen sein sollte. Und dass bald das Wirtschaftswunder kommen würde.
PAPPE-FIGUREN: In den Kriegsjahren (Zweiten Weltkrieg) stiegen einige Hersteller von Märchen-Holzbildern auf Pappe um, wegen des Materialmangels. Auf eigenen dieser Kriegsware-Figuren steht auf der Rückseite ein Hinweis-Stempel, dass die Produktion „vorübergehend auf Pappe“ erfolgt. Das ist zum Beispiel bei einer handbemalten Aschenputtel-Figur der Fall, die leider einen schlecht lesbaren Hersteller-Stempel hat: Es scheint das Wort „Kunsttruhe“ zum Namen zu gehören und es ist auch eine Truhe abgebildet. Neben den Kriegspappe-Bildern gab es auch Manufakturen, die ohne Not Pappe-Figuren herstellten, viele davon wurden sogar handbemalt. Sie sind aber eher die Ausnahme in der Märchen-Holzbild-Ära (1920er bis 1980er).
PAUL MAY: Die Märchen-Holzbilder von Paul May stammen vermutlich aus den 1950er und 1960er Jahren. Sie fallen oft durch ihre Pastellfarben auf und durch ihre eigenen Motive, zum Beispiel das Schneewittchen mit dem rosa Leibchen, das beide Hände von einem Zwerg hält oder der Kopfwehzwerg unter einem großen Fliegenpilz. Man findet leider nur selten einen Firmen-Hinweis auf der Rückseite. Ich kenne allerdings einen geprägten roten Aufkleber. Auf der kleinen runden Fläche ist viel Text untergebracht: „Paul May Inh. Friedrich May Drechslermstr. [sic] Gegr. 1902 Holzkunst-Werkstatt – Naumburg/S. Neustr. 41“. Die Stadt Naumburg an der Saale liegt im Bundesland Sachsen-Anhalt. Weiß jemand mehr über diesen historischen Hersteller von Märchen-Holzbildern? Bitte schreiben Sie mir!
PAVILLON: Von Pavillon stammt unter anderem die hübsche Froschkönig-Prinzessin mit dem Stufenrock und dem weißen Sockel mit gelben Ornamenten; vermutlich aus den 1940er Jahren. Der Rückseiten-Stempel ist recht aufwändig: Ein großer runder Stempel (teilweise zu groß für die Figuren, die oft nur 12 cm bis 14 cm hoch sind) mit einem schönen asiatischen Pavillon darin; darum herum die Wörter „Echtes Pavillon-Erzeugnis.“ Außerdem gibt es einen weiteren Stempel mit dem Wort „Handarbeit“. Ich kenne bisher sieben Holzbilder von Pavillon, zum Beispiel ein Fußballjunge, ein Mann mit Mondgesicht und Lamm (wohl zum Wiegenlied „Wer hat die schönsten Schäfchen“) und ein Peterchens Mondfahrt (eine Kopie von Ilse Schneiders Wandfigur aus den 1930er Jahren). Ein Wanderjunge mit einem großen Buch und eine Gänsemagd haben jeweils einen schönen originellen Sockel: ein breites grünes Blatt.
PEBARO: Diesen Hersteller gibt es bereits seit 1919, und die Firma existiert immer noch, mittlerweile seit über hundert Jahren. Die ältesten Laubsägevorlagen von Pebaro wurden im Scherenschnitt-Stil auf besonders dünnes Holz gedruckt. Der Rückseiten-Stempel lautet: „Pebaro Vorlagen-Verlag, gesetzlich geschützte Entwürfe.“ Zwei Kindermotive hießen „Am Bildstock“ und „Ich gratuliere“. Es gab auch Hefte mit Papier-Vorlagen: „Pebaro Laubsägevorlagen Silhouetten aus Künstlerhand“. Am bekanntesten sind die späteren „Brettchen“ zum Ausmalen, zum Beispiel sehr niedliche Märchenkinder. „PeBaRo“ steht abgekürzt für „Peter Bausch Ronsdorf“. Auf meine Nachfrage über den Zusammenhang mit anderen Vorlagen-Herstellern, die teilweise genau die gleichen Motive hatten, antwortete mir Pebaro über Instagram: „Die Laubsägevorlagen wurden für uns von MK-Hobby gemacht, wovon Dullien der Vorgänger war. Leider gibt es MK-Hobby heute auch nicht mehr.“
PETERCHENS MONDFAHRT: Dieses Märchen schrieb der Autor Gerdt von Bassewitz vor über hundert Jahren. Die tierliebenden Geschwister Peter und Anneliese reisen zum Mond, um dem Maikäfer Herr Sumsemann zu helfen, einen alten Fluch zu brechen und so endlich sein sechstes Beinchen zu bekommen. Peter nimmt seinen Hampelmann und Anneliese ihre Puppe mit auf die Reise. Die meisten Figuren zeigen nur Peter und den Mond. Eine der schönsten Einzelfiguren ist von Alfred Mertens aus den Vierzigerjahren: Peterchen mit Strampelanzug in einer großen Mondsichel.
PFEIL, STUTTGART-VAIHINGEN: Es gibt einen kleinen Wanderer mit Stock und Stiefeln vom Hersteller „Pfeil“. Auf dem weißen Aufkleber steht „Pfeil (mit Asterisk-Sternchen daneben), Handgemalt, Stuttgart-Vaihingen.“ Interessant sind die weißen Streifen auf dem grünen Dreiecks-Sockel, denn das Holzbild stammt aus einer Sammlung von mehreren Figuren, die alle Streifen auf den jeweiligen Dreiecks-Sockeln haben, jedoch keine Rückseiten-Kennzeichnung. Es kann Zufall sein, zumal die anderen Figuren aus etwas dünnerem Holz sind (wenngleich vermutlich ebenfalls aus den 1930er Jahren), aber ich möchte sie erwähnen, weil sie besonders markant sind: Ein Schneewittchen im hellblauen Kleid, das mit erhobenem Finger einen Zwerg ermahnt, ein Barfuß-Kerzenmädchen im gelben Nachthemd, ein auf einem Bein kniendes Aschenputtel in Blautönen und ein besonders ängstlich dreinschauendes Rotkäppchen.
POLKA DOTS: Polka Dots sind eine reizende Bezeichnung für gleichmäßig angebrachte Punkte auf einfarbigem Hintergrund. Dieses Punkte-Muster hat etwas Fröhliches an sich und ist häufig auf Kleidung zu finden, aber auch auf einigen der historischen Holz-Wandfiguren. Beispiel: Der fröhliche Hampelmann „Zwerg“ mit großen blauen Augen aus den Siebzigerjahren, auf dessen Rückseite „Gruner Witkop“ steht – ein Zweitname von Mertens.
PRESSSPAN-FIGUREN: Es gibt einige Wandfiguren aus dem letzten Jahrhundert, die nicht aus Holz gearbeitet sind, sondern aus dem Material Hartfaser, auch Pressspan oder Presspappe genannt. Diese Figuren sind aus Holz, Klebstoff sowie unterschiedlichen Zusatzstoffen zusammengesetzt und haben meist eine geriffelte Rückseite. Ich kenne zum Beispiel zwei Serien von Presspappe-Bildern, die aus der ehemaligen DDR stammen sollen: Die eine Serie besteht aus Märchenmotiven, die andere aus 1970er-Kindern, beispielsweise mit Rollschuhen oder Strickzeug.
PSYCHEDELISCHE ELEMENTE: Vor allem Mertens-Kunst hat seine Märchen-Holzbilder im Laufe der Jahrzehnte immer wieder der aktuellen Mode, dem aktuellen Design angepasst; man findet zum Beispiel in den 1960er und 1970er Jahren auch psychedelische Elemente auf den Mertens-Holzbildern. Sie wurden allerdings dezent verwendet; man erkennt sie oft erst auf den zweiten Blick. Bei einem Brüderchen und Schwesterchen von 1968 hat das Mädchen-Kopftuch psychedelische Kreise; und bei einem Schneewittchen von 1973 (mit der weißen Blume im Haar) ist es das Kleid, das unten am Saum psychedelisch anmutende Verzierungen hat.
PUPPENMÜTTER: Viele Hersteller von Märchen-Holzbildern hatten auch die beliebten Puppenmütter im Programm. Neben der Puppe wurden häufig auch folgende Beigaben gezeigt: Puppenwagen, Wiege, Babytragetuch, Teddies oder ein Löffel zum Füttern. Auch die Haarfarben waren unterschiedlich, denn die meisten menschlichen Puppenmütter wollte auch gerne ein Puppenmutter-Holzbild mit ihrer eigenen Haarfarbe haben. Die schwarzhaarige Puppenmutter von Mertens hat einen reizenden weißen Blumenkranz auf dem Kopf. Mein Favorit ist die tanzende Puppenmutter mit Zöpfen, ebenfalls von Alfred Mertens, aus den Fünfzigerjahren.
RAHMEN-ARBEITEN: Es gab im letzten Jahrhundert auch Märchen-Holzbilder und Laubsägearbeiten mit einem Rahmen, der meist rechteckig, manchmal aber auch rund oder oval war. Die Hobbyarbeiten mit Rahmen waren besonders schwierig auszuführen, denn es bedeutete zusätzliche Sägekunst. Es gab nur wenige Kunstgewerbe-Manufakturen, die Rahmen-Arbeiten hergestellt haben. Eine Manufaktur hat mehrere Figuren mit Rahmen hergestellt, vor allem eine niedliche Dirndl-Gänsemagd im grünen Rahmen, die ich schon häufiger gesehen habe. Ein Exemplar davon trägt folgenden Stempel auf der Rückseite: „Kunstgewerbe Rebhun [sic], Stuttgart, Lindenstr. 11“. Das könnte natürlich ein reines Kunstgewerbe-Geschäft gewesen sein, also nicht der eigentliche Hersteller: Ich nenne diese Märchen-Holzbilder aber vorübergehend „Rebhun-Figuren“, um der Manufaktur erstmal überhaupt einen Namen geben zu können. Wenn Sie den Hersteller kennen, schreiben Sie mir bitte!
RAVI, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Die Manufaktur Ravi-Kunst existierte von 1940 bis ungefähr 1970, also etwa dreißig Jahre lang. Diese Hamburger Firma wurde mitten im Zweiten Weltkrieg gegründet: Es war eine mutige Frauengründung im Jahr 1940. Aus der Kriegsgründung wurde eine Lebensgrundlage für mehrere Jahrzehnte. So entstanden Tausende von reizenden Märchen-Holzbildern, komplett handbemalt. Der Firmenname setzt sich aus den Nachnamen der beiden Künstlerinnen Erna Rath und Lisa Viertel zusammen: Ra+Vi = Ravi.
RAVI, BACKSTEINE: Eine Besonderheit von Ravi-Kunst sind die roten Backsteine. Sie bilden einen schönen Farbkontrast, beispielsweise zum typischen Blau des frühen Aschenputtels. Man findet sie unter anderem am Fenster der Frau Holle und bei den Bremer Stadtmusikanten. Die historischen Märchen-Holzbilder von Ravi-Kunst (Erna Rath und Lisa Viertel) entstanden um die vergangene Jahrhundertmitte herum und sind alle noch komplett handbemalt.
RAVI, ERNA RATHS AUSBILDUNG: Erna Rath war von Beruf Grafikerin. Sie studierte an der Landeskunstschule in Hamburg, Lerchenfeld 2. Während der Ausbildung hatte sich Erna Rath häufig der Malerei gewidmet; so entstand unter anderem ein schönes großes Gemälde von der Dünenlandschaft von Hörnum auf Sylt. In Hörnum wohnte eine Tante von ihr, so dass Erna Rath jedes Jahr dort ihren Sommerurlaub verbrachte. Nach ihrem Studium machte sie sich selbstständig; die offizielle Anmeldung war am 6.4.1940 in Hamburg und das Gewerbe lautete „Anfertigung und Bemalen von Laubsägefiguren.“ Kurz darauf kam Lisa Viertel dazu. Aus den Nachnamen Rath und Viertel entstand schließlich der offizielle Name des gemeinsamen kunstgewerblichen Betriebs: Ravi!
RAVI, ERNA RATHS GEWERBEKARTE: Erna Martha Grete Rath, geboren am 16. November 1911 in Hamburg, meldete ihr Gewerbe „Anfertigen und Bemalen von Laubsägefiguren“ am 6. April 1940 in Hamburg an. Als Betriebsstätte war unter anderem die folgende Adresse angegeben: Ferdinandstraße 45, im 1. Stock. Zum Zeitpunkt der Gewerbeanmeldung (als Einzelunternehmen) wohnte Erna Rath in Stellingen, in der Höhenstraße 15. Der zweite gut lesbare Datumsstempel (das meiste ist in Sütterlin-Handschrift geschrieben) ist der 25. August 1964, aber das kann eigentlich nicht der Termin der endgültigen Abmeldung gewesen sein, da es im Fotoalbum von Erna Rath (inzwischen im Besitz ihrer Nichte Ingeborg Wigger) noch Fotos von den „Neuheiten 1969“ gibt. „Neuheiten 1970“ sind nicht mehr dokumentiert, also kann es gut sein, dass Ravi-Kunst tatsächlich nur bis Ende der Sechzigerjahre existierte, aber nicht mehr in den Siebzigerjahren.
RAVI, FÜNF ATELIERS: Ravi-Kunst stammt aus Hamburg, somit sind alle Straßennamen der Ravi-Werkstätten Hamburger Adressen. Zuerst war Ravi-Kunst im Langenfelder Damm (etwa 1940), dann im Holzdamm (ab 1941, es existiert ein datiertes Atelierfoto von 1942), dann in der Ferdinandstraße, danach in der Kleinen Reichenstraße, und das letzte Atelier befand sich im Hopfensack 6 (etwa 1950 bis 1970).
RAVI, HAMPELMÄNNER: Ravi-Kunst aus Hamburg hat im letzten Jahrhundert viele reizende und äußerst originelle Hampelmänner hergestellt. Ich kenne zum Beispiel das schwarze „Kätzchen“ mit Dirndlkleid aus den 1940er Jahren, das in der frühen Version sogar noch eine filigrane Feder auf seinem kleinen Hut trägt. Alle Hampelmänner von Ravi sind komplett handbemalt und mit stabilen Metallverbindungen versehen: Ich habe noch nie eine Ravi-Hampelfigur mit losen Gliedern gesehen!
RAVI, KÖNIGINNEN DER HAPTIK: Erna Rath und Lisa Viertel von Ravi-Kunst ist es gelungen, die allerschönste Holzbild-Haptik zu gestalten, besonders bei den späteren Figuren aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die Figuren liegen wunderbar in der Hand, da die Oberfläche so schön glatt ist: Das lag an der Handbemalung und der dicken Lackschicht, aber auch an der hochwertigen, weichen und glatten Holzqualität. So kann man die beiden Ravi-Damen durchaus als Königinnen der Holzbild-Haptik bezeichnen, denn ihre Figuren fühlen sich einfach wunderschön an.
RAVI, LISA VIERTELS AUSBILDUNG: Lisa Viertel hat an der „Norddeutschen Fachschule für Mode“ in Hamburg studiert; danach machte sie sich als „Modezeichnerin“ selbstständig. Die Anmeldung war zum 19.02.1940, zunächst als „Hausgewerbe“, da Lisa Viertel zu dieser Zeit noch bei ihren Eltern im Hamburger Moorkamp lebte. Kurz darauf lernte sie Erna Rath kennen, und die beiden Frauen gründeten „Ravi-Kunst“: „Ra“ für Rath, „Vi“ für Viertel. Als talentierte Schneiderin gab Lisa Viertel ihren Märchen-Holzbildern unter anderem Stehkragen, Schalkragen, Unterkleider, Pudelmützen und besonders fein gezeichnete Gesichter, oft mit langen Wimpern. Sie selbst liebte es, sich schönzumachen und trug manchmal sogar falsche Wimpern. Lisa Viertel übernahm auch viele der Werbeaufträge, die Ravi-Kunst erhielt: Die Werbeaufträge von verschiedenen Hamburger Firmen waren quasi das zweite Standbein der beiden „Ravis“.
RAVI, MATROSEN: Ravi-Kunst hat um die Jahrhundertmitte herum viele kleine Hampelmann-Matrosen mit verschiedenen Texten auf der Mütze hergestellt. Sie wurden unter anderem auf amerikanischen Linienschiffen im Souvenir-Shop verkauft. Diese „Ocean Liner“ fuhren damals zwischen den USA und Europa. So steht bei vielen dieser Hampelmänner der Schiffsname auf der Kappe, zum Beispiel „S.S. United States“. Als Transatlantik-Reisesouvenir waren sie äußerst beliebte Mitbringsel. Weitere Namen auf den Ravi-Matrosenkappen waren „Hamburg“ und „M.S. Victoria“.
RAVI, MESSEZWERG: Ravi-Kunst stellte um die letzte Jahrhundertmitte herum auch auf Spielzeug- und Kindermessen aus; so wurde zum Beispiel oft die Nürnberger Spielwarenmesse besucht. Auf allen Fotos von Ravi-Messeständen kann man auch ihn sehen: den besonders großen hölzernen Messezwerg, der die einzeln ausgesägten Buchstaben des Firmennamens „Ravi-Kunst“ jongliert. War keine Messe, hing die Figur im Fenster des Ravi-Ateliers in der Hopfensack 6 in Hamburg. Diesen Jonglier-Zwerg gab es auch als Stempel: Er zierte alle Rückseiten der Ravi-Kunst-Figuren aus den 1950er Jahren. Der jonglierende Zwerg war also lange Zeit gleichzeitig das Logo von „Ra-Vi“: Erna Rath und Lisa Viertel. Geerbt hat den hölzernen Messezwerg Ingeborg („Borgi“) Wigger, die geliebte Nichte von Erna Rath.
RAVI, O-MÜNDER: Es gibt einige sehr frühe Ravi-Kunst-Figuren mit erstaunten Gesichtern, bei denen der Mund ein O formt. So kenne ich zum Beispiel einen Cowboy-Hampelmann von Ravi (wahrscheinlich gezeichnet von Lisa Viertel, dem “„vi“ in Ravi) und ein Hänsel-und-Gretel-Holzbild, bei dem Gretel ihren Bruder von der Hexe wegziehen will und ihr Mund ebenfalls ein O formt: Diese Figur ist vermutlich auch von Lisa Viertel gezeichnet. Von der inzwischen (ebenfalls) verstorbenen Johanna Gruner-Witkop vom Original Bergischer Engel weiß ich, dass in den 1940er Jahren diese O-Münder in Mode waren. Eine erfahrene Künstler-Freundin hatte Johanna Gruner-Witkop zu Beginn Tipps gegeben, wie sie ihre Figuren modern gestalten kann, und so sind auch einige frühe Figuren des Original Bergischer Engel mit O-Mündern versehen worden.
RAVI, RÜCKSEITEN: Das Alter von Ravi-Kunst-Figuren kann man an den Rückseiten ablesen. Der allererste Ravi-Stempel war sehr groß und lang mit den Wörtern „Ravi-Kunst, handgemalt, Hamburg“. Eine weitere sehr frühe Kennzeichnung war ein aufgeklebter Papierstreifen; erst danach folgte der bekannteste Stempel mit dem jonglierenden Zwerg. Zum Schluss wurden zwei Handstempel benutzt, die nur noch Texte zeigten: Das Motiv der Figur und der Name der Manufaktur.
RAVI, SCHNEEWITTCHEN: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz.“ Ich kenne mehr als zehn verschiedene Ravi-Kunst-Schneewittchen – die meisten in gelben Kleidern. Selbst die beiden Versionen mit hellblauem und rosa Kleid tragen ein gelbes Unterkleid. Nur zwei sehr alte Ravi-Schneewittchen (frühe 1940er) hatten ganz einfarbige Kleider: Eines war rosa und das wohl älteste trug ein weißes Kleid; es hat auch den sehr alten, breiten Ravi-Kunst-Stempel. Das Schneewittchen hat sehr lange Haare, die unten ausgesägt sind, was die Figur zerbrechlicher macht als die späteren Ravi-Holzbilder.
RAVI, WER HAT’S GEZEICHNET? Jedes Ravi-Kunst-Gesicht wurde im letzten Jahrhundert handgezeichnet, direkt auf das Holz. Und jedes einzelne Ravi-Gesichter stammt entweder von Lisa Viertel oder von Erna Rath. Auch die weiteren Umrisse der Figur wurden von einer der beiden „Ravis“ gezeichnet (Ra wie Rath, Vi wie Viertel). Das Ausmalen der Kleidung und der Ränder wurde meist von anderen übernommen, zum Beispiel von „Fräulein Jalass“ in den 1940er Jahren und Wolf Paetow, dem Schwager von Erna Rath, in späteren Jahren. Die besonders zarten und feinen Gesichter stammen von Lisa Viertel; zart und fein wie Lisa Viertel selbst und oft mit sehr langen Wimpern – ebenfalls wie Lisa Viertel selbst. Der eindeutigste Hinweis auf die Zeichnerin der Gesichter ist jedoch das Entstehungsdatum, wenn man es denn kennt: Alle Ravi-Figuren, die nach 1963 entstanden sind, wurden von Erna Rath allein gezeichnet, da Lisa Viertel die Manufaktur 1963 verlassen hatte.
RAVI, WERBEAGENTUR: Der Hersteller Ravi-Kunst hat im letzten Jahrhundert nicht nur Märchen-Holzbilder produziert, sondern war zugleich eine Art Werbeagentur für viele Hamburger Geschäfte, Firmen und Zeitungen. Eine „Postwurfsendung“ mit dem Titel „Das Geheimnis der Frau!“ warb damals für eine „Zuschneideschau“ am 12. März 1949 im Hamburger „Schmidt’s Gasthof“, wo Frauen die Neuheit „Der leichte Schnitt“ für das Heimschneidern kennenlernen sollten; Unkostenbeitrag 30 Pfennig. Die elegante Frau mit Wespentaille auf dem Werbezettel stammte aus Lisa Viertels Feder. Es wurden auch kleine Geschichten für Hamburger Werbezeitungen geschrieben und illustriert, zum Beispiel „Das dicke Dackelchen Dumm“ mit auf Dackel reitenden Zwergen. Zur Geschichte „Klaas und Antje Tulipantje“ wurde ein Wohnschiff namens Antje gezeichnet; wieder mit Zwergen. Für einen Katalog der historischen „HaReFa“ (Hamburger Regenmäntel-Fabrik) zeichnete Lisa Viertel fast 100 verschiedene Regenmantel-Modelle.
RAVI, MITARBEITER WOLF PAETOW: Wolf Paetow war der Schwager von Erna Rath, der Gründerin von Ravi-Kunst. Er war ein leidenschaftlicher Schauspieler, der unter anderem in seiner Heimatstadt Hamburg am berühmten Thalia-Theater über viele Jahre hinweg auftrat, aber auch in anderen Städten. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs kam es jedoch in Dresden zu einem äußerst tragischen Unfall, als bei Löscharbeiten nach einem Bombenangriff im Theater direkt neben ihm ein Ofen explodierte: Fortan war Wolf Paetow taub. Nach der Heimkehr in Hamburg arbeitete er regelmäßig für Ravi-Kunst, bis ins hohe Alter. Es gibt ein Foto, von seiner Tochter Ingeborg Wigger auf 1974 datiert, das ihn zu Hause an seinem Wohnzimmertisch zeigt, wie er den Rand eines Holzbildes sorgfältig und konzentriert bemalt, acht weitere Ravi-Kunst-Figuren vor ihm aufgereiht. Wolf Paetow starb 1977 im Alter von achtzig Jahren.
RAVI, ZERWÜRFNIS: Etwa zwanzig Jahre lang waren Erna Rath und Lisa Viertel von Ravi-Kunst allerbeste Freundinnen. Die Freundschaft zerbrach Anfang der 1960er Jahre, vor allem wegen der langen Arbeitszeiten: Alle Wandfiguren wurden komplett handbemalt, und das hieß oft Zeichnen und Malen bis in die Nacht hinein, oft auch am Wochenende. Heute würde man sagen: Lisa Viertel litt zunehmend an ihrer schlechten Work-Life-Balance. Sie sehnte sich nach der Möglichkeit eines Privatlebens und stieg aus dem Betrieb aus, was Erna Rath der einst geliebten Freundin bis an ihr Lebensende nicht verzeihen konnte.
RAVI, ZWERGENWERKSTATT: Lisa Viertel und Erna Rath hatten einen Spitznamen für ihre Manufaktur – sie haben das Ravi-Kunst-Atelier immer „Zwergenwerkstatt“ genannt. Daran kann sich der Großneffe von Erna Rath, Ulrich Wigger, im neuen Jahrtausend noch gut erinnern, denn er hatte als Kind den Betrieb (damals im Hamburger Hopfensack 6) häufig besucht. Besonders lebhaft erinnert er sich an einen Apparat, der ihn damals sehr faszinierte: Es war das Stanzgerät, mit dem die doppelseitigen runden Nieten an den Hampelmännern befestigt wurden. Diese Nietenpresse war auch das Geheimnis hinter der Stabilität der Ravi-Kunst-Hampelmänner: Die Nieten waren immer aus Metall, selbst noch in den 1970er Jahren, als Hersteller wie Mertens und Grossmann längst auf Nieten aus Plastik umgestiegen waren.
REBHUN, RAHMEN-ARBEITEN: Vermutlich in den 1930er Jahren gab es einen Hersteller, der Märchen-Holzbilder als rechteckige Rahmen-Arbeiten produzierte. Ich kenne mehrere Exemplare einer niedlichen Dirndl-Gänsemagd im grünen Rahmen, eine davon mit diesem rundem Rückseitenaufkleber: „Kunstgewerbe Rebhun [sic], Stuttgart, Lindenstr. 11“. Das wird wohl ein Kunstgewerbe-Geschäft gewesen sein, also nicht der eigentliche Hersteller, aber vorläufig nenne ich diese Figuren so. Weitere Motive waren ein reizendes Blumenstrauß-Rotkäppchen, ein Hänsel und Gretel mit Hörnchen/Croissant und ein niedliches Mädchen mit breitkrempigem Hut. Weiß jemand mehr über diesen Hersteller? Bitte schreiben Sie mir!
REINIGUNG: Tatsächlich ist die Reinigung der alten Märchen-Holzbilder ein Problem! Ich hatte die Gelegenheit, dazu eine Expertin zu befragen, Birgit Linnhoff, Diplom-Restauratorin im Restaurierungszentrum Kiel. Sie riet vehement dazu, die alten Wandfiguren überhaupt nicht zu reinigen, höchstens mit einem weichen Pinsel den Staub zu entfernen. Die oberste Schicht sei ein Schutz, den man nicht durch Reiben oder gar Flüssigkeiten entfernen dürfe, auch nicht mit Wasser, nicht einmal mit milden Reinigungsmitteln. Ich selbst habe viel mit der Reinigung experimentiert und es ist tatsächlich so, dass die oberste Schicht (Firnis/Schutzlack) für eine Figur oft der größte Schutz ist: Ganz zu Anfang hatte ich einmal eine schöne antike Heller-Figur matt geputzt. Zuvor glänzte sie, aber nachdem einige Flecken entfernt worden waren, sahen die Farben traurig aus und leuchteten nicht mehr. Es empfiehlt sich also, wenn man Bilder reinigen möchte, dies sehr vorsichtig zu tun und ggf. erst an einer unauffälligen Stelle zu testen, wie die Farben reagieren.
RIE-BILDER: Die „Rie-Bilder“ waren vermutlich späte Figuren der Münchner-Kunst, aus den 1970er Jahren. Sie sind größer, aus dickerem Holz und haben eine geweißte Rückseite. Auf einigen findet man folgenden Stempel: „Rie-Bilder ges. gesch.“ Manche Motive sind fast gleich, zum Beispiel die rote Froschkönig-Prinzessin auf blauem Herz-Sockel: In den 1950er-Jahren 17 cm klein, als Rie-Bilder 27 cm groß. Die Größe, das dicke Holz sowie der halbrunde Wiesen-Sockel erinnern an die frühen „Münchner Kinder-Wandbilder“ aus den 1930er-Jahren. War es ein „Back to the Roots“? Der Name „Rie-Bilder“ könnte von „Riederer“ kommen; die Manufaktur wurde in den 1950er und 1960er Jahren von Gerhard Jaeger und Josef Riederer geführt. Die späteren Besitzer der Münchner-Kunst hießen anders: Emil Knies und danach E. Hübner. Die Abmeldung war am 4.12.1981.
RÜGEN-MÄRCHENKUNST: Die Figuren dieser Manufaktur haben einen Stempel oder einen Aufkleber auf der Rückseite. Beide zeigen den Namen „Rügen-Märchen-Kunst“ und einen tanzenden Musikanten. Bisher kenne ich nur Zwerge mit wunderbar viel Goldfarbe, aber es gibt sicher auch klassische Märchenmotive, zumal das Wort „Märchen“ ausdrücklich im Namen des Herstellers steht. Wissen Sie vielleicht mehr über die wunderbare „Rügen-Märchenkunst“? Bitte schreiben Sie mir!
RUMPELSTILZCHEN: Die allermeisten Rumpelstilzchen-Holzbilder aus dem 20. Jahrhundert zeigen es mit dem berühmten Lagerfeuer. Der böse Brüder-Grimm-Gnom tanzt darum herum, schmiedet Pläne und ist voller Vorfreude. Aber es gibt Ausnahmen: Da sehen wir auch die (oft weinende) Müllerstochter zum Beispiel mit dem Stroh, das sie zu Gold spinnen soll. Und neben ihr das Rumpelstilzchen, das seine Hilfe anbietet und jedes Mal sinngemäß wissen will – „Was kriege ich dafür?“ Mein Favorit unter den Rumpelstilzchen ist die Art Deco Mertens-Figur aus den 1930er Jahren, wo das Rumpelstilzchen wie eine große Elfe aussieht, mit grünem kurzen Hoodie und nackten Beinen.
SANDMANN, SANDMÄNNCHEN: Der Sandmann ist ein häufiges Motiv auf den Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert. Zuerst gab es den klassischen Sandmann: „Der Sandmann“ ist eigentlich ein Märchen von Hans Christian Andersen, aber schon vorher schrieb E.T.A. Hoffmann eine (gruselige) Geschichte mit dem gleichen Titel. 1959 war die „Geburt“ von „Unser Sandmännchen“ in der DDR und etwas später folgte das BRD-Sandmännchen. Der Unterschied ist leicht zu merken: spitzer Bart = Ost-TV-Sandmännchen und breiter Bart = West-TV-Sandmännchen.
SCHAUFENSTERDEKO, SONDERANFERTIGUNGEN: Einige Manufakturen haben um die letzte Jahrhundertmitte herum auch Sonderaufträge angenommen; oft ging es dabei um besonders große Märchen-Holzbilder für die Schaufenster von Spielzeugläden, oft aus dickerem Holz. Von Mertens gab es zum Beispiel die Frau Holle mit Goldmarie und Pechmarie; von Heller stammen unter anderem der riesige Art Deco Rattenfänger, das schwangere Schneewittchen mit der Zwergenhand auf dem Bauch sowie ein großer weihnachtlicher Lebkuchen-Zwerg. Heller hat auch viele Aushängeschilder für Geschäfte und Hinweisschilder angefertigt, unter anderem für Apotheke, Schwimmbad und Wanderwege. Auch Wandfiguren für Ärzte kenne ich, zum Beispiel eines mit einer Kinderärztin und eines mit Kranken, die gerade nach dem Weg zum Dorfarzt fragen – beides große Sonderanfertigungen.
SCHLÜSSELBRETTER: Einige der alten Märchen-Holzbild-Manufakturen haben auch Schlüsselbretter hergestellt, zum Beispiel gab es eine reizende Jahrhundertmitte-Puppenmutter mit weit ausgestelltem Rock von Mertens. Ravi hat sehr viele Schlüsselbretter produziert, häufig waren es Zwerge mit kleinen Tieren wie Schnecken oder Küken. Von Graupner kamen Laubsägevorlagen, aus denen Hobbyarbeiten entstanden: Als Motive waren zum Beispiel die Bremer Stadtmusikanten und die sieben Schwaben sehr beliebt.
SCHNEEWITTCHEN-ZWERGE: Das Märchen-Holzbild vom Schneewittchen wurde meist mit einem oder zwei kleineren Zwergen dargestellt. Die fünf oder sechs fehlenden Zwerge wurden häufig als zusätzliche Einzelfiguren produziert. Sie bekamen verschiedene Attribute, wie zum Beispiel Laterne, Blaubeere, Geschenk, Krone, Fliegenpilz, Marienkäfer, Apfel, Blatt, Axt oder Flöte. Zehntausende dieser Mini-Gnome kamen von den großen Manufakturen wie Mertens, Heller und Ravi. Aber es gab auch weitere Hersteller, unter anderem die fast vergessenen „Irmscher Figuren“ aus der Karl-Marx-Stadt (DDR, heute wieder Chemnitz genannt). Die Irmscher Figuren hatten schöne kleine Schneewittchen-Zwerge produziert, alle auf einem grünen Wiesen-Sockel mit kleinen Blümchen.
SHABBY CHIC: Viele Sammler von Märchen-Holzbildern sind an einer guten Erhaltung interessiert. Da aber die meisten dieser Figuren damals tatsächlich als Kinderspielzeug gedacht waren, ist es nicht verwunderlich, dass viele der alten Figuren, die es ins neue Jahrtausend geschafft haben, Beschädigungen aufweisen: Das können zum Beispiel Abbrüche, Macken, Flecken, Kratzer, Farbabrieb, Verfärbungen oder Wasserschäden sein. Derartige Ware wird heutzutage manchmal mit der Beschreibung „Shabby Chic“ angeboten – das weist einerseits auf Beschädigungen hin und deutet andererseits an, dass auch solche Figuren durchaus ihren Charme haben können, teilweise sogar bewußt für ein Projekt oder eine Dekoration ausgewählt werden, zumal sie in der Regel günstiger zu haben sind als gut erhaltene Sammlerstücke.
SIEBDRUCK: Frau Gruner-Witkop vom „Original Bergischer Engel“ erzählte mir im neuen Jahrtausend, dass ihre Manufaktur in den 1950er Jahren auf die Siebdrucktechnik umgestiegen war. Dafür hatte sie einen einwöchigen Kurs besucht. Fast alle großen Manufakturen wechselten in den 50er oder 60er Jahren zum Siebdruck, der allerdings anfangs immer noch viel zusätzliche Handarbeit bedeutete: Die Ränder der Märchen-Holzbilder wurden zunächst weiterhin noch mit Hand bunt bemalt und manche Farbübergänge oder kleinen Fehler wurden ebenfalls mit dem Handpinsel korrigiert. Von Heller weiß ich, dass die Gesichter und Hände in der ersten Siebdruckphase noch komplett mit Hand gezeichnet wurden.
SIEBENMEILENSTIEFEL: Siehe Der kleine Däumling!
SIEBZEHN-TAUFEN-SAMMLUNG: Eine Familie hat im letzten Jahrhundert über mehrere Jahrzehnte hinweg eine wunderschöne Tradition gehabt, bei der jedes Kind bei seiner Taufe eine Märchen-Holzbild-Leihgabe bekam: Das hatte in den 1930er Jahren begonnen. Wenn das Kind dann drei oder vier Jahre alt war, wurde die Figur zurückgegeben, für das nächste Baby. Deshalb stehen auf den Holzbildern aus dieser Sammlung auf den Rückseiten viele Kindernamen untereinander, teilweise mit Datum. Eine Figur hat 17 Taufen erlebt: Es war eine große Familie mit vielen Kindern, Nichten, Neffen, Enkeln und Urenkeln. Vielleicht gab es auch Ausnahmen, wenn ein Kind besonders an einer Figur hing: Das älteste Holzbild dieser Familie ist ein sehr frühes Heller-Rotkäppchen, auf der nur ein einziger Name steht, der Name Jörg.
SIGNO: Signo war ein Vorlagen-Hersteller in der ehemaligen DDR, der auch Brüder-Grimm-Motive als Laubsägearbeiten (Papiervorlagen) im Programm hatte. Signo war gleichzeitig der Nachfolger von Hartmann („Hartmanns patentierte Laubsäge-Vorlagen“) aus den 1930er Jahren; sehr viele Motive waren gleich oder ähnlich. Die Vorlagen erschienen häufig als kleine Hefte im Querformat (etwa in DIN A5 Größe), oft mit dem Titel „Laubsäge-Vorlagen zum Aufbügeln“ – Es gab aber auch Faltbögen. Markante Motive sind zum Beispiel der aufrecht laufende anthropomorphe Froschkönig mit Cape und Krone, der Hans im Glück mit dem berühmten Goldklumpen auf der Schulter, das Rumpelstilzchen mit einer sehr seltsamen Mütze, die wie ein Tannenzapfen aussieht und das Dornröschen, dem die böse Fee (mit einer altmodischen Haube) die Spindel reicht.
SILVA: Das Besondere an „Silva“ (vermutlich aus den 1930er Jahren) sind die äußerst originellen Sternzeichen-Zwerge. Der Waage-Zwerg hält eine Handwaage und der Stier-Zwerg hat einen Stier als Nachziehspielzeug. Neben dem Wort „Stier“ stehen sogar die Stier-Daten auf dem Rückseitenstempel: „20.4.–20.5.“. Bei anderen Silva-Wandfiguren fallen die sehr runden Formen auf: Die Silva-Gänsemagd steht in einem komplett grünen Kreis als Sockel, und selbst ihr blonder Haarschopf ist abgerundet. Bei einem Rumpelstilzchen, das in einem fast runden Feuerkreis tanzt, fehlt der Herstellername, aber es könnte durchaus eine Figur von Silva sein – mit dem gerundeten kurzen Kleidchen über der engen Hose. Die Ausstrahlung dieser Figur ist ähnlich wie die der Silva-Gänsemagd, zumal in beiden Holzbildern viel Bewegung steckt, die ebenfalls etwas Rundliches an sich hat: Das ist auch bei den Sternzeichen-Zwergen so, die noch dazu weiße Puffärmel haben.
SOLDATENKÄUFE: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Soldaten der Siegermächte (Alliierte) in Deutschland stationiert. Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen gehörten zu den jeweiligen Besatzungszonen. Vor allem die amerikanischen Soldaten kauften gerne Märchen-Holzbilder für ihre Kinder daheim. Das war auch wichtig für die Manufakturen, denn die meisten Deutschen konnten sich die teuren Figuren aus Kunstgewerbeläden und Spielzeuggeschäften damals überhaupt nicht mehr leisten.
SONDERANFERTIGUNG WZ: Von diesem Hersteller kenne ich bisher nur Wandfiguren aus Pappe, die vermutlich aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs stammen. Das Besondere an diesen kleinen Kinder-Wandfiguren ist der Gesichtsausdruck, der häufig starke Gefühle zeigt: Der kleine Däumling in seinen Siebenmeilenstiefeln hat ein gequältes Gesicht, Hänsel und Hänsel und Gretel schauen äußerst misstrauisch und über dem Rotkäppchen schwebt ein lauernder, geifernder Wolfskopf mit gebleckten Zähnen. Alle Figuren haben auf der Rückseite folgenden Stempel: „Sonderanfertigung WZ, Handgemalt“.
STERNENBAUM: Das Sternenbaum-Mädchen von Hellerkunst gibt es in zwei Versionen; mit Sockel und ohne Sockel. Die Figur mit Sockel stammt von Magda Heller und zeigt ein Lockenkopf-Mädchen. Die etwas spätere Überarbeitung hat vermutlich Ralf Heller entworfen, der Sohn von Magda und Georg Heller. Ralf Heller hat in zweiter Generation die Leitung von Hellerkunst übernommen. Auch Ravi hat einen Sternenbaum entworfen, da liegt das Mädchen schlafend unter dem Baum, mit einem kleinen schmalen Teddy in der Hand.
STERNSINGER: Manchmal findet man einen Sternträger auf den alten Märchen-Holzbildern. Dann weiß man, welches Motiv gemeint ist: Es ist das Sternsingen am Dreikönigstag (6. Januar), wo Kinder sich als die drei heiligen Könige (traditionell genannt Caspar, Melchior und Balthasar) verkleiden und immer auch einen Sternträger dabei haben. Von Magda Heller stammt ein schöner Sternträger-Zwerg: Die frühe Version (1930er) hat einen weißen Schnee-Sockel und der Zwerg hat einen Bart. Die späte Variante stammt aus den 1960er Jahren, wurde aber auch in späteren Jahrzehnten noch reproduziert: Ohne Sockel, aber dafür hat der Zwerg auf seinem grauen Cape die schönen dicken Schneeflocken.
STRUWWELPETER: Das 1845 erschienene Struwwelpeter-Buch stammt von dem Arzt Heinrich Hoffmann. Nur selten findet man die Struwwelpeter-Motive auf den Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert. Das liegt sicher daran, dass die Struwwelpeter-Geschichten mit ihren abschreckenden Beispielen zur „schwarzen Pädagogik“ gehören. Den Struwwelpeter kenne ich als Hampelmann (zum Beispiel von Mertens und Original Bergischer Engel). Von Ravi gibt es neben dem Struwwelpeter selbst auch das Motiv Hans-guck-in-die-Luft als Wandfigur. Die originellste Figur stammt von der Manufaktur EW-Figuren. Da hat der Struwwelpeter die typischen großen Augen der EW-Figuren und seine lang ausgestreckten Finger haben lange schwarze Fingernägel: Sie sehen aus wie lackiert.
SYNONYME FÜR HERSTELLER: Wie kann man all die Hersteller bezeichnen, die im letzten Jahrhundert Märchen-Holzbilder produziert haben, und zwar nicht als Hobbyarbeiten, sondern in höheren Auflagen, für den Verkauf bestimmt? Mir sind inzwischen viele verschiedene Wörter für diese Hersteller begegnet. Hier einige Beispiele: Kunstgewerbe-Manufaktur, Kunsthandwerksbetrieb, Kunstwerkstätte, Holzverarbeitender Betrieb, Kunstgewerblicher Hersteller, Kunstgewerblicher Betrieb, Kunstgewerbliche Holzverarbeitung (VEB Meißen, DDR), Holzkunst (VEB Dresden BT III. Meißen) und auch Kunstgewerbe-Werkstätten (VEB Olbernhau).
TAGESZEITEN-SERIEN: Fast alle großen Märchen-Holzbild-Manufakturen haben sie hergestellt, die Figuren mit den Tageszeiten-Kindern. Morgens und abends wurden oft von Sonne und Mond begleitet, aber auch von Nachthemd oder Schlafanzug. Die Tagsüber-Tätigkeiten waren häufig die Mahlzeiten, das Spielen oder auch der Mittagsschlaf. Von Mertens gab es in den Fünfzigerjahren einen Jungen und ein Mädchen, die jeweils mit ausgesteckten Armen die aufgehende Sonne begrüßen. Ich nenne sie so: Das „Guten-Morgen-Mädchen“ und der „Guten-Morgen-Junge“.
TERI: Dieser Hersteller stammt aus der DDR, eventuell auch aus dem Erzgebirge. Teri hat zum Beispiel sehr hochwertige Schlüsselhalter aus dickem Holz hergestellt, mit Kindermotiven. So gibt es ein reizendes Mädchen mit Baskenmütze und eines mit Blumenkranz.
TILL EULENSPIEGEL: Der meist im Narrenkostüm (Hofnarr) dargestellte Till Eulenspiegel lebte vor etwa 700 Jahren. In der Stadt Mölln finden regelmäßig die Eulenspiegel-Festspiele statt, die an seine Streiche und seine Klugheit erinnern. Auf den Wandfiguren des 20. Jahrhunderts findet man ihn eher selten. Das schönste Till-Eulenspiegel-Holzbild stammt von Mertens: Es ist eine Art Deco Figur mit sehr langer, filigran ausgesägter Narrenkappe, die ihm fast bis zu den Knien reicht. Da kommt Till Eulenspiegel sogar ohne seine beiden Attribute aus (Eule und Spiegel) und man erkennt ihn trotzdem.
TISCHLEIN DECK DICH: Das Brüder-Grimm-Märchen „Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ bedient drei menschliche Grundbedürfnisse. Alle drei ergeben, was jeder sich wünscht: 1. Immer genug zu Essen (der Tisch) 2. Immer genug Geld (der Goldesel) 3. Immer genug Schutz gegen böse Menschen (der Knüppel aus dem Sack). Man findet die drei Motive als Hobbyarbeiten (Laubsägearbeiten zum Beispiel nach Vorlagen von Graupner und Dullien). Die Dullien-Vorlage ist ein sehr hohes Holzbrettchen mit dem „Tischlein“ unter einem großen Baum. Als Manufakturen-Arbeiten erschienen die Motive zum Beispiel von Heller und Ravi. Heller hat gleich zwei Figuren zum „Tischlein“ entworfen: Auf beiden sieht man den ältesten Schneidersohn, aber nur auf einem der beiden Tischchen steht eine Weinflasche, und zwar bei der späteren Variante. Insgesamt ist das Motiv aber eher selten auf den Märchen-Holzbildern aus dem letzten Jahrhundert zu finden.
ÜBERGRÖSSE: Ungewöhnlich große Figuren wurden eher in den frühen Jahrzehnten der Märchen-Holzbild-Ära hergestellt und sind selbst in dieser Zeit eher selten. Alle Manufakturen gingen schließlich zu den kleineren Versionen über. Beispiel: Von Heller gab es in den 1930er Jahren das sehr große Dornröschen mit dem Thron-Kissen. Um 1960 herum erschien die viel kleinere und schmalere Version: Das Blumenkleid-Dornröschen.
UNBEKANNTE MANUFAKTUREN: Es gab im letzten Jahrhundert sehr viele Hersteller von Märchen-Holzbildern; es waren sicher viele Hundert verschiedene. Ich bin immer froh, wenn ein Herstellername auf der Rückseite einer Figur steht. Oft ist das aber nicht der Fall und ich bin auf Hinweise von anderen angewiesen. Wenn Sie etwas über mir unbekannte (oder auch bekannte) historische Holzbild-Manufakturen wissen, melden Sie sich bitte! So viel Wissen ist schon verloren gegangen, aber manchmal können sich die Nachfahren einer Manufaktur, zum Beispiel Enkel oder Urenkel noch daran erinnern oder jemand kennt jemanden, der bei einem Hersteller der alten Wandfiguren gearbeitet hat, in Deutschland oder auch in anderen Ländern, vie zum Beispiel den Niederlanden.
V.D. ATELIER, BRUXELLES: Von diesem alten Hersteller aus Brüssel (Belgien) kenne ich eine Sammlung von Kindern und Leuten, die zusammen eine Art mittelalterliche Dorfszene ergeben. Die Wandfiguren stammen vermutlich aus den 1940er Jahren. Ein Mädchen trägt ein Trachtenkleid und eine Frau ebenfalls, wobei ihre Haube eher mittelalterlich wirkt. Die Figuren sind handbemalt und haben keinen Sockel. Von den 15 Figuren zeigen knapp die Hälfte den rechteckigen eingerahmten Stempel des Herstellers auf der Rückseite. Es ist folgender Text: „Atelier V.D. Bruxelles“.
VEB MEISSEN/DRESDEN: Die Deutsche Demokratische Republik (1949-1990) hat einige, aber nicht alle Hersteller von Märchen-Holzbildern in VEBs umgewandelt oder sie einem VEB zugeordnet. Das betraf auch die große Manufaktur von Kurt Süß: Aus ihr wurde der „VEB Kunstgewerbliche Holzverarbeitung Meißen“, später „VEB Holzkunst Dresden BT. III“ Meißen genannt. Das BT steht für Betriebsteil.
VEB OLBERNHAU: Die Deutsche Demokratische Republik (1949-1990) hat einige, aber nicht alle Hersteller von Märchen-Holzbildern in VEBs umgewandelt beziehungsweise sie einem der VEBs zugeordnet. Das betraf unter anderem Edelholz Freiberg, einen großen Hersteller von Kinder-Wandfiguren. So wurde Edelholz Freiberg schließlich dem „VEB Kunstgewerbe-Werkstätten Olbernhau“ zugeordnet, und von da an stand auf den Figuren-Rückseiten der neue Name.
VERSCHENKJAHR: Wenn Sie ein Märchen-Holzbild in den Händen halten, auf dem eine Widmung von 1963 steht, heißt das nicht, dass diese Figur auch 1963 hergestellt wurde. Theoretisch könnte die Figur sogar aus den frühen 50er Jahren stammen, obwohl sie 1963 in einem Kunstgewerbe-Geschäft gekauft wurde: Kein Kunstgewerbeladen bestellt jedes Jahr seinen kompletten Lagerbestand neu. Das Herstellungsjahr und das Verschenkjahr der historischen Märchen-Holzbilder ist also nicht automatisch identisch.
VIGIER WERKSTATT: Von der Vigier Werkstatt kenne ich bisher nur Hampelmänner, zum Beispiel ein Rotkäppchen im roten Dirndl mit einem großen beweglichen Korb in der Hand. Die anderen Figuren sind ein freundlich blickender orangeroter Till Eulenspiegel, ein gestiefelter Kater mit einem Hampelhut in der Hand und ein Matrosenjunge. Auf der Rückseite findet man entweder einen runden Aufkleber oder einen runden Stempel. Auf beiden steht Folgendes: In der Mitte ein großes V über einem großen W; und ganz oben und ganz unten jeweils die Wörter „Vigier„ und „Werkstatt“. Die Figuren entstanden um die letzte Jahrhundertmitte herum.
VOBACH: Die allerersten Laubsägevorlagen von Vobach mit echten Märchenmotiven stammen aus den 1930er Jahren; es waren zum Aufbügeln gedachte Abplättmuster. Es erschien immer ein großes Faltblatt, das sehr klein zu einer Art Heft zusammengelegt und leicht verklebt wurde. Es gab die verschiedensten Themen; eines mit Brüder-Grimm-Motiven hieß „Vobach-Aufbügelmuster, Nr. 31711 K, 6 Märchenfiguren in Laubsägearbeit als Christbaumschmuck“. Vorne war eine kleine Lebkuchengretel zu sehen. Ein ähnliches Heft zeigte ein hübsches Brüderchen und Schwesterchen mit Blumenkranz als Cover. Die meisten fertigen Vobach-Figuren, die ich kenne, wurden nicht als Christbaumschmuck gefertigt, also ohne ein Aufhängeband. Es hatte übrigens auch 1920 schon ein Buch mit Laubsägearbeiten von einem Verlag „W. Vobach“ gegeben. Der Titel lautete: „Arbeiten aus Zigarrenkistenholz”. Ich bin mir jedoch inzwischen nicht mehr sicher, ob da ein Zusammenhang besteht.
WÄHRUNGEN: Auf den Rückseiten der Märchen-Holzbilder aus dem letzten Jahrhundert findet man häufig noch die Preise, die von Kunstgewerbeläden oder Spielzeuggeschäften damals verlangt wurden. Selten steht allerdings dabei, um welche Währung es sich handelt. Da sich die Ära der Märchen-Holzbilder von den 1920er bis zu den 1980er Jahren erstreckte, könnten es fünf verschiedene Währungen sein, die in Frage kommen, die kleineren Notgeld-Währungen nicht mitgerechnet: 1888 bis 1923: Mark, 1923 bis 1924: Rentenmark, 1924 bis 1948: Reichsmark, 1948 bis 2001: Deutsche Mark (Westdeutschland/BRD), 1948 bis 1990: DDR-Mark (Ostdeutschland/DDR).
WAS IST DAS DENN? Genau das fragte ich mich, als ich 2014 zum ersten Mal ein historisches Märchen-Holzbild in den Händen hielt. Inzwischen weiß ich, dass die Ära dieser Kinder-Wandfiguren von den 1920er bis zu den 1980er Jahren dauerte, aber wieso hatte ich diese Figuren nie zuvor gesehen, obwohl ich 1963 geboren bin? Hobby-Laubsägearbeiten kannte ich, die hatte mein kleiner Bruder damals zu Hause gebastelt, aber doch nicht solche Schätze! Später wurde mir klar: Die hochwertigen Manufaktur-Arbeiten waren damals nur für reiche Kinder, und zu denen gehörten wir nicht. Ab 2014 aber lernte ich die historischen Märchen-Holzbilder kennen und lieben und fing an, sehr intensiv darüber zu forschen, zu fotografieren und alle meine Erkenntnisse zu teilen – in inzwischen vielen Tausend Arbeitsstunden.
WEHA, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: „Weha“ steht für WEerkstätten HAupt. Diese Kunstgewerbe-Manufaktur wurde 1946, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, offiziell angemeldet. Dresden war zerstört, und der Architekt Fritz Haupt (Geburtsjahr 1913) konnte nicht mehr an seiner Hochschule unterrichten. So gründete er Weha-Kunst, später in Dippoldiswalde (Erzgebirge) ansässig. Weha ist berühmt für die kleinen Blumenkinder, aber es entstanden auch Märchen-Holzbilder. Die ersten Wandfiguren waren noch komplett handbemalt. Später ging man zum Siebdruck über. Einige der sehr frühen Märchen-Holzbilder entstanden eventuell auch schon vor der offiziellen Anmeldung 1946: Sie sollten in einem Kolonialwarenladen im zweiten Weltkrieg verkauft worden sein. Weiß jemand vielleicht mehr darüber? In der DDR war Weha enteignet worden. Der nach dem Mauerfall wiederaufgenommene Betrieb wurde im Frühling 2022 schließlich eingestellt.
WEHA, HANDBEMALT: Die ersten Wandfiguren von Fritz Haupt waren noch komplett handbemalte Art Deco Holzbilder. Sie sind kleine Meisterwerke und gehören zu den zauberhaftesten der Märchen-Holzbild-Ära. (Siehe Buchcover!) Beispiele: Das zarte Dornröschen mit den überlangen weißen Ärmeln, die Flatterrock-Gretel mit dem Pagen-Hänsel und der Rattenfänger von Hameln mit fliegendem Frack.
WEHA, SIEBDRUCK: Um 1960 herum hat auch Weha zum Siebdruck gewechselt, wobei die Ränder der Figuren immer noch zusätzlich mit Hand bemalt worden sind. Auch der Stil der Bilder änderte sich: Sie wurden insgesamt freundlicher, weniger ernst und auch deutlich niedlicher, durch die etwas größeren Köpfe (Kindchenschema). Man sah den neuen Motiven sofort die Absicht der Kinderzimmerdekoration an, wohingegen die vorherigen Art Deco Figuren sicher noch mehr Erwachsene angesprochen hatten. Zu den schönsten der „neuen“ Figuren gehörten das Schneeweißchen und Rosenrot beim Blumenkranz-Aufsetzen und das Schneewittchen im Zwergenkreis, in dem sich alle an den Händen halten und das mich sehr an den Stil der Sechzigerjahre und meine eigene Kindheit erinnert.
WERBEFIGUREN: Viele Hersteller von Märchen-Holzbildern haben Sonderaufträge für Werbung angenommen. Mertens stellte unter anderem Werbeexemplare für folgende Firmen her: Humana, Glücksklee Babykost, Irisette Bettwäsche und das ehemalige Spielwarengeschäft „Spielwaren-Kurtz“ in Stuttgart. Heller hat große Werbeschilder für Geschäfte hergestellt (zum Beispiel Apotheken und Bäcker), aber es gab auch spezielle Auflagen von kleinen Figuren wie beispielsweise eine Mini-Froschprinzessin mit der Aufschrift „75 Jahre Kinderparadies“: Das war vermutlich ein historisches Spielzeuggeschäft oder ein Fachgeschäft für Kinderbekleidung. Von Original Bergischer Engel kenne ich einen alten Schornsteinfeger-Hampelmann mit dem Aufdruck „75 Jahre Spielwaren Roskothen“. Von dieser speziellen Schornsteinfegerin besaß ich ein Exemplar, aber ich habe es Johanna Gruner-Witkop (Gründerin und Künstlerin des Bergischen Engels) bei einem Besuch in Solingen-Wald als Geschenk mitgebracht – es weckte viele Erinnerungen bei ihr.
WETTERPROPHETEN: Die hübschen Wetterpropheten auf den Wandfiguren aus dem letzten Jahrhundert waren fast immer Regenschirmzwerge mit einem Frosch. Die höchsten Auflagen hatten vermutlich die Wetterpropheten von Mertens: Ich kenne den gelben Zwerg mit rotem Regenschirm aus den 1940er Jahren (in verschiedenen Größen) und die späteren Zwerge mit dem blauen Regenschirm in verschiedenen Varianten, die alle ein oranges Cape tragen und aus den 1950er und 1960er Jahren stammen. Ein sehr origineller Wetterprophet kommt von Ravi, aus den 1940er Jahren: Da hat der Zwerg einen riesigen Fliegenpilz-Hut und keinen Frosch, dafür werden aber mehrere Arten von Wetter angedeutet, und zwar Regen, Sonnenschein und Wolken.
WIDMUNGEN: Es gibt viele wunderschöne Widmungen auf den Rückseiten der historischen Märchen-Holzbilder. Besonders glücklich macht es mich immer, wenn auch ein Datum mit einer Jahreszahl vorhanden ist. Mein absoluter Favorit hat leider keine Jahreszahl, aber die Figur stammt wohl aus den Sechzigerjahren: Es ist ein DDR-Brüderchen und Schwesterchen von der Firma Burkert aus Olbernhau im Erzgebirge, auf dessen Rückseite die Oma für den geliebten Enkel schrieb, unübertrefflich rührend – Der Text lautet: „Für meinen Reiner über sein Bettchen von deiner Oma“.
WIEGENKINDER: Die Wiege war ein beliebtes Motiv auf den alten Märchen-Holzbildern. Es gab sie mit und ohne Baldachin, mit liegenden oder sitzenden Kindern, manchmal auch mit Geschwisterkind. Die meisten großen Manufakturen haben sie produziert, oft in verschiedenen Ausführungen über mehrere Jahrzehnte hinweg. Ein sehr seltenes Exemplar stammt von Ravi: Ein Baby in der Wiege, und das ältere Schwesterchen daneben zeigt mit dem Finger nach oben, zum Vogel, der ihm zuzwitschert. Ebenfalls ungewöhnlich für Ravi: Die Figur hat einen roten Sockel – und sie ist ungewöhnlich groß.
WIENER LAUBSÄGE-VORLAGEN: Im letzten Jahrhundert erschienen als „Wiener Laubsäge-Vorlagen“ unter anderem verschiedene große Bögen in etwa in DIN A2, zum Beispiel das Motiv „Märchenbilder“ mit einem Rotkäppchen auf gezacktem Wiesen-Sockel, einem gelassen ausschreitenden Gestiefelten Kater mit einem altmodischen Schulranzen und einer Frau Holle mit einer gestärkten und gefalteten weißen Haube. Ein weiterer Bogen heißt „5 verschiedene Engel zum Bemalen als Wandbilder“. Motive: Wunschbuch, Weihnachtslieder, Kerze in der Hand, Beten (gefaltete Hände) und Laterne. Alle Engel sind detailliert gezeichnet und haben einen Heiligenschein. Unten steht der sehr originelle Name des Verlags: „Zum Laubsägemann, Wien L.“ Weitere Vorlagen waren beispielsweise Adventskränze und Krippen für Weihnachten, Nachziehtiere (Elefant, Dackel), Haustiere (Bauernhof), Wilde Tiere und Autos (wohl 1960er, mit Opel Kadett A).
WIESEN-SOCKEL-MANUFAKTUR: Ich kenne vier Bilder dieses Herstellers, und leider steht auf keinem ein Name. Es sind zum einen drei große breitformatige Schneewittchen-Figuren, die nebeneinander aufgehängt werden. In der Mitte hängt das Schneewittchen, rechts und links jeweils eine (ebenso große!) Figur mit mehreren Zwergen. Das vierte Motiv ist eine reizende Wandfigur mit den sieben Raben, einem Zaun und dem blonden Schwesterchen mitsamt dem Krug, der tatsächlich im Märchen erwähnt wird. Der Krug gehört zu dem Notgepäck, das das Kind für die Suche ausgewählt hat. Alle Figuren dieser Manufaktur, die ich bisher kenne, sind ungewöhnlich groß und breit und haben diesen wunderschönen Wiesen-Sockel. Weiß jemand den Namen? Von wann bis wann wurde produziert? Bitte schreiben Sie mir!
WINZIGE FIGUREN: Die kleinsten Größen der Holz-Wandfiguren wurden für verschiedene Zwecke hergestellt. Man verwendete sie beispielsweise für Mobiles, Kinder-Messlatten, Wanduhren, kleine Dioramen, Kerzenhalter, Tischkartenhalter und Christbaumschmuck. Grossmann Reit im Winkl hat um 1980 herum eine Serie mit verschiedenen Engelchen und Mini-Weihnachtsmännern produziert: Jede Figur steht auf einer kleinen weißen Wolke mit einem winzigen Kerzenhalter.
WIRTSCHAFTSWUNDER-FIGUREN: Märchen-Holzbilder aus den 1950er rund 1960er sind oft besonders fröhlich und unbeschwert. Die Personen auf den Kinder-Wandfiguren hatten quasi das Lächeln gelernt. Der Zweite Weltkrieg und die Hungerjahre kurz danach waren endlich vorbei, das deutsche Wirtschaftswunder hatte begonnen und viele Kinder wurden geboren – sehr viele. Deshalb spricht man auch vom Babyboom und den Babyboomern. Das waren damals die geburtenstarken Jahrgänge, zu denen ich mit dem Geburtsjahr 1963 auch gehöre. Ein Buch von 2009 von Martin Rupps trug den entsprechenden Titel: „Wir Babyboomer … Wir waren immer zu viele.“
WOLFGANG HÖRSTER: Ich vermute, dass diese Manufaktur in den 1930er, vielleicht auch noch in den 1940er-Jahren Märchen-Holzbilder herstellt hat. Dankenswerterweise sind auf der Rückseite oft gleich mehrere Stempel mit folgenden Informationen zu finden: „Werkstätten Wolfgang Hörster, Entwurf Liesel Lauterborn (?), Handgemalt, Nachahmung verboten.“ Das Interessante an den Figuren ist, dass es alles Rahmen-Arbeiten sind. Einige kenne ich als Originale, einige als Kopien der Wolfgang-Hörster-Motive. Eine Figur ist ein weißes Blumenkranz-Mädchen mit einem Prinzen im Wald: Das könnte das Brüder-Grimm-Märchen Schneeweißchen und Rosenrot sein.
WRANGEL/WRANGELL, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Karin von Wrangell (1900-1979) hat ihre Manufaktur in den 1930er Jahren gegründet, sozusagen zwischen zwei Weltkriegen. Ihre Märchen-Holzbilder sind im Art Deco Stil gehalten, mit feinen Linien und sehr kunstvoll ausgeführt. Wunderschöne Beispiele sind die Froschkönig-Prinzessin im roten Stufenkleid, das weiße Schneewittchen im Glockenblumen-Kleid und die seelenvollen Hänsel und Gretel als Einzelfiguren. Es gibt verschiedene Aufkleber und Stempel; auf den frühen Figuren steht „Karin von Wrangel [sic]“, später „Wrangell-Kunst“. Weitere Produkte waren kleine Spielfiguren, Christbaumschmuck und Dioramen, zum Beispiel mit dem Hexenhaus von Hänsel und Gretel. Leider wurde die Werkstatt im Zweiten Weltkrieg ausgebombt. Deshalb und auch aus gesundheitlichen Gründen hat Karin von Wrangell nach dem Zweiten Weltkrieg die Produktion eingestellt.
WRANGEL/WRANGELL, FIRMENGESCHICHTE: Freundlicherweise hat Ingela Storhas, die Großnichte von Karin von Wrangell, mir in mehreren E-Mails über ihre verstorbene Großtante erzählt. Sie schrieb mir am 23.8.2018: „Karin von Wrangell. geb. 30.07. 1900 in Alp (Estland) gest. 20. 06. 1979 in Schielberg bei Bad Herrenalp. Firmengeschichte: 1920/21 Ausbildung als Kindergärtnerin und Werklehrerin im Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin. Beginn einer Kunstgewerblichen Werkstatt zu Hause in Berlin. 1930 Umzug nach Lindau. Einrichtung einer neuen Werkstatt für Märchenfiguren in Lindau-Reutin mit mehreren Angestellten, Mitwirkung Prof. Gollwitzer. Die Schwester (Ingeborg) übernimmt die Vertretung auf der Leipziger Messe, internationale Exporte. Ab 1933 werden alle Auslandsaufträge annulliert. 1936 stirbt der Vater. Die Firma wird nach Stuttgart verlegt. 1944 wird bei einem Luftangriff Wohnung und Werkstatt total zerstört. Die Schwester erleidet eine Phosphorvergiftung. Die Mutter und Karin finden ein Ausweichquartier in Freiburg. 1947 wird versucht, die Firma in Welzheim wieder aufleben zu lassen mit einem Generalvertreter. Karin liefert die Entwürfe. Vielleicht entstand damals das andere Logo Wrangel-Kunst. Unter anderem wurden auch sog. Märchen-Schachteln entworfen und produziert. Dabei wurden die wichtigsten Figuren eines Märchens plastisch aus Holz ausgeschnitten zum Aufstellen, die in einer Schachtel ca. 15 x 15 cm [sic] verpackt waren. 1948 erkrankt Karin sehr schwer und muß für Wochen ins Krankenhaus. Der Betrieb meldet Konkurs an. Danach werden keine Holzfiguren mehr hergestellt. Nebenher bildete Karin sich weiter als Malerin und formgebende Künstlerin aus. Später hat sie sich bis an ihr Lebensende als Portrait-Malerin betätigt. Ich selbst besitze, außer einigen Weihnachtsbaum-Figürchen aus der allerersten Zeit, keine hölzernen Wandfiguren von ihr. Jedoch einiges andere aus Ihrem sehr vielseitigen Schaffenswerk. Ich hoffe, Ihnen meine Tante mit diesen Auskünften etwas näher gebracht zu haben. Es war offensichtlich der damaligen Zeit geschuldet, daß man sich mit irgend etwas über Wasser halten mußte, auch wenn man eigentlich ein ganz anderes Talent besaß. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Ingela Storhas- von Wrangell“.
WRANGEL/WRANGELL, OEVRE: Freundlicherweise hat Ingela Storhas, die Großnichte von Karin von Wrangell, in mehreren E-Mails über ihre verstorbene Großtante erzählt. Sie schrieb am 1.8.2017: „Karin Baronesse v. Wrangell war meine Großtante; ihr Vater und mein Großvater waren Brüder … Sie hinterließ ein viel umfangreicheres Oeuvre. Sie war keinesfalls nur auf diese Laubsägearbeiten beschränkt, sondern schuf Tonfiguren, beschäftigte sich mit Hinterglasmalerei, malte mit verschiedenen Techniken, Öl, Acryl, Aquarell, und bis zu ihrem Lebensende hauptsächlich Portraits … Meine Tante musste die Herstellung solcher Figuren einstellen, als die Familie und Werkstatt in Stuttgart völlig ausgebombt wurden und sie nach dem Totalverlust in Freiburg landeten.“
WRANGEL/WRANGELL, RICHTIGE SCHREIBWEISE: Freundlicherweise hat Ingela Storhas, die Großnichte von Karin von Wrangell, mir mehrere E-Mails geschrieben. Damals war sie achtzig Jahre alt. „Liebe Frau Dietz, haben Sie Dank für Ihre Nachricht und Ihr Interesse an meiner Großtante und Künstlerin Karin von Wrangell. Zunächst: Unsere Familie ist Jahrhunderte alt und hat infolgedessen ein sehr altes und einfaches Wappen. Es stellt eine dreizinnige schwarze Mauer auf silbernem Grund dar. Die Familie stammt aus den ehemaligen deutsch-baltischen Provinzen, noch aus der Kreuzritterzeit. Sie schrieb sich ursprünglich de Wranguele, dann Wrangel; im neunzehnten Jahrhundert wurde es modern, den letzten Buchstaben zu verdoppeln, zu Wrangell. Die Familie spaltete sich in mehrere verschiedene Zweige auf, die sich in Schweden, Russland, Preußen und schließlich in den USA ansiedelten. In der jeweiligen Landessprache war es unbequem, diese Schreibweise beizubehalten. Nur der Familienzweig, der im Baltikum (Estland) blieb, schrieb sich weiterhin Wrangell. Daten: Karin von Wrangell, geb. 30.07.1900 in Alp (Estland), gest. 20.06.1979 in Schielberg bei Bad Herrenalp.“ (E-Mail vom 23.08.2018)
WRANGEL/WRANGELL, WERKSTATT IN LINDAU: Freundlicherweise hat Ingela Storhas, die Großnichte von Karin von Wrangell, mir mehrere E-Mails geschrieben. Damals war sie achtzig Jahre alt. „Liebe Frau Dietz, leider kann ich Ihnen keine genauen Daten sagen, von wann bis wann diese Wandholzbilder produziert wurden. Ich vermute allerdings, dass sie erst in der neuen richtigen Werkstatt in Lindau produziert wurden. Die beiden Tanten (Anmerkung: Karin und Ingeborg) erzählten mir, dass sie eine Decoupiersäge dazu angeschafft hatten. In Berlin war das wohl mehr eine Küchentisch-Werkstatt. Die ganze Familie war bei der Herstellung von Weihnachtsbaumfigürchen eingespannt. Mein Vater, der später selbst Reklamezeichner in einer Werbeagentur wurde, durfte die kleinen Engelchen, Krippen und Tiere anmalen, wobei er sich sehr geschickt zeigte. Die kleinen Schachtel-Märchen entstanden sicherlich viel später. Ohne Maschine ging es wohl nicht, größere Mengen herzustellen. Die Wandbilder wurden insbesondere für Kinderheime, Kindergärten und auch Schulen angefertigt und sogar von Krankenhäusern und Lazaretten bestellt! Für heute denke ich, habe ich Ihnen gesagt, woran ich mich noch erinnern kann, was die beiden alten Damen erzählt haben … Ich selbst habe diese Zeit ja nicht mit ihnen erlebt, ich war ja damals noch nicht geboren und später noch viel zu klein. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Ingela Storhas“. (E-Mail vom 26.8.2018)
WRANGELL, DAS KLEINE MÄRCHENSPIEL: Entworfen wurden die Figuren von „Das kleine Märchenspiel“ in erster Linie von Baronesse Karin von Wrangell (1900-1979). Die Künstlerin war auch für ihre Märchen-Holzbilder bekannt, die unter dem Namen „Karin von Wrangel [sic]“ oder auch „Wrangell-Kunst“ erschienen. Es gab über dreißig verschiedene Märchenboxen und mindestens zehn Versionen von „Das kleine Kinderliederspiel“. Auch der Name ihrer Schwester, Ingeborg von Wrangell, steht auf einigen der Schachteln. Als Hersteller wird „Wi Ko. Plo.“ genannt. Weiß jemand, wer das ist?
ZAANSCH/ZAANDIJK: „Zaansch Handschilder Atelier“ war eine niederländische Manufaktur in der Stadt Zaandijk. Die Motive zeigten vor allem Zwerge und Kinder, aber nur wenige Märchen. Oft sind die Zaansch-Holzbilder besonders originell, was typisch für die Holland-Laubsägearbeiten war. Da gab es zum Beispiel den lustigen Zwerg mit der großen Biene auf seiner Nase. Es wurde viel nach Deutschland verkauft, daher findet man oft das deutsche Wort „Handgemalt“ auf der Rückseite. Die bekannteste Figur von Zaansch ist der grinsende kleine blau-rote Spitzhacken-Zwerg mit den nackten Beinen. Weiß jemand mehr über Zaansch/Zaandijk? Bitte melden Sie sich!
ZAHN DER ZEIT: Im Allgemeinen bevorzugen Sammler alte Wandfiguren, die tadellos erhalten sind. Es gibt aber auch Holzbilder, die derart beschädigt sind, dass man ihnen den Zahn der Zeit so deutlich ansieht, dass es schon fast rührend wirkt, wie jemand sie dennoch all die Zeit aufbewahrt hat. So kenne ich zum Beispiel ein Brüderchen und Schwesterchen von Hellerkunst, das aus den späten 1920er Jahren stammt (noch mit dem ganz frühen schmalen Silberstreifen mit dem Firmennamen): Es ist beeindruckend schmutzig und durchdrungen von Wasserflecken, nachgedunkelt, mit Kratzern, Farbabrieb und einem Abbruch am Sockel, als hätte eine Maus daran genagt. Bei solchen Figuren bleibt die Frage gar nicht aus, was sie wohl alles erlebt haben und sie entwickeln einen besonderen Charme, einen sehr extremen „Shabby Chic“.
ZUMPFE, DRESDEN: Auf den Rückseiten dieser Vorkriegs-Manufaktur steht „Zumpfe Dresden WH Handarbeit“. WH steht für „Weißer Hirsch“, ein vornehmer Dresdener Stadtteil. Weiß jemand mehr über diese historische Manufaktur aus den 1930er und vielleicht auch 1940er Jahren? Ich kenne bisher nur eine Handvoll verschiedener Figuren, darunter ein reizendes großes Schneewittchen und ein wunderschönes Rapunzel.
ZWEITER WELTKRIEG, NOTKOPIEN: Die Jahre im und nach dem Zweiten Weltkrieg waren für viele Menschen hart. In Deutschland entstanden damals tausende von Märchen-Holzbild-Hobbyarbeiten, die für den Verkauf hergestellt wurden. Aber nicht jede 1940er Hobby-Laubsägearbeit wurde aus der Not heraus gefertigt. Woran also erkennt die Verkaufsabsicht? Am deutlichsten daran, dass viele Motive mehrfach herstellt wurden. Ich kenne Sammlungen, denen nicht nur zum Beispiel das gleiche Rotkäppchen dreimal beilag, sondern auch die Vorlagen, von denen kopiert wurde: Ein Faltblatt mit Ilse Schneider-Motiven aus der Eifel oder Pauspapier mit Motiven von Heller. „Nachahmungen werden verfolgt“ stand auf einigen Mertens-Rückseiten aus dieser Zeit.
ZWERGE, ALLGEMEINE ÜBERSICHT: Zwerge, Gnome und Wichtel waren in der Märchen-Holzbild-Ära (1920er bis 1980er Jahre) überaus beliebt. Alle großen Manufakturen produzierten große Mengen von den Zwergen als flache Wandfiguren: Heller, Mertens, Ravi, Bergischer Engel, Ilse Schneider aus der Eifel, die Münchner-Hersteller, Edelholz Freiberg (Erzgebirge), Kurt Süß (DDR) und viele mehr. Sehr viele Wichtel kamen damals von Grossmann in Oberbayern. Die süßen Bayern-Zwerge waren quasi die Spezialität von Grossmann: Die Manufaktur hat damals tausende ihrer liebenswerten Zwerge aus Deutschland ins Ausland verschickt. Aber auch die Vorlagen-Hersteller von Hobbyarbeiten, allen voran Johannes Graupner, schufen viele Motive mit Zwergen. Am ungewöhnlichsten ist wohl der Chefkoch-Zwerg mit dem Fliegenpilz-Gericht und der Katze.
ZWERGE, MIT TIEREN: Die Kombination von einem Zwerg und einem niedlichen Tier war auf den alten Märchen-Holzbildern sehr beliebt. Alfred Mertens zum Beispiel hatte gleich mehrere Wichtel-Serien mit Tieren: Zwerg mit Reh, mit Fuchs, mit Maus, mit Schmetterling, mit Eichhörnchen oder mit Vogel. Auch Grossmann, der Zwergen-Experte, kombinierte viele seiner Wichtel mit Tieren, zum Beispiel das frühe, noch ganz handbemalte Holzbild mit dem Pfötchen gebenden Fuchs. Beim Vorlagen-Hersteller Graupner waren Motive wie zum Beispiel „Beim Walddoktor“ und „Der Vogeldoktor“ sehr beliebt, wo ein Zwerg die Tiere liebevoll versorgt: Er verbindet das Bein eines Rehs oder gibt einem erkälteten Vogel mit einem Löffel Medizin.
ZWERGENHAUS STRÄSSER, WEIMAR: Dort wurden ab etwa 1935 bis in die 1950er Jahre hinein wunderschöne Märchen-Holzbilder hergestellt, mit vielen verschiedenen Motiven: Es gab Märchen, aber auch viele Zwerge sowie Frauen und Männer aus der Rokoko-Zeit, mit wunderschönen Kleidern und teilweise als riesige, sehr aufwändige und filigrane Wandfiguren. Charlotte Sträßer hat die Motive entworfen und später zusammen mit ihren beiden Töchtern handbemalt. Zunächst wurde in Weimar produziert, und nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Flucht in den Westen, nach Stuttgart. Inzwischen erfreuen sich auch auch die Enkel und Urenkel von Charlotte Sträßer an den wunderschönen Figuren, die noch in der Familie verblieben sind.

